ES GAB NICHTS Traurigeres als Ferienorte ausser der Saison: vergilbte Markisen, wortkarge Einheimische, zerfetzte Fähnchen. Der Ort wirkte wie eine erschöpfte, geschminkte Frau in der Oper . . . Maigret fröstelte. Gut, dass Mme Maigret einen dicken Pullover nachgeschickt hatte . . . Trotzdem, seine Stimme war heiser, die Nase trocken . . . Er hatte Fieber. Sogar die Pfeife schmeckte nicht.
Drei Männer lebten in der kleinen Pension . . . und einer musste es sein: der deutsche Professor, der Pariser oder der Jude. Drei Sonderlinge. Wer würde sonst im Januar ans graue Meer fahren, in eine billige Pension, die schlecht geheizt war und deren Kamin rauchte wie eine feuchte Zigarre?
Nun, einer war fast eine internationale Berühmtheit, zumindest bei der Polizei: Jacques, der Fälscher, der Kopf hinter zwei riesigen Kreditbetrügereien. Niemand kannte sein Gesicht. Man wusste nur, dass er um die fünfzig war, unauffällig, Franzose und ein echtes Genie in seinem Fach.
Maigret hängte seinen Mantel in die Garderobe und betrat den Salon. Die Tapete trug Blumenmuster, die Möbel rochen nach Plüsch, das Kaminfeuer rauchte. Sie waren alle da: Goldstein, der Jude, sass vor dem Kamin und las fleissig seine israelischen Zeitungen . . . Seine Lupe folgte den unverständlichen Schriftzeichen unablässig von links nach rechts . . . Der deutsche Professor schrieb, der Pariser streckte die Beine - die Gicht.
Maigret nickte und brummte etwas. Das Meer rollte an, grau in grau, sogar der Schaum schien nur lichtgrau. Noch eine Viertelstunde bis zum Kartenspiel . . . Seit seiner Ankunft spielten sie zu viert . . . wortkarg, verbissen, um kleine Beträge. Keine Beute, die einen Betrüger wie Jacques, den Fälscher, reizen könnte . . . Vielleicht war der Tip aus der Pariser Unterwelt auch falsch gewesen . . . Maigret starrte aus dem Fenster. Es hatte wieder zu regnen begonnen, dick, grau, schwere Tropfen . . . und Maigret fühlte sich an die langen, hoffnungslosen Wintertage seiner Kindheit erinnert, an die Möwen, die ausfahrenden Fischer, den Geruch nach Salz und Maschinenöl . . .
Dann spielten sie Karten. Der Professor, Friedmann, teilte aus, ungelenk, pedantisch . . . Plötzlich hatte Maigret das Gefühl, etwas übersehen zu haben. Was nur? Er fieberte immer noch. Er spielte schlecht. Der Pariser Lerieux, sein Partner, brauste auf: «Karo», schrie er, «warum spielen Sie nicht Karo?»
«Oh, verflucht», murmelte Maigret. Er starrte den vergessenen Trumpf an. Was war es, was ihn irritierte? Die Art, wie Goldstein ausgab. Flink und Karte um Karte. «Warum nicht drei auf einmal?» fragte sich Maigret. Er übersah im nächsten Spiel, dass er auf Lerieux' Dame hätte schneiden sollen. Friedmann machte den Stich mit dem König. «Und Bock, Bock und nochmal Bock», triumphierte er.
Maigret sagte: «Merde.» Lerieux rieb seine Schulter. «Heute werden es nichts als Scheisskarten. Ich spüre es an der Gicht.»
So war es auch. Sie bekamen kein Bein auf die Erde. Maigret war es schwindlig. Er ging an die frische Luft. Wer von seinen Mitspielern war ein Genie, wenn auch ein betrügerisches? Der verbindliche Goldstein, der holzige Friedmann, der lange Monologe über abstrakte Dinge halten konnte, der unter seiner Gicht ächzende Lerieux, was gespielt sein konnte? Er wusste es nicht.
Er ging den Strand entlang, das Meer schlug monoton gegen das Ufer. Maigret fieberte. Er dachte daran, dass auch das Meer seine Ungeheuer verbarg, die einen beim Baden fressen würden, wie das Meer bei Flut am Land frass . . . Wurden Ebbe und Flut durch die Drehung der Erde oder den Mond ausgelöst? Wer wusste es?
Plötzlich wusste er es. Nicht, was die Flut auslöste, sondern dass die magere Gestalt, die ihm am Strand entgegenkam, niemand anderes als Jacques, der Fälscher, war.
«Salu, Jacques», sagte Maigret.
«Pardon, Monsieur?» sagte Goldstein. Seine Stimme war ruhig, aber sein Gesicht leuchtete plötzlich weiss vor Angst in der Dämmerung.
«Ich weiss, dass du es bist», sagte Maigret, «du hast einen Fehler gemacht. Du hast deine Tarnung zu weit getrieben. Du bist nicht kurzsichtig, und du bist auch kein Jude.»
«Wie kommen Sie . . .»
«Hebräisch schreibt man von rechts nach links», sagte Maigret.
«Ja», gestand Jacques, der Fälscher, «das war allerdings ein Fehler.»
Er zuckte zusammen. Dann fiel er vornüber in den Sand. Ein heiseres Stöhnen . . .
Maigret drehte ihn um. Ein bitterer Geruch. Blausäure . . .
Maigret erinnerte sich an die Fische, die die Fischer aus dem Meer holten . . . Sie verloren innert Stunden den Glanz und wurden grau und klein . . . Maigret fröstelte.
Es wurde höchste Zeit, in die mütterlichen Arme von Mme Maigret zurückzukehren.
Übersetzung: Constantin Seibt