Nichts ist über das Erinnerungsvermögen der Völker und der Individuen mit solcher Macht hereingebrochen wie die Schrift. Sie hat das Gedächtnis entlastet und in die Jahrtausende verlängert, und zugleich hat sie es überlagert, entwertet und erschlaffen lassen. In Stein bewahrt die Schrift Gesetze und Gebote für die Ewigkeit - die zwei Tafeln des Moses, «geschrieben mit dem Finger Gottes», ebenso wie das Straf- und Zivilrecht des Hammurabi von Babylon, das vor 3700 Jahren in eine Stele gemeisselt worden und noch heute im Louvre zu besichtigen ist.
Die Schrift bricht den Tod. Auf Pergament und Papier hat sie die Erfahrungen, die Visionen, die Illusionen unserer Ahnen gehortet. Auf Urkunden wirkt sie über die Jahrhunderte. In Tagebüchern und Memoiren lädt sie uns ein, unserem vergänglichen Leben ein Denkmal zu setzen, für die Enkel wenigstens. In der E-Mail überschwemmt sie uns mit einem Wasserfall der Worte, und mit der E-Mail kehrt die Schrift zugleich zur Vergänglichkeit zurück: Meist nur für den Tag ist die Elektropost gedacht, und wer von ihr etwas in die Zukunft retten wollte, der fände es in längstens zwanzig Jahren vom Fortschreiten, Fortrennen der Computertechnik unlesbar gemacht.
Nun hat aber alles Niederschreiben, ob auf dem Bildschirm oder auf Papier, die Eigenheit, unsere Sprache und mit ihr unser Bild vom Vergangenen zu retuschieren. Nie, ausser auf Einkaufszetteln und Terminkalendern, haben die Buchstaben bloss festgehalten, was sonst vergessen worden wäre. «Die Schrift, die die Sprache zu fixieren scheint, ist genauso das, was die Sprache verändert», schrieb Rousseau 1783 in seinem «Essai sur l'origine des langues».
Vordergründig vollzieht sich die Verwandlung dadurch, dass das geschriebene Wort dazu neigt, sich zu verselbständigen. Sobald es eine Schriftsprache gibt, wird auch eine Grammatik kodifiziert, und die greift herrisch auf die mündliche Rede über und will in ihr eine Korrektheit durchsetzen, die die meisten Mitglieder der Sprachgemeinschaft überfordert.
Überdies tendiert das Geschriebene zu blutärmeren Wörtern in komplizierteren Sätzen, und seit Gutenberg das Wort zu Massenware gemacht hat «äffen die Gebildeten mit ihrem anmassenden, ebenmässigen Tonfall die Gleichförmigkeit des Buchdrucks nach», sagt der kanadische Medienphilosoph Marshall McLuhan. Wenn sich aber eine schriftlich überlieferte Rückschau in der Form so deutlich von einer nichtprotokollierten unterscheidet, kann das nicht ohne Rückwirkung auf ihren Inhalt bleiben.
Doch dies ist nur der geringste jener Einflüsse, die die Schrift darauf nimmt, in welchem Licht uns die Vergangenheit erscheint. Ein zweiter, grösserer zeigt sich darin, dass sie unser Gedächtnis einerseits schwächt und ihm andrerseits auf die Sprünge hilft. Wer sich an einen Terminkalender gewöhnt hat, unterlässt es fortan, sein Erinnerungsvermögen auf diesem Feld zu trainieren. Wer die «Ilias» als Buch in die Hand nehmen kann, braucht nicht mehr über das phänomenale Gedächtnis des Rhapsoden zu verfügen, der sie vortrug, lange ehe sie niedergeschrieben war.
Doch auch umgekehrt: Grosse Werke sind aus Notizen entstanden, die ein Dichter in Jahrzehnten häufte - und nie wäre sein Gedächtnis imstande gewesen, von jenen Einfällen, die er vor zwanzig Jahren aufgeschrieben hat, mehr als ein, zwei Dutzend auf Wunsch zurückzuholen. «Reichtum erwirbt man sich durch die Ersparung von Pfennigweisheiten», schrieb Georg Christoph Lichtenberg; dreissig Jahre lang hielt er seine Geistesblitze in Kladden fest, seinen «Sudelbüchern», aus denen erst seine Söhne, dann Generationen von Buchverlegern die berühmten «Aphorismen» destilliert haben. Anton Tschechow füllte in den letzten vierzehn Jahren seines Lebens 8000 Seiten mit Eindrücken und Ideen, um sie für seine Werke auszubeuten. Thomas Mann sagt über seinen Dichter Gustav Aschenbach im «Tod in Venedig»: «Durch kluge Verwaltung» habe er sein Werk aus aberhundert Einzelinspirationen «zur Grösse emporgeschichtet».
Den meisten des Schreibens Kundigen ist eine solche Ökonomie und Disziplin des Niederschreibens fremd. Sie beschränken sich auf Briefe, etliche führen Tagebuch, manche schreiben Memoiren. In denen zumal zeigt sich die Schrift in voller Macht: bei Staatsmännern, wenn sie sich ihrem Nachruhm zuliebe der Schönfärberei und der kühnen Interpretation, wenn nicht der Lüge bedienen; doch beim redlichen Autobiographen ebenfalls. Denn natürlich wird er hier ein wenig polieren, da eine Peinlichkeit verschweigen, dort jene Anekdoten zu Ende erzählen, denen sein Leben die Pointe verweigert hat; und schliesslich wird er versuchen, die oft sinnlos herumbaumelnden Fäden seines Erdenwaltens zu einem noblen Teppich zu verknüpfen; nicht nur wird der Memoirenschreiber diesen Teppich gern betreten - nach aller Erfahrung wird er eines Tages sogar selber meinen, genau so habe sein Leben ausgesehen. Auf diese Weise macht die Schrift aus den zwei oder drei Vergangenheiten, mit denen unsere Ahnen lebten, eine vierte.
Die erste ist die, die wirklich war; die zweite die, die unser Gedächtnis bewahrt, wenn es keine Stütze findet - und auch da filtern wir natürlich, selektieren und sehen uns durch blosses Vergessen geschwächt. Die dritte Form der Vergangenheit kann entstehen, wenn einer ein prägendes Erlebnis jahrzehntelang immer wieder erzählt: Da wird er zuspitzen, Angelesenes unwillkürlich einbeziehen und den Erwartungen seiner Zuhörer immer näher kommen. Man darf wetten, dass jene Kinder, die 1912 den Untergang der «Titanic» überlebten, nach sechzig, siebzig Jahren des Berichtens darüber eine ziemlich andere «Titanic» untergehen liessen, guten Glaubens natürlich und jederzeit bereit, einen Eid darauf zu leisten.
Die vierte, die zusätzliche Vergangenheit bildet sich durch die Niederschrift kurz nach dem Ereignis, das der Schreiber überliefern möchte. Einerseits wird er dadurch Details bewahren, über die sein Gedächtnis beim Wiederlesen nach Jahrzehnten staunt, und dem Überformen durch die Vergangenheiten zwei und drei hat er das Ereignis entzogen. Andrerseits wird schon das Hinschreiben unvermeidlich zu Auswahl und Pointierung führen, oft vermutlich auch zur sofortigen Beschönigung oder zum Aufspüren geheimen Hintersinns. Sollte zu einem solchen Stück Tagebuch ein Fotoalbum treten, so wäre die Entfernung von dem, was wirklich war, ähnlich gross wie beim schriftlosen Erinnern: Es ist dann die Symbiose von Bild und Schrift, die uns ein Damals vorspiegelt, in lockerem Zusammenhang mit dem, was damals war.
Das eigentlich Grossartige in der Vergegenwärtigung der Vergangenheit leistet die Schrift, wo sie eine Brücke über die Generationen schlägt. Bekämen wir das, was vor hundert oder tausend Jahren war, gar nicht oder nur mündlich tradiert - es wäre verschollen oder zur Legende entstellt. Wir aber können uns auf die Erfahrungen unserer Vorfahren stützen, wir können ihre Bücher lesen, ihr Leben weithin rekonstruieren, ja sogar ihr Urteil berichtigen: Verkannte Kulturen entdecken wir neu.
Die Literatur der Antike, im Mittelalter verworfen und vergessen, wurde 1700 Jahre nach ihrer Blüte ausgegraben und läutete in Italien die Neuzeit ein. Eines der grossartigsten Dramen deutscher Sprache, «Dantons Tod», kam erstmals 1902 auf die Bühne, 65 Jahre nachdem Georg Büchner gestorben war. Selbst Shakespeare schien in den anderthalb Jahrhunderten nach seinem Tod fast vergessen, bis Lessing ihn 1759 zum grössten tragischen Dichter seit Sophokles ausrief. Für so viel Dauer zahlen wir freilich einen hohen Preis, unsere öffentlichen Bibliotheken drohen zu ertrinken in der Bücherflut, das Stadtarchiv von Venedig füllt 78 Regalkilometer in 368 Sälen, aufwendig gegen Feuer, Löschwasser und Hochwasser geschützt. Wer in die Archive hinabsteigt, muss kämpfen, um nicht in ihnen unterzugehen, und wer die Menschheit mit einer Idee, die er für neu hält, überraschen will, könnte nach aller Wahrscheinlichkeit aus siebenmal siebenhundert Büchern lernen, wie alt sie ist. Vor allem Lesefähigen und Bildungswilligen baut sich ein Gebirge von schriftlichen Hinterlassenschaften auf, das viele entmutigt und das keiner mehr erklimmen kann.
So schichtet bei Elias Canetti (in seinem Roman «Die Blendung») der besessene Privatgelehrte Peter Kien seine Bücher zimmerhoch zu einem Scheiterhaufen und erklettert ihn mit einer Leiter, um sich lachend auf ihm zu verbrennen. Bei Jorge Luis Borges enthält die «Bibliothek zu Babel» alles, was je geschrieben worden ist, in sämtlichen Sprachen, mit allen Zitierungen jedes Buches in allen anderen Büchern, auch «die Geschichte der Zukunft, die Autobiographien der Erzengel, den echten Katalog der Bibliothek und Tausende von falschen Katalogen, den Nachweis, dass sie falsch sind, und den Nachweis der Falschheit des echten Katalogs . . . ».
Was heisst das überhaupt, «echt»? In die Sprache ist das Problem erst mit der Schrift gekommen. Die heiligen Bücher der grossen Religionen demonstrieren uns, welche tollkühnen und wackligen Bögen zwischen dem Gesprochenen und dem Geschriebenen geschlagen werden mussten, und jeder Politiker von heute stellt uns vor die Frage, ob wir uns eigentlich an das erinnern dürfen, was wir gehört zu haben glauben. Verteilt ein Mensch, der im öffentlichen Leben steht, das Manuskript seiner Rede vorher an die Journalisten, wie dies oft geschieht, so meistens mit dem schriftlichen Hinweis: «Es gilt das gesprochene Wort.» Der Redner behält sich also vor, von seinem Text abzuweichen, und sein frischer Einfall soll höheren Ranges sein als das tags zuvor Geschriebene.
Das klingt ja vernünftig. Nur gilt in den meisten Parlamenten, den klassischen Stätten der mündlichen Rede, das Umgekehrte: Die Parlamentsstenographen haben einen Kodex, der ihnen verbietet, den Redner auf Versprecher, Satzbrüche, sprachliche Entgleisungen festzunageln - es sei denn, der Ausrutscher hätte einen Ordnungsruf oder eine wütende Debatte nach sich gezogen.
Die Stenographen glätten also. Obendrein bekommt der Redner selber das Protokoll zumeist zur Korrektur vorgelegt, und so kann er innerhalb gewisser Grenzen nachträglich entscheiden, was er eigentlich gesagt haben möchte. Das gesprochene Wort gilt folglich nicht. Ist dies eher ein Kuriosum, so dürfen wir schon stutzen über die welthistorische Wirkung von Büchern, die den, der aus ihnen spricht, gerade nicht zum Autor haben. Buddha hat keine Zeile hinterlassen, nach fünfhundert Jahren wurden seine Sprüche erstmals aufgezeichnet. Jesus schrieb zweimal «mit dem Finger auf die Erde» (Johannes 8, 6-8) - was, erfahren wir nicht. Die vier Evangelisten haben Jesus nie gesehen, sondern 35 bis 70 Jahre nach seinem Kreuzestod aufgeschrieben, was mündlich überliefert war. Mohammed erzählte seinen Schreibern, was der Engel des Herrn ihm offenbarte, und zwanzig Jahre nach seinem Tod liess der Kalif Othman (so Brockhaus; Kindler: Utman; Encyclopaedia Britannica: Uthman) die verstreuten und zuweilen widersprüchlichen Notizen redigieren und im Koran zusammenfliessen.
Das heisst doch: Inwieweit sich das ursprünglich Gesprochene in dem nachträglich Aufgeschriebenen widerspiegelt, weiss kein Mensch; nur der Glaube kann ihm helfen. Aber nie hätte das gesprochene Wort allein die Jahrtausende überbrücken und seine Weltwirkung entfalten können.
Da es auf Papyrus oder auf Papier geschrieben wurde, wohlgemerkt. «Ein Glück, dass Moses uns die Zehn Gebote nicht auf einer CD-Rom übermittelt hat», heisst ein Standardwitz in der kalifornischen Rand Corporation. Das ist die selbstironische Kritik an der Kurzlebigkeit der Speichermedien, auf die wir uns im 20. Jahrhundert eingelassen haben.
Während die Gutenberg-Bibeln auf handgeschöpftem Papier schon mehr als ein halbes Jahrtausend überlebt haben, wird Papier heute aus Holzschliff produziert, sauer geleimt und vermutlich in 200 Jahren fast vollständig zerbröselt sein, zur Verzweiflung der Bibliothekare. Magnetbänder können bei guter Lagerung - gleichbleibend kühl und trocken - 100 Jahre überleben, CD-Roms bringen es auf maximal 50 Jahre, Festplatten zuverlässig nur auf 30.
Und nicht genug damit: Noch vor der Unlesbarkeit wird häufig die Unbenutzbarkeit eingetreten sein, weil die Computer, ihre Programme, ihre Betriebssysteme sich im Sturmschritt ändern, dem Geschäftserfolg und der Bequemlichkeit zuliebe und ohne irgendeinen Gedanken daran, dass es vielleicht um ein paar Bücher oder Dokumente von heute schade sein könnte.
Dabei ist noch nie auf Erden so viel geschrieben worden, selbst das Telefon ist ins Hintertreffen geraten gegenüber der E-Mail und den Kurznachrichten im Fenster des Mobiltelefons. Das neue technische Spielzeug erzeugt einen Schrei nach Schrift. Die Zahl der täglich versandten E-Mails wird auf zehn Milliarden geschätzt, obwohl nach wie vor nur der kleinere Teil der Menschheit sich ihrer bedient; und wenn zwei Siebzehnjährige sich in der Disco verabreden, so ist es nicht ungewöhnlich, dass der eine am Eingang im Gedränge eine Short Message mit der Frage «Wo bist du?» ins Telefon eintippt und lieber der schriftlichen Antwort harrt, als mit den Augen zu suchen.
Selbst das «Chatten» im Internet, das ja eigentlich «plaudern, schwatzen, quatschen», also etwas Mündliches bedeutet, findet mit Hilfe der QWERTZUIO-Tasten statt, schriftlich also. Die Frage ist, was das für unsere Sprach- und Schreibkultur bedeutet und wie es damit weitergehen könnte.
Das stilistische und grammatische Niveau der meisten elektronisch übermittelten Schreibprodukte kann jeden Sprachfreund alter Schule nur das Grausen lehren. Die Blitzartigkeit und die Beiläufigkeit der schriftlichen Verständigung haben offensichtlich die Versuchung in die Welt gesetzt, alles Nachdenken und Im-Geist-Vorformulieren zusammen mit allen Konventionen über Bord zu werfen. Schnell soll es gehen, flapsig darf und will man sein, Lehrer und Dichter zu ohrfeigen, ist zum Volkssport geworden. Nur gut, dass solche Schriftprodukte selten dazu da sind, die Erinnerung zu stützen, und wo sie es dennoch tun, können sie die nur nach unten ziehen.
Die Höhezeit der Tasten scheint sich indessen ihrem Ende zu nähern: Der Spracherkennungs-Computer steht vor der Tür. Mit gesprochenen Befehlen werden wir die Waschmaschine in Betrieb setzen können, sprechend wird die E-Mail entstehen - vorausgesetzt, dass der Adressat noch lesen kann (da doch der Absender das Schreiben nicht mehr zu beherrschen braucht). Wird dann auch der Empfänger mit gesprochener Sprache bedient, so ist das Telefon gleichsam zum zweiten Mal erfunden und das Alphabet entbehrlich. «Das Wort sie sollen lassen stan!», heisst es in Luthers Lied - Musik von vorgestern.
Ob da die alten Leute wieder zu jenen Ehren kommen, die sie jahrhunderttausendelang genossen, weil sie der unübertreffliche Wissens- und Erfahrungsspeicher waren - bis die Schrift das individuelle Gedächtnis entbehrlich machte und damit das Greisenalter degradierte? Von den hektischen Erneuerungs- und Vernichtungsschüben aus Kalifornien wird dann mancher rüstige Rentner abstechen durch Dauer; und durch den Nutzen, den Kontinuität immer noch verspricht.
Der Schriftsteller Wolf Schneider lebt in Mallorca.