NZZ Folio 05/08 - Thema: Alles Kunst?   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Sonniger Ausblick

© Heinz Unger
Wohnzimmer mit Durchblick: Das finanzielle Polster wurde mit Fleiss erschaffen. Linktext
Ein pensionierter Mittelschullehrer, ein Banker mit Fernsicht?
Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt aufgrund der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Man ist eingerichtet: schöne Räume mit zeitlosem Mobiliar, eine bleibende Bleibe. Sehr aufgeräumt und picobello ist diese durchkomponierte Wohnung, die Mutter hätte früher gesagt: Man könnte vom Boden essen… Nicht unstolz – der Betrachter wandelt durch Bögen, blickt in die gute Stube, ja sogar ins blitzblanke Bad – zeigen die Bewohner das propere Heim her.

Doch trotz Ein- und Durchblick entsteht das Gefühl, immer dasselbe zu sehen; die gesamte Wohnung ist Ton in Ton mit obligatem Blautupfer. Gold und Florales sind sehr beliebt, an der Wand und im Topf; sogar den Nachttopf, sprich WC-Deckel, zieren Blümchen.

Ordnung, Ausgewogenheit und Symmetrie sind den Bewohnern wichtig, sie haben es gern harmonisch – solid und beständig wie die Ledersofas sind auch ihre Be-Sitzer.

Hier wohnt ein gestandenes Paar, das die gröberen Turbulenzen des Lebens hinter sich hat, das gerne in und auf gut gepolsterten Stühlen verweilt, die Lektüre griffbereit. Das finanzielle Polster und der gehobene Wohlstand wurden mit Fleiss und Arbeit erschaffen, ermöglicht durch einen soliden Beruf im gehobenen Beamtenstatus, vielleicht ein ehemaliger Mittelschullehrer?

Sie lieben, hegen und pflegen ihr Heim, aber da ist noch mehr. Verweisen Vasen, Seepferdchen und Co. und das prominent placierte Buch «Argentina» auf Reisegelüste hin, gönnt man sich hier Kultur- und Bildungsreisen? Entflammt man eher am Reisefieber, als die Briketts im Cheminée anzuzünden?

Südfrüchte bringen Farbe für Auge und Gaumen, ein kleines Stillleben ähnlich der ganzen Wohnung. Bleibt zu hoffen, dass es kulinarisch auf dem Teller nicht ganz so beige ist wie in der Küche.

Ingrid Feigl


Der Innenarchitekt

Eine der Klassik verpflichtete, grossbürgerliche Wohnung. Erst auf den zweiten Blick ist zu erkennen, dass es sich dabei um eine Dachwohnung handelt, die geschickt mit den Volumina der Dacheinschnitte umgeht. Die durchbrochene Wand mit dem Bogen und den Säulenmotiven, die die Bibliothek und den Wohnraum elegant separiert, führt dem Hauptraum viel Licht zu.

Die Lichtstimmung erinnert an süd­liche Gefilde. Auch haben die Bewohner die Sitzmöbel so gruppiert, dass sie in die Ferne blicken. Könnte sich da draussen eine spektakuläre Aussicht auftun? Steht das Haus vielleicht auf einer Anhöhe?

Die Bewohner, vielleicht ein Ehepaar, das seinen Ruhestand im Tessin geniesst, bevorzugen bei den Möbeln eine strenge und kühle Atmosphäre. In der Wohnung sind viele glatte oder glänzende Ober­flächen auszumachen, die an Banken, an die Welt der Finanzen erinnern. War der Hausherr in dieser Branche tätig?

Beim Essplatz mit den Médaillon-Stühlen und der Kommode liesse sich von mediterranem Biedermeier sprechen. In der Wohnung ist beinah alles schneeweiss gehalten; von den Säulen über das Cheminée bis zu den Bugholzstühlen in der Küche. Blaue Akzente setzen die Vorhänge in klassischer Manier, die Sitzkissen und der WC-Deckel.

Ausser dem Tageslicht, das hier ausreichend vorhanden ist, gibt es – abgesehen von einer einsamen indirekten Stehleuchte beim Essplatz – keine künstlichen Effekt-Beleuchtungen. Ist man abends vielleicht nie daheim, sondern geniesst das süsse Leben im Freien?

Stefan Zwicky


Hanspeter Danuser, Kurdirektor

«In meinem Job brauche ich eine Kondition wie ein Schlachtross. Ich beginne den Tag um halb sechs Uhr auf dem Teppich vor dem Schlafzimmer mit den fünf Tibetern, dann Rückenübungen, Handstand und Kopfstand. Um sieben Uhr übe ich im Keller des Kurvereins eine halbe Stunde Alphorn, bevor es richtig losgeht.

Nach St. Moritz kam ich 1978. Man suchte einen Kurdirektor. Mich interessierte vor allem, nach welchen Kriterien die einen solchen Job besetzen würden. Nach drei Monaten, als ich die Bewerbung fast vergessen hatte, flatterte ein Brieflein rein, ich gehöre zum engeren Kreis – was mir im Grunde gar nicht recht war. Mein erster Arbeitstag fiel auf den Tag nach meinem 31. Geburtstag. Ich war total unbekannt und zu jung, um ernst genommen zu werden, weshalb ich mir als erste Amtshandlung einen Schnauz wachsen liess.

Meine Frau war Städterin, für sie bedeutete der Umzug auf 1830 Meter eine grössere Umstellung als für mich Bergler. Ich stamme aus einer Walserfamilie, die es gewohnt ist, jährlich fünf Monate im Schnee auszuharren. Zum Ausgleich kauften wir uns nach sechs Jahren ein Häuschen am Comersee. Dort züchte ich Palmen. Mittlerweile habe ich um die fünfzig Stück, die aufwendig gepflegt werden wollen, das ist einmal im Jahr ein riesiger Chrampf .

25 Jahre lang trug ich einen Schnauz – bis nach 35 Jahren meine Frau weg war – da habe ich mir den Schnauz abgehauen. Alle dachten, ich habe eine neue Frisur. Im Dezember 2003 nahm das Verlassenwerden in St. Moritz geradezu epidemische Ausmasse an: Dem Polizeichef, einem Hotelier, einem Bäderarzt und mir liefen die Frauen weg. Seither treffen wir vier uns freitags zum Mittagessen. Früher nannten wir unser Treffen den Lunch der einsamen Herzen. Mittlerweile sind wir alle wieder glücklich versorgt und nennen ihn den Lunch der ‹happy few›.

Viele Freunde fragten mich, wie ich nach einer solch langen Ehe in derselben Wohnung mit denselben Möbeln leben könne. Natürlich habe ich gewisse Dinge umgestellt, aber eigentlich hatte ich nie Probleme damit. Das Bild über dem Kamin hat uns mein Sohn aus China mitgebracht, er befindet sich im Endspurt seines Sinologiestudiums in Zürich. Mein anderer Sohn leitet eine Schreinerwerkstatt in Pontresina. Wir hatten immer ­einen Holzwurm in der Familie.

Auf das Sofa lege ich mich nach dem Mittagessen von eins bis zwei und schaue die Post durch. Mittags esse ich immer zu Hause, eine Kiwi oder Gemüse. Wenn ich allein bin, könnte ich in Sägemehl beissen. Essen ist ein sozialer Akt und macht nur zu zweit oder mehr Freude. Oft kocht meine Lebenspartnerin.

Sehen Sie da draussen den Paraglider mit Ski? Das habe ich auch schon ausprobiert, macht sehr viel Spass. An meiner Aussicht hänge ich ungemein. Ob ich aus St. Moritz wegziehen werde, wenn ich ab November nicht mehr Kurdirektor bin? Nie! Es ist ein Privileg, so zu leben, ich bin verwachsen mit St. Moritz. Auch den Job würde ich jederzeit wieder machen, obwohl er alles andere als ein ‹Schoggi­job› ist, was viele denken. Ich muss immer gut angezogen sein, mich anständig aufführen, Reklamationen entgegennehmen – und bei den unzähligen Einladungen möglichst nichts trinken, da sonst die Herzbaracke unvermeidlich ist. Mein Ziel ist es, immer vor Mitternacht zu Hause zu sein.

Ich ziehe mich täglich zigmal um. Morgens fürs Skifahren mit wichtigen Gästen, später fürs Büro den Einreiher, kommt ein Fernsehteam – wie heute Vormittag eine Filmcrew aus den USA –, den Zweireiher, abends dann für einen Auftritt mit dem Alphorn etwas Warmes, um nicht zu erfrieren. Ohne militärische Ausbildung könnte man diesen Job nicht machen. Wo sonst lernt man Disziplin und in kürzester Zeit so oft sein Tenue zu wechseln?

Den Daumen habe ich mir beim Snowboarden gebrochen. Mein allererster Bruch. Mein ältester Sohn, er ist Gebirgsoffizier, lieh mir seinen neusten Gefechtshandschuh. Mit dem konnte ich nach dem Unfall prima weiterfahren. Wenn ein Bruch gut fixiert wird, geht das. Am anderen Tag war ich wieder mit Gästen auf den Ski.

Beruflich bin ich so oft unterwegs, allein in den nächsten Wochen in China, Australien, Singapur, dass ich privat nicht auch noch herumfliegen muss. Lieber mache ich eine Fahrt mit dem Glacier-Express oder arbeite ein verlängertes Wochenende am Comersee im Garten.»

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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