NZZ Folio 06/93 - Thema: Atomzeitbomben   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Qualität kommt von Qual

Von Wolf Schneider

«IM GANZEN bin ich mit Ihnen unzufrieden», schrieb Jacob Burckhardt 1856 an einen jungen Schriftsteller. «Sie schmeissen die Sachen noch immer so hin und lassen sie liegen, wie es kommt. Mit Ausnahme des jugendlichen Goethe hat aber keiner ungestraft geschmissen. Er durfte es, kraft höchst ausserordentlicher Persönlichkeit. Es lässt sich ein grösserer Dichter als er denken, der es doch nicht gedurft hätte.»

Da wurde ein Nachwuchstalent unbarmherzig auf jene Einsicht gestossen, gegen die die meisten Schreiber und Redner sich sperren, weil sie wehtut und Arbeit macht: «Nichts ist schon deshalb gut, weil ich es hingeschrieben habe.» Junge Journalisten müssen das lernen; Vortragsredner, die es ignorieren, verbreiten Langeweile; Schriftsteller, die sich darüber erhaben fühlen, warten zu Hunderten auf den Verleger, umsonst.

Ob einer Weltliteratur produzieren, einen sauberen Artikel schreiben oder nur eine kurzweilige Rede halten will: Am Anfang steht das methodische Misstrauen gegen das eigene Produkt. Hermann Burger verlangte Prosa, die «in der Esse der Selbstkritik gehärtet» worden sei. Sogar von Selbstzensur könnte man sprechen: dem selbsterlassenen und selbstbefolgten Verbot, sich mit Schwächen, Schludrigkeiten oder leeren Worthülsen an die Öffentlichkeit zu wagen. Selbstzensur ist der Grundpfeiler der Qualität; ihre anderen Stützen heissen Druck und künstliche Erschwerung.

«Hume hat seine Geschichte von England dreimal abgeschrieben, ehe er sie in die Druckerei schickte», rühmte Georg Christoph Lichtenberg. «So muss man es auch machen.» Hölderlin hat viele gerade seiner grössten Gedichte als ein Labyrinth von Korrekturen hinterlassen, das es seinen Herausgebern oft unmöglich macht, die authentische Fassung zu ermitteln. Heine schrieb an seinen Verleger, seine Epen «Atta Troll» und «Wintermärchen» bedürften dringend der Überarbeitung, denn der Dichter sei ein Mensch, «dem die besten Gedanken erst hintennach kommen». Flaubert rang um le mot just, er sprach von den «grauenvollen Anstrengungen des Stils» und schuftete nach seinen Worten «wie sechsunddreissig Millionen Neger». Robert Musil arbeitete an seinem «Mann ohne Eigenschaften» mehr als zwanzig Jahre lang; er starb über der zwanzigsten Fassung des 178. von 251 Kapiteln. Kurz - fast alle grossen Schriftsteller hätten in Schillers Seufzer einstimmen können: «Wüssten es nur die allzeit fertigen Urteiler und die leicht fertigen Dilettanten, was es kostet, ein ordentliches Werk zu erzeugen.»

Und das gilt für jeden ordentlichen Text, nicht nur für grosse Literatur. Die Massstäbe, die man dabei anlegen könnte, versucht diese Kolumne stetig zu beschreiben; heute geht es um die andere Frage: Wie lässt sich die hoffentlich vorhandene grundsätzliche Einsicht im Einzelfall mobilisieren und gegen die Versuchungen der Trägheit durchsetzen? Drei Rezepte haben sich als wirksam erwiesen: abschreiben, laut lesen, Gegenleser suchen.

Niemand, der sich der Mühe unterzieht, einen eigenen Text noch einmal völlig abzuschreiben, überträgt ihn Wort für Wort. Die natürliche Faulheit legt Verkürzungen nahe, und die sind fast immer ein Gewinn; und wer einen Satz ohnehin neu niederschreibt, kann seine Formulierungen verändern, oh- ne sich die kleine Widrigkeit des Korrekturvorgangs zuzumuten, an der viele halbherzige gute Vorsätze zerschellen.

Wem das Abschreiben zu mühsam ist, der sollte seinen Text laut lesen. Es ist überraschend heilsam, das Geschriebene dem Gehörtwerden auszusetzen: Aus blossen Unebenheiten werden dabei Stolpersteine; bei hässlichen Rhythmen kracht es im Gebälk; und ohnehin sollte man keinen Text in die Welt entlassen, der sich nicht als sprechbar und hörbar erwiesen hat.

Die Gegenleser schliesslich, die freiwillig installierte Fremdzensur durch Freunde, Kollegen, Experten: Fast regelmässig entdecken sie Ungereimtheiten, die der Autor übersehen hat, und wenn sie eine Passage langweilig oder gar unverständlich finden, so sollte der Verfasser nicht mit ihnen rechten, sondern den Passus ändern.

Eine sinnreiche Ergänzung der Selbstzensur und der bestellten Fremdkritik ist der Druck, der von aussen kommt. Viele grosse Schriftsteller schrieben gegen permanente Armut oder unrettbare Verschuldung an wie Poe, Balzac, Dostojewski; Tausende von Journalisten können es sich nicht leisten, dem Chefredaktor einen Kommentar mit ihrer wahren Meinung anzubieten, und so wählen sie listige und oft geistreiche Wege, um wenigstens 60 Prozent davon ins Blatt zu mogeln. In ein paar Winkeln lauert auch in der freiesten Gesellschaft die Zensur - und damit der Ansporn, den Zensor mit hintersinniger Rhetorik einzuseifen.

Was schliesslich den Nutzen der künstlichen Erschwerung angeht, so liefert das schönste Beispiel die Lyrik, die strenge, die Versmass und Reim verlangt. Viele der grossartigsten Sprachleistungen wären nie ins Leben getreten ohne dieses Korsett. Das ist nichts für unsereinen, aber ein drastisches Indiz mehr, dass die Qualität von der Plage kommt - wie in Friedrich Rückerts Doppelreimen:

Aus den Tiefen riefen

Meine zagen Klagen

Zu den fernen Sternen,

Die den droben loben.




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