NZZ Folio 01/97 - Thema: In der Krise   Inhaltsverzeichnis

E-Mail -- Die wunderbare Welt der stillen Post

Von Franz Zauner

«SCHREIBEN IST EIN MISSBRAUCH der Sprache, stille für sich lesen ein trauriges Surrogat der Rede.» Der Gedanke stammt von Goethe, und er hat ihn natürlich aufgeschrieben.

Die Schrift ist eine Schwäche der Gattung. Der Mensch vermag an keiner Klo-Wand vorbeizugehen, ohne Buchstaben zu hinterlassen. Er muss sich Notizen machen, egal wo, egal wie. Die Nasa liess sich in den sechziger Jahren die Entwicklung eines Kugelschreibers, der sogar in der Schwerelosigkeit Tinte absondert, angeblich eine Million Dollar kosten. (Die sowjetischen Kosmonauten, technisch unterlegen, aber gewitzt, schrieben ihre Grüsse aus der Umlaufbahn mit kostengünstigen Bleistiften nieder.) Dann kam das Internet, und bei allen Spekulationen darüber, wie feindlich es den Buchstaben einmal werden könnte, kann man kaum übersehen, was es ist: eine weltweite Textverarbeitung, eine gut besuchte Schreib- und Leseübung.

Was tut denn der brave Surfer, wenn er surft? Er liest. Sucht er etwas, muss er schon schreiben. Hat er gefunden, was er sucht, liest er weiter. Hat er genug gelesen, schreibt er. Die ABC-Waffen, die ihm dafür zur Verfügung stehen, haben es in sich: Das gängige Software-Arsenal aus Editor, Browser und E-Mail ermöglicht verbale Flächenbombardements in beliebigem Ausmass und allen Sprachen; Redaktoren und Lektoren, die Schergen der Schriftkultur, lassen sich bequem umgehen. Jede Minute wuchern ein paar hundert Kilometer Hypertext aus den PCs dieser Welt, einen Knopfdruck später hat sich der babylonische Schriftbau wie von selbst um ein Stockwerk erhöht. Was hier geübt wird, ist keinesfalls das Leben ohne Schrift, sondern die Schrift ohne Papier und Bleistift.

Die oft beklagten Verstösse gegen Stil und Grammatik beweisen lediglich, welches Entfesselungskunststück da vor unseren Augen abläuft: Schrift darf alles, alles darf Schrift sein. Es ist, als ob sich Buchkultur und Nintendo-Konsole vermählt hätten. Selbst der glucksende Redestrom eines Stammes, der immer neu das Ewiggleiche palavernd dreht und wendet, lässt sich mit elektrischer Sprache lautlos imitieren, wie das Usenet beweist. Erst recht die persönliche Begegnung, die mehr oder weniger eindringlich dem Schema folgt: «Gestatten, dass ich mich vorstelle? Ich bin mein Text, und mein Text ist hinreissend.» Einfacher ist Selbsterschaffung nicht zu haben. Goethe muss sich geirrt haben: Reden ist ein Missbrauch der Schrift.


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