NZZ Folio 03/10 - Thema: Alles öko!   Inhaltsverzeichnis

Der Bart ist ab

© EZS (Energie Zukunft Schweiz)
Wichtig ist nicht die Frage, wie viel wir wissen, sondern, wie viele es wissen: Auf dem Energieparcours lernen Schüler die Vorteile erneuerbarer Energieträger kennen. Linktext
Die Tüftler vom Ökozentrum Langenbruck wurden einst als Freaks in Wollsocken belächelt. Heute sind sie begehrte Partner des technisch-wissenschaftlichen Establishments.

Von Herbert Cerutti

Für den Besucher aus Zürich liegt das Ökozentrum Langenbruck nicht gerade am Weg. Man fährt erst mit dem ­Interregio nach Oensingen, wechselt dort in eine putzige Lokalbahn, um in Balsthal mit dem Bus im Jurawald zu verschwinden. Ein steiler Weg führt von der Haltestelle Langenbruck Unterdorf schliesslich zu einem verwitterten Holzbau hinauf. In dieser Abgeschiedenheit ein international renommiertes Forschungszentrum zu finden ist erstaunlich.

«Am Anfang unserer Projekte steht meist viel Gedankenarbeit, und dafür brauchen wir Ruhe», sagt der Geschäftsleiter Christoph Seiberth. Der Mittvierziger hat in Basel Geographie studiert und kam 2006 ans Ökozentrum. Mit einem Jahresbudget von knapp 2 Millionen Franken – wobei sich das Ökozentrum zu über 90 Prozent selber finanzieren muss – betreuen derzeit 19 Mitarbeiter rund 50 Projekte.

Im Jahre 1979 wurde die «Stiftung für angepasste Technologie und Sozialökologie» gegründet. Zwei Jahre später nahm das Ökozentrum Langenbruck als praktische Umsetzung des Stiftungs­gedankens die Arbeit auf. Ziel der Stiftung ist nach wie vor, «die Entwicklung und Erprobung von Technologien zu fördern, die gleichzeitig menschengemäss, umweltschonend, energie- und rohstoffsparend sind». Gründungsväter der Stiftung und Motoren des Ökozentrums waren Willy Bierter, Pierre Fornallaz und Hans Steinemann, technisch-wissenschaftliche Fachleute, die ihre guten Job in der Industrie und an der Hochschule an den Nagel hängten, um mit einem alternativen Engagement für eine bessere Gesellschaft zu wirken.

Es war die Zeit der Ölkrise und des Widerstands gegen das AKW-Projekt Kaiseraugst. Die technisch-wirtschaftliche Skepsis motivierte die Regierung von Baselland, dem Ökozentrum grosszügige Starthilfe zu geben und in Langenbruck ein ehemaliges kantonales Kinderheim zur Verfügung zu stellen. Neben handfesten Ideen für umwelt- und energieschonende Techniken interessierten am Ökozentrum immer schon sozialökologische Anliegen, etwa Fragen nach dem sinnvollen Mass von Konsum, Komfort und Mobilität. Um mit gutem Beispiel voranzugehen, verbesserte man im alten Gebäude die Isolation der Wände, der Fenster und des Daches, installierte Solarzellen für eine Photovoltaikanlage und baute an die Südfront einen Wintergarten.

Um gleichzeitig Heizwärme und elektrischen Strom erzeugen zu können, kombinierte man eine Holzschnitzelheizung mit einem Stirlingmotor, wobei bei solchen Kraft-Wärme-Anlagen ein temporärer Stromüberschuss ins ­öffentliche Netz geliefert werden kann. Der bereits im Jahr 1816 in Schottland erfundene Stirlingmotor arbeitet wie der heutige Benzinmotor mit beweglichem Kolben. Der Treibstoff wird aber nicht im Zylinder verbrannt, sondern in einem äusseren Ofen, weshalb fast jeder beliebige Brennstoff verwendet werden kann. Dank der effizienten Kraft-Wärme-Anlage reduzierten die Ökofreaks ihren Ölverbrauch um 68 Prozent und den Elektrizitätsbezug aus dem öffentlichen Netz um 54 Prozent – ohne dass deswegen im Winter bei schummriger Beleuchtung schlotternd gearbeitet werden musste.

Für die damalige Arbeitswelt unerhört war die Teilzeitanstellung. Teilzeitarbeit erleichtere eine partnerschaftliche und weniger konsumorientierte Lebensgestaltung, lautete das alternative Credo. Und da die Lebensbedürfnisse der Leute am Zentrum nicht sehr unterschiedlich seien, zahlte man der Sekretärin wie dem Ingenieur den gleichen Lohn. Dreissig Jahre später pflegt man in Langenbruck nach wie vor die Teilzeitarbeit. Und noch immer herrscht Lohngleichheit – 4600 Franken pro Monat.

Christian Gaegauf ist Ende fünfzig und mit fast zwanzig Jahren Mitarbeit ein Urgestein des Ökozentrums. Er hatte an der ETH Maschinenbau studiert, arbeitete erst einige Jahre in der chemischen Industrie, um schliesslich in Langenbruck seine Lebensstelle zu finden. Sein heutiger Arbeitsschwerpunkt ist die optimale Verbrennung von Biomasse. «Die frühen Jahre waren für das Ökozentrum hart. Wenn wir den Leuten in der Industrie und in den Behörden unsere energiesparenden und umweltschonenden Ideen vorstellten, wurde uns oft der Rat erteilt, wir müssten realistisch sein, denn solche alternativen Techniken seien zu teuer oder zu unbequem», sagt er rückblickend. Am Anfang musste das Ökozentrum eher kleine Brötchen backen. Das Konzept einer umweltschonenden Waschmaschine oder einer Toilette, die ohne Wasserverbrauch die Fäkalien zu Kompost wandelt, waren zwar sinnvolle Puzzlesteine im alternativen Bemühen. Als es dann aber darum ging, dass ein industrieller Partner die Idee zur Marktreife entwickeln sollte, bekam man in Langenbruck nicht selten eine Absage.

«Unsere Arbeit war trotzdem wertvoll», sagt Gaegauf. «Denn manche unserer Ideen sind später in diversen Produkten aufgetaucht. Und wenn jetzt in der Schweiz auf vielen Dächern Photovoltaikanlagen stehen und im Jura die Windräder rauschen, hat unsere Pionierarbeit doch Früchte getragen.» Eine grosse Hürde für die Förderung von Strom aus erneuerbaren Energien war lange Zeit der niedrige Preis, den die Elektrizitätswerke den privaten Produzenten für den ins Netz gelieferten überschüssigen Strom zahlten. Mit der unlängst eingeführten «kostendeckenden Einspeisevergütung» (KEV) ist dieser finanzielle Nachteil nun beseitigt – «nicht zuletzt dank unserer Überzeugungsarbeit», meint Gaegauf. Mit der KEV werden für Strom aus erneuerbaren Energien, der ins öffentliche Netz geliefert wird, bis zu 90 Rappen pro Kilowattstunde vergütet. Wie wichtig solche Fördermassnahmen sind, illustriert Gaegauf am Beispiel der Photovoltaik. «Als 2008 erstmals Projekte für die KEV angemeldet werden konnten, kam innert weniger Monate künftiger grüner Strom von über 350 Megawatt zusammen. Dies entspricht der Leistung des Kernkraftwerks Mühleberg.»

Noch ist das Potential bei den erneuerbaren Energien längst nicht ausgenutzt. Eine Nische, mit der sich das Langenbrucker Ökozentrum derzeit befasst, sind die Schwachgase aus Mülldeponien. Alte Deponien produzieren unter ihrer Abdeckung Biogase, die abgesogen und in Heizanlagen verbrannt oder abgefackelt werden. Sinkt der Heizwert der Deponie im Laufe der Zeit unter 9 Megajoule pro Kubikmeter, lässt sich mit herkömmlicher Technik das Gas nicht mehr verbrennen. Es entweicht ungenutzt in die Atmosphäre – oftmals in Form von Methan, was 25 Mal klimaschädlicher ist als die Verbrennung zu CO2. Zusammen mit Industriepartnern hat das Ökozentrum Langenbruck nun eine Technik entwickelt, mit der sich noch Gase mit einem Fünftel des bisherigen Grenzwerts verbrennen lassen. Die klimaschützende Deponietechnik ist weltweit einzigartig und findet internationales Interesse.

Wie wichtig die Pflege der Details gerade auch in der Verbrennungstechnik ist, beweist das Labor für nachhaltige Energiesysteme. In Balsthal-Klus, unweit von Oensingen, richtete das Ökozentrum 1998 in der ehemaligen Giesserei der Von Roll einen Arbeitsort für eher grosse Brocken ein. In der riesigen, ziemlich in die Jahre gekommenen Halle werden für verschiedene Firmen Heissgasturbinen und Holzöfen getestet und weiterentwickelt.

Das Labor ist Christian Gaegaufs Reich. Besonders stolz ist er auf den Kalorimeterraum, wo Hersteller von Holzfeuerungen das Wärmeabgabeprofil und den Rauchausstoss ihres Geräts analysieren lassen. Durch kleine Änderungen, etwa an der Brennraumgeometrie oder bei der Luftzufuhr, kann der Ofen schadstoffärmer und energie­effizienter gemacht werden. Der junge Umweltingenieur Michael Sattler schichtet im Ofenraum normierte Holzstäbchen zu einer Kreuzbeige, um im Auftrag des Bundesamts für Umwelt herauszufinden, mit welcher Anordnung des Brennstoffes und mit welcher Regulierung der Luftzufuhr beim Anfachen des Feuers am wenigsten Rauchpartikeln entstehen.

Das Labor hat mittlerweile eine europäische Kundschaft, die ihre Produkte hier testen und optimieren lässt. Dabei arbeitet das Ökozentrum mit der Hafner- und Holzfeuerungsbranche zusammen, aber auch mit der Fachhochschule Nordwestschweiz und dem Labor für Atmosphärenphysik des Paul-Scherrer-Instituts. Was zeigt, dass die
anfangs eher belächelten Ökotüftler zu anerkannten Partnern des technisch-wissenschaftlichen Establishments geworden sind.

Gleichsam in den energietechnischen Olymp auf­genommen worden sind die Langenbrucker mit der Mitgliedschaft bei Brenet, einem Netz von schweizerischen Fachhochschulen, Instituten der ETH und privaten Institutionen aus dem Bereich Gebäudetechnologie und erneuerbarer Energien. Für Kunden aus der Bauwirtschaft sowie für öffentliche und private Institutionen entwickelt Brenet unter anderem neue Baustoffe und Bausysteme; es forscht an polyvalenten Energiesystemen und liefert energetische und ökologische Gebäudeoptimierungen.

Die grössten Energiekonsumenten in der Schweiz sind aber der Verkehr und die Haushalte. Absurd ist dabei die Tatsache, dass man mit der nutzlos verpufften Abwärme der herkömmlichen Automotoren sämtliche Häuser heizen könnte. Der ökologische Unsinn hat jetzt am Ökozentrum zur Vision des Hauses als Kraftwerk geführt. Mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach und einer Kraft-Wärme-Anlage im Keller werden Strom und Wärme für den Haushalt geliefert und das Elektroauto, das jeweils am Abend in der Garage an der elektrischen Nabelschnur hängt, aufgeladen. Überschüssiger Strom geht ins öffentliche Netz. Die Kraft-Wärme-Anlage mit Stirlingmotor wird umweltfreundlich mit Holzpellets beheizt.

Das Ökozentrum betreibt für das eigene Haus eine solche Pilotanlage, wobei vor allem das Lastmanagement, die optimale Abstimmung der Produktions- mit den Verbrauchsphasen von Wärme und Strom, interessiert. Die Bilanz solcher Technik ist erstaunlich: Mit der Energie aus einem 20 Quadratmeter grossen Photovoltaikfeld kann ein Elektroauto jährlich 15 000 Kilometer weit fahren. Würde man einen herkömmlichen Automotor mit «scheinbar umweltfreundlichem» Treibstoff aus Biomasse füttern, müsste man für die gleiche Fahrstrecke Raps auf 6000 Quadratmetern anbauen.

Die Projekte der Langenbrucker Ökoingenieure kennen keine Grenzen. Will man umweltfreundliches Wirtschaften global fördern, muss man auch den Entwicklungsländern mit Rat und Tat beistehen. In Burkina Faso etwa betreiben über hundert Bauernkooperativen Trocknungsanlagen, die mit Gas beheizt werden. Um von diesem Brennstoff wegzukommen, entwickelt das Ökozentrum Langenbruck eine auf erneuerbarer Energie basierende Trocknungstechnologie. Die während der Haupternte herrschende hohe Luftfeuchtigkeit macht bei der herkömmlichen Methode hohe Trocknungstemperaturen nötig, was viel Energie verschlingt und dazu die Qualität beeinträchtigt. Das neue Konzept verwendet eine Wärmepumpe, die über eine Kondensationsstufe im Trocknungsofen die Luft entfeuchtet und schliesslich mit schonender Temperatur die Früchte trocknet. Der für die Wärmepumpe nötige elektrische Strom soll durch eine Photovoltaikanlage geliefert werden. Das im Ofen anfallende, saubere Kondenswasser kann als wertvolles Trinkwasser genutzt werden. Im Keller des Ökozentrums ist nun eine Versuchsanlage für die Trocknung von Mangos aufgebaut worden.

Auf dem Weg zu einer umweltfreundlicheren Zukunft steht für Christoph Seiberth nicht mehr die Frage, «wie viel wir wissen», sondern, «wie viele es wissen», im Vordergrund. Wer ökologisches Denken fördern will, muss nicht zuletzt auf breiter Basis informieren. Mit «Konsum Global» konfrontiert das Ökozentrum daher Jugendliche im Rahmen von Stadtführungen in den Einkaufszonen mit den ökologischen Hintergründen des Warenangebots und der globalen Wirtschaft.

Das vom Ökozentrum zusammen mit der Partnerorganisation Myclimate lancierte «Climatop»-Label soll generell zu klimafreundlichem Konsumieren animieren, indem jene Produkte und Dienstleistungen gekennzeichnet werden, die in ihrer Kategorie am klimaschonendsten sind, also die günstigste CO2-Bilanz aufweisen.
Erste Produkte sind bereits beschrieben: Die von Migros in Auftrag gegebene Zertifizierung von frischen Spargeln etwa zeigt ein drastisches Bild: Per Lastwagen aus Ungarn gelieferte Spargeln schneiden, dank günstigem Klima und guten Böden, am besten ab; die im Winter aus Peru oder Mexiko eingeflogenen Spargeln verursachen eine zehnmal höhere Klimabelastung.

Ob sich die Konsumenten ob dieser Ergebnisse winters vom Spargelessen abhalten lassen? In Langenbruck ist man, wie seit dreissig Jahren schon, zuversichtlich.
 
Herbert Cerutti ist freier Journalist; er lebt in Wolfhausen ZH.


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