NZZ Folio 11/06 - Thema: Shopping   Inhaltsverzeichnis

Haben alles, wollen alles

© Dukas / X17
Kelly Osbourne, Tochter des Alt-Rockstars Ozzy Osbourne, beim Einkaufen in Malibu, Kalifornien. Linktext
Wenn Julia Roberts, Paris Hilton oder Renée Zellweger einkaufen, platzen die Taschen und frohlocken die Paparazzi. Wie – und warum überhaupt – die VIP shoppen.

Von Sabine Kobes

Als die Königin von Hollywood von ihrer Oscar-Nominierung hört, fährt ihr, garantiert, die gleiche Frage durch den Kopf wie jeder anderen Frau vor dem Silvesterball: Was zieh ich an? Etwas Glamouröses, Umwerfendes natürlich, hier wie dort. Doch während jede andere Frau nun mit dieser Zielvorgabe durch die City-Boutiquen streift, muss Julia Roberts bloss warten. Nicht lange. Neun Kleider erlaubt sich Calvin Klein der chancenreichen «Erin Brockovich»-Darstellerin zu schneidern – ohne Auftrag. Der Designer übertrifft sich selbst bei Faltenwurf und Taillenlösung, überreicht schliesslich, wie üblich, dem Stylisten des Stars seine Unikate, «eine Ehre, Ms. Roberts ausstatten zu dürfen» – und hat am Ende doch das Nachsehen.

In letzter Minute entscheidet sich Julia Roberts vor der Nacht der Nächte 2001 für ein fast zwanzig Jahre altes Vintage-Kleid von Valentino. Schwarze Seide, weisse Streifen. Umwerfend, wie sie später als grosse Siegerin des Abends mit dem Dessin um die Wette strahlt. Umwerfend auch, dass die Filmdiva in diesen Minuten ein Kapitel Fashion-Geschichte schreibt: Frauen auf der ganzen Welt wollen vom nächsten Tag an solche Retro-Mode kaufen. Bis heute hält der Trend an, Valentino schätzt den Werbewert des Auftritts allein für sein Haus auf 25 Millionen Dollar. Schade nur, dass Julia Roberts ihre Traumrobe kein zweites Mal wird tragen können. Das gehört sich nicht für eine weibliche Stil-Ikone.

Der Oscar. Ein Medienereignis, das die Gratisschneiderei beflügelt. Denn wenn Stars über den roten Teppich zum Kodak-Theater flanieren, fragen Dutzende Journalisten für Millionen kopierbereiter Menschen: «Was tragen Sie heute Abend? Welche Couture? Welchen Schmuck?» Der Anlass hat für die Leinwandgrössen zudem etwas vom Reiz des Auspackens der Weihnachtsgeschenke bei uns Normalsterblichen. Die Superstars sind gut beraten, mit dem Kombi anzureisen. Wer für einen Academy Award nominiert ist, darf sich nämlich auf seinen Goody Bag freuen, ein üppiges Präsentpaket der Sponsoren. Eher Big Box als Bag. Eine fünfstellige Dollarsumme schwer. Oft schon konnte man Berühmtheiten bei verzweifelten Bemühungen beobachten, alles in ihrer Limousine zu verstauen. Was drin ist in den Goody Bags? Kameras und weitere tragbare Neuheiten der Informationstechnologie werden als selbstverständlich angesehen. Dann etwa ein Weekender aus Segeltuch von Michael Kors, noch eine Reisetasche, diesmal aus Leder, Kristallvasen, eine Dekantierkaraffe mit passenden Gläsern, Champagner, handgemachte Confiserie von L’Artisan du Chocolat, die Antiaging-Sonnenserie von Estée Lauder, von Frédéric Missir ein Tahiti-Perlencollier, noch mehr Schmuck, Manolo-Blahnik-Sandaletten und das flache Herren-Pendant im Flipflop-Style, reichlich, überreichlich Designerkleidung, ausserdem Gutscheine für Spa und Zähnebleichen. «Erspart mir einige Neuanschaffungen fürs nächste Jahr», meinte der «Herr der Ringe»-Star Sir Ian McKellen einmal.

Trendsetter, Rollenmodelle und Ikonen, die Schönen und Charmanten der Leinwand, die Chart-Stürmer, die Sieger im Sport – sie alle müssten theoretisch nie mehr im Leben einkaufen gehen. Unaufgefordert kommt der kostenlose Lieferservice ins Haus. So landet auch die Naturkosmetik eines Unternehmens aus dem Schwarzwald in den Villen vieler Leinwandschönheiten. Nicole Kidman, Alicia Silverstone und Lauren Bacall seien begeistert über die Pakete gewesen, heisst es. Sie erlaubten weitere Zusendungen. Die von Natur aus eher blasse Renée Zellweger, eine Thirtysomething, habe der Firmenchefin persönlich geschrieben, ihr Teint erscheine dank den Rosentau-Präparaten definitiv «rosiger». Thanks a lot! Ihre Freude über das Wundermittel für Junge und Junggebliebene könne gern weitergegeben werden.

Warum aber sehen wir die vielen Stars und Sternchen, die ständig gratis beliefert werden, so oft shoppen? Sehen wir Victoria und David Beckham, Paris und Nicky Hilton in Hochglanzmagazinen auf dem Rodeo Drive, der Madison Avenue, der Bond Street mit grossem Ernst schleppen, was die Tüte hält (und was möglichst nicht vom Konkurrenten jenes Kosmetikriesen stammt, für dessen Kampagne man gerade selbst «das Gesicht» ist)? Warum selber shoppen statt sich nur beschenken lassen?

Die Antwort lautet: Der Mensch will aktiv werden, will die Wirkung seines Handelns direkt sehen. Wenn kleine Kinder das erste Mal am Kiosk einen Lolli erstehen, statt ihn sich von der Tante schenken zu lassen, erleben sie einen kleinen Schritt auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Für gehätschelte Celebrities ist Einkaufen die Chance, erwachsen zu bleiben.

Wobei die Motive im Einzelfall durchaus den unseren ähneln können. Bei Michael Schumacher zum Beispiel. Bis heute ist vielen unverständlich, dass der Formel-1-Held, der sich Delikatessen aus aller Herren Ländern ins Schweizer Familiendomizil liefern lassen könnte, vom deutschen Discounter einen Vorrat an Marmelade mitbrachte («in der Schweiz fünf Franken, in Deutschland zum halben Preis»). Oder bei Kate Bosworth. In einem Internetforum diskutieren Fans, ob es dem Status einer vielversprechenden Nachwuchsschauspielerin angemessen sei, in einer Filiale von Bed, Bath and Beyond einen Tellerabtropfhalter zu kaufen, untere Preiskategorie. Jack Nicholson und Viggo Mortensen schieben ihre Einkaufswagen durch die Gelson’s-Supermärkte, mittelpreisig.

Hat ein Promi das Recht, Schnäppchenjäger zu sein? Natürlich! Woher soll das Geld denn kommen für die erste Riva-Jacht, die zweite Privatinsel oder den dritten Bungalow in Brentwood?

Solche Fragen berühren De-luxe-Kundinnen vermutlich ebenso wenig wie ihr Kontostand. Zu dumm nur, wenn sie als de luxe gar nicht erkannt werden. Bei Naomi Campbell hätte das nicht passieren dürfen, es passierte aber trotzdem, in diesem Sommer im Londoner Stadtteil Chelsea: Das Topmodel hatte sich bei Peter Jones einige Taschen ausgesucht und wollte per Kreditkarte zahlen. «Ich glaube nicht, dass Sie Naomi Campbell sind», sagte die Verkäuferin. Keine Diskussionen. Woher das Misstrauen? Vielleicht lag’s an der grossen Inkognito-Sonnenbrille? Naomi verliess den Laden, weinend, aber friedfertig. «Es waren viele Menschen dort. Diese Situation war erniedrigend», liess sie ihre Sprecherin später mitteilen. Auch ein Panther – so nennt die Modelszene sie – hat schliesslich Gefühle.

Vielleicht macht Peter Jones ein Angebot zur Güte: Night-Shopping. Wer in den Metropolen einen Termin nach Ladenschluss bekommt, nachts Chiffon, Seide und Organza überstreifen und in Ruhe auswählen darf, der sollte sich vorbehaltlos VIP nennen. VIP der Extraklasse sind jene, für die tagsüber von innen abgeschlossen wird, das Volk muss draussen bleiben. Die Spice Girls sehnten diese Stunden herbei, ist noch heute bei Dolce & Gabbana in Mailand zu hören. Oprah Winfrey versuchte es mit Methode Nummer drei: kurz nach Ladenschluss Einlass begehren. Man signalisierte ihr im Pariser Hermès-Store: «Non, pas de chance» – nicht ohne vorherige Absprache. Die Talklady schäumte, wurde politisch, schmähte das «too old Europe». Hermès begriff es wohl als Ehre.

Überhaupt Hermès. Ob die Nachfahren des Sattlermeisters, der 1837 ein Geschäft für Zaumzeug gründete, nun besonders demokratisch oder besonders elitär denken: Kelly Bag und Birkin Bag, die heissbegehrten Klassiker, sind nicht im Vorbeigehen zu erstehen. Es gilt das Prinzip Warteliste. Je nach Material und Farbe Wochen oder Monate. «Wir machen keine Ausnahmen», beteuert die Firmenleitung. Das System der künstlichen Verknappung funktioniert. Julianne Moore und Sharon Stone und viele ihrer Kolleginnen warten Tasche um Tasche um Tasche … Welch ein Nervenkitzel! Einer der letzten im Glamour-Biotop.

Sabine Kobes ist Textchefin des deutschen Peoplemagazins «Gala». Sie lebt in Hamburg und gönnte sich unlängst das Sofa «Materassi» von Matteo Thun für fast 4000 Euro und liebt es trotz einiger Macken heiss und innig.

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