NZZ Folio 10/03 - Thema: Im Büro   Inhaltsverzeichnis

Und R! Und C! Und F!

© Friedel Ammann
Briefe tippen, Rechnungen erledigen, Termine verwalten, nach dem Chef schauen. Linktext
Schön war es nur, wenn der Chef nicht da war. Wie man noch vor dreissig Jahren ein Sekretärinnendasein erleben konnte – und was sich seither geändert hat.

Von Lilli Binzegger 

Auf meinem Tisch stand der schwarzlackierte Stempelhalter mit den Stempeln: Kopie, R (für Registratur), Erledigt, Bezahlt und so fort. Vis-à-vis sass der Chef, er hatte nur einen einzigen Stempel, dafür einen grossen: «Geht an» plus fünf Linien. Er trug eine blaue Berufsschürze und redete gern anzüglich mit mir und den anderen zwei Frauen im Büro, das das Büro der kleinen Apparatefabrik auf dem Land war, in dem ich Mitte der sechziger Jahre die kaufmännische Lehre durchlitt. Wir getrauten uns nicht, es nicht lustig zu finden, er war früher Fahrlehrer gewesen.

Es gab noch den richtigen Chef, Herrn Kapf, der in einem eigenen Büro mit grossem Fenster sass und ohne Unterlass rauchte. Er war immer schon da, wenn ich kam, er stand unten in der Eingangshalle und blickte auf die Uhr, wenn wir im Sommer um 7 Uhr und im Winter um halb 8 einzutreffen hatten. Ich kam kein zweites Mal zu spät. Die Firma hatte vor mir nur einen Lehrling gehabt, und nach mir hatte sie auch nur noch einen. Der vor mir kam bald nach der Lehre ins Gefängnis, der nach mir ist später Pfarrer geworden.

Den halben Tisch füllte die armeegrüne Hermes-Schreibmaschine aus, auf der ich Offerten und Rechnungen mit drei verschiedenfarbigen Durchschlägen tippen musste. Das Durchschlagpapier war dünn, es gab rasch Löcher, wenn man die Fehler und die schwarzen Druckstellen ausradierte, die entstanden, wenn man unterlassen hatte, zwischen Kohlepapier und Durchschlag ein Stück Papier zu legen. Man musste stark anschlagen beim Tippen, damit die Schrift auf dem dritten Durchschlag noch zu lesen war, aber doch nicht so stark, dass auf dem Original die O zu Löchern wurden.

Die Längswand des Büros war von unten bis oben mit Ordnerregalen gefüllt, ein langer Tisch stand davor. An dem stand ich den halben Tag und ordnete die verschiedenfarbigen Kopien nach einem komplizierten Mehrfachsystem ein, nachdem ich sie in einem fächerartigen Vorordner vorgeordnet hatte. Die dünnen Durchschläge rissen in den Ordnern an den Löchern oft aus, so dass man sie mit Ringen verstärken musste, die mit einem unangenehmen Leim beschichtet waren. Etwa bei M klebte einem die Zunge am Gaumen, und es kam oft vor, dass ich N bis Z auch unter M ablegte und in die Verpackungsabteilung Kleinapparate verpacken ging. Die Ordner ab M waren alle dünner bestückt als die vorher. Das hat meines Wissens nie ernsthafte Probleme erzeugt, was die Sinnfälligkeit meines Tuns nicht eben erhöhte.

Schreibmaschinenschreiben konnte ich sehr bald sehr rasch. Ich wurde einmal an einem regionalen Schreibmaschinenwettschreiben Erste, da ich auch noch fehlerlos schreiben konnte, weil einem die Mühsal des Radierens das Fehlermachen bald austrieb. Namen, die ich jeden Tag schreiben musste, konnte ich besonders schnell. «SIG Schweizerische Industriegesellschaft Neuhausen am Rheinfall» kann ich noch heute schneller als alles andere tippen, aber nicht mehr fehlerlos, weil Tippex, Korrekturband und dann natürlich der Computer diese Fertigkeit verkommen liessen.

Wir hatten auch ein Kopiergerät in unserem Büro. Das funktionierte mit Fotopapier und Entwickler, und man musste die Kopien zum Trocknen über die Radiatoren hängen, wo sie sofort dunkelgelb wurden. Ich musste jeden Tag im Volg den Znüni für den Bürochef kaufen gehen, einen Nussgipfel und ein Tetrapack Milch.

Zweimal in der Woche musste ich für einen halben Tag nach Zürich in die Schule, ans KV, wie das damals noch hiess. Wir lernten auf Aluminiumplatten mit seitlicher Klemmleiste, in der man die Borderaux und die Kohlepapiere befestigen konnte, doppelte Buchhaltung führen. Wir lernten Stenographie, die ich in der ganzen Lehre nie brauchen konnte, da der Bürochef die Briefe schrieb. Wir lernten, nach der Anrede in den Briefen ein Komma statt ein Ausrufzeichen zu setzen und klein weiterzufahren. Wir hatten Französisch als Fremdsprache und konnten fakultativ Italienisch oder Englisch belegen.

Schreibmaschinenschreiben lernten wir auf Schreibmaschinen mit blinden Tasten mit einem Metronom, vorne stand Fräulein Meier und diktierte im Takt: und R! und C! und F! Deutsch und Staatskunde hatten wir bei Frau Uchtenhagen, die später beinahe Bundesrätin geworden wäre. Sie war eine wunderbare und unbestechliche Lehrerin, und weil alle ihr gefallen wollten, waren bei ihr noch die letzten Hinterbänkler gut.

Meine Abschlussprüfung war ziemlich gut, weil die Buchhaltungsnote doppelt zählte. Kurz zuvor hatte mich die Firma noch in ihr externes Buchhaltungsbüro nach Zürich geschickt; sie war verpflichtet, ihren Lehrlingen auch Buchhaltungspraxis zu verschaffen. In Zürich liess man mich zwei Wochen lang die Prüfungsaufgaben der vergangenen Jahre lösen.

Nach der Lehre wurde ich Sekretärin in der Eigenwerbeabteilung einer Annoncenfirma in Zürich. Die Abteilung bestand aus dem Chef, einem Grafiker und mir. Der Chef war meistens nicht da, und wenn der Chef nicht da war, war der Grafiker auch nicht da. Es war meine zweitschönste Sekretärinnenstelle.

Die schönste war mein Dreivierteljahr bei Herrn Hrusovar, der für eine Zagreber Bank Simmentalerkühe aus der Schweiz in die Sahelzone verschob und irgendwann nicht mehr von dort zurückkehrte. Ich nahm die Nähmaschine mit ins Büro oder stellte tagelang das Telefon auf Besetzt, um nach aussen Geschäftigkeit zu mimen, und blieb zu Hause. Bald blieb das Telefon aber ohnehin stumm, weil niemand die Rechnungen bezahlte.

Ich war Sekretärin im Bankverein, als sie dort gerade die neuesten Arbeitsmethoden erprobten und ich in einem Grossraumbüro zusammen mit etwa 50 anderen Leuten in repetitiver Pultanordnung – stets Chef und Sekretärin vis-à-vis – pro Stunde 20 Minuten mit arbeitspsychologisch korrekter Musik aus arbeitspsychologisch korrekt placierten Lautsprechern berieselt wurde. Ich hatte den Platz am Ende des Raums und versuchte vergeblich, mit den 49 anderen im Rücken fehlerlos bis zum Ende der Schriftstücke vorzustossen, von denen ich bis zu dem Tag, als ich nach der Mittagspause einfach nicht mehr hinging, nicht herausgefunden hatte, um was es dabei ging.

Zuvor war ich am Hauptsitz der Schweizerischen Kreditanstalt gewesen, wie sie damals noch hiess, ich hatte nur gerade über den Paradeplatz zum Bankverein gewechselt, den es damals noch gab. In der SKA hatte man mich, als ich mich gerade wieder nach neuen Ufern umsah, zur Sachbearbeiterin mit Unterschriftsberechtigung befördern wollen, was grossen Protest hervorrief: Wenn schon eine Frau, dann gab es doch solche, die schon zwanzig Jahre dort waren und nicht erst drei Monate wie ich. Das verschaffte mir die willkommene Gelegenheit, die SKA, die mir möglicherweise eine glänzende Karriere beschert hätte (ich wäre womöglich erste Bankdirektorin geworden), hocherhobenen Hauptes und türeknallend zu verlassen.

Vor der SKA war ich Sekretärin in einem Beleuchtungsunternehmen in Altstetten gewesen, einem Zürcher Aussenquartier, wo man mittags mit dem Chef und seiner Frau, die auch in der Firma tätig war, in der Gemeinschaftskantine essen gehen musste, wo die Firma mit einem Tisch eingemietet war: Punkt zwölf rief die Chefin die Leute zusammen, und dann sass man jeden Mittag schweigend am Tisch und ass. An die Arbeit habe ich keine Erinnerung, ich werde wohl Offerten und Rechnungen getippt und die Durchschläge abgelegt haben, Sekretärinnenstelle nannte sich praktisch jeder Frauenbürojob.

Der Glanz der lange Zeit fast einzigen Alternative zum Verkäuferinnen-, Coiffeusen- oder gar keinem Beruf für Frauen, die oft allein aus geographischen Gründen keine Möglichkeit für weiterführende Schulen hatten, war längst verblasst. Ich weiss nur noch, dass ich den Schreibtisch mit dem Chef teilte und er mir auf dem Stuhl dicht neben mir die Armbewegungen vormachte, mit denen er in jungen Jahren Ruderschweizermeister geworden war. Ich wurde dann Sekretärin in einem Direct-Mail-Büro, wo ich den ganzen Tag Couverts anschrieb, und dann Sekretärin bei einem Scheidungsanwalt, der leider bald starb; die Kriegsgeschichten zu tippen, war lustiger gewesen als alles zuvor.

Es folgte grauer Job auf grauen Job. Es waren so viele, dass ich für die Bewerbungen den Lebenslauf zu türken begann, indem ich die Hälfte der Stellen unterschlug und die Daten in meinen Arbeitszeugnissen frisierte.

Die schweren mechanischen Schreibmaschinen machten der ersten elektrischen Olivetti Platz und die Olivetti der IBM-Kugelkopf, die in der Generation mit dem Korrekturband state of the art der Spezies der Schreibmaschinen war. Von da an ging es mit unbrauchbaren Speicherdisplaymaschinen nur noch bergab. Abenteuerliche Schalttelefone hielten Einzug und die gleitende Arbeitszeit. Die Löhne stiegen von Stelle zu Stelle rasant, es war Hochkonjunktur; wenigstens die gaben keinen Anlass zur Klage.

Die Chefs wurden bedeutender, aber nicht unbedingt gescheiter, meine Arbeit wurde um Kaffeemachen ergänzt und um Gästeherumführen. Ich tippte jetzt Briefe nach Stenodiktat, manchmal sogar auf Englisch, und schrieb, weil ich mangels Übung nicht glaubte, die Steno hinterher entziffern zu können, alles noch in Langschrift darüber. Alle Ausbaumöglichkeiten des Sekretärinnenjobs waren nach drei Monaten immer schon ausgeschöpft. Ich tippte, erinnerte meine Chefs an den Geburtstag ihrer Frauen, buchte Geschäftsreisen x-mal um, organisierte Kadermeetings, an denen Sachbearbeiter teilnahmen, die sich für die Meetings Tipps von mir holten.

Bis eines Tages, ich war gerade Direktionssekretärin in der Firmenleitung eines österreichischen Konzerns, ein nicht sonderlich begabter ehemaliger KV-Kollege in die Firma eintrat, der sich nach Lehrabschluss von einer Sachbearbeiterstelle zur anderen emporgehangelt hatte und mir jetzt Briefe diktieren durfte. Bis zum Tag also, als sich sein vorgegebener Weg mit meinem vorgegebenen Weg kreuzte und ich beschloss, dass ich jetzt die längste Zeit Sekretärin gewesen war.

Seither bin ich vielen Sekretärinnen begegnet – manchen von ihnen aus der Nähe –, die unglaublich tüchtig sind, die an ihrem Arbeitsort die Geschäfte am Laufen halten, den Durchblick haben, daneben Anlaufstelle für alles und jedes, buchstäblich das Öl im Getriebe sind. Darunter etliche, die zur selben Zeit gestartet waren wie ich und denen es zuvor auch nicht viel anders ergangen war als mir.

Beatrice Heinemann gehört einer anderen Generation an als ich, ihr ist es anders ergangen. Ich traf sie letzte Woche, als sie gerade in den Prüfungsvorbereitungen für das eidgenössische Direktionsassistentinnen-Diplom steckte, eine zweijährige berufsbegleitende Weiterbildung. Sie ist mit achtundzwanzig Direktionssekretärin in der Filiale Schaffhausen der Credit Suisse, wo sie von 1991 bis 1994 schon ihre KV-Lehre gemacht hat. Beatrice Heinemann wurde im selben Jahr geboren, in dem ich den Bettel hinwarf. Wie sie mir von ihren Erfahrungen erzählte, war mir, als seien seither nicht knapp dreissig, sondern hundert Jahre vergangen.

«Ich habe die Lehre als etwas Bewegendes, etwas Wahnsinniges erlebt. Eben noch Sekundarschülerin, wurde ich jetzt als Erwachsene behandelt und mit Fräulein angeredet, es war kurz bevor man zur Anrede ‹Frau› überging. Von der ersten Woche an hat man mich am Schalter arbeiten lassen, face to face mit Kunden, natürlich noch unter strenger Aufsicht. Ich bekam dort als Lehrtochter mit 475 Franken Monatslohn dicke Notenbündel in die Hand und rasch einen Bezug zu Geld. Alle drei Monate habe ich die Abteilung gewechselt, und ich fand alles immer von neuem interessant.

Nach der Lehre bewarb ich mich bei der Crossair als Flight-Attendant – mehr darum, weil alle mir gesagt hatten, man müsse nach der Lehre die Stelle wechseln, als dass ich selbst eine Veränderung gewollt hätte. Ich war dann auch nicht unglücklich darüber, dass mich die Crossair nicht nahm. Erst recht nicht, als einer meiner Lehrlingsausbilder, der unterdessen in den USA tätig war und gerade zum Chef der Anlageberatung berufen wurde, mich noch von Amerika aus anfragte, ob ich seine Sekretärin werden wolle.

Dabei war Sekretärin gar nicht mein Traumberuf. Als Kind hatte ich Coiffeuse werden wollen, ich hatte immer meine Barbiepuppen frisiert und sie für alle Zeiten kurzhaarig gemacht. Ich wollte nach der Sekundarschule dann aber einfach so rasch wie möglich unabhängig von den Eltern werden und habe das KV gemacht, obwohl ich die Aufnahmeprüfung für die Mittelschule bestanden hatte, weil ich so schneller zu eigenem Geld kam.

Mein Beruf hat sich in den wenigen Jahren sehr verändert, zum Guten, ich konnte selbst auch dazu beitragen. Und da liegt noch mehr drin, das werde ich auch nutzen. Ich arbeite viel selbständiger als zu Beginn, erledige zum Beispiel manche Korrespondenz und Telefonanfragen selbständig. Anfangs hatte ich noch Kaffee für alle und sonstige Besorgungen gemacht, das macht jetzt jeder für sich selbst, auch der Direktor. Die Post, die ich früher verteilt habe, sortiert jetzt der, der morgens gerade als Erster da ist. Das kann durchaus auch der Chef sein.

Mit Kaffeemachen und Postverteilen und solchen Dingen müsste man heute, glaube ich, nicht einmal mehr einem Lehrling oder einer Lehrtochter kommen.»


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