NZZ Folio 04/92 - Thema: Drogenpolitik auf Irrwegen   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Nüchternes zur Sucht

Von  Lilli Binzegger

Seit Jahren führen vor allem die Staaten der westlichen Welt einen erbitterten Kampf gegen die Drogensucht, hauptsächlich mit den Mitteln der Repression. Die Resultate sind ernüchternd: In den Städten steht man ratlos einer grossen Zahl verelendeter junger Menschen gegenüber, die Beschaffungskriminalität weitet sich aus, internationale Banden machen mit dem Drogenschwarzhandel Milliardengeschäfte. Je länger je mehr kommen Zweifel auf, ob hier die richtigen, die zweckmässigen Mittel eingesetzt worden sind - Zweifel am Einsatz des Strafrechts, am Versuch, dem Übel mit einem umfassenden Verbot beizukommen. Zweifel an der Drogenprohibition, die immer mehr den Eindruck erweckt, dass sie mehr Schäden bewirkt als verhindert.

Die bisherige Drogenpolitik hat nicht zum erhofften Erfolg geführt; darüber herrscht weitherum Einigkeit. Die Prohibitionspolitik ist von der Annahme ausgegangen, dass Drogen mit einem Verbot zum Verschwinden gebracht werden können. Die Annahme hat sich als irrig erwiesen: Es ist eine nüchterne Feststellung, dass jemand, der illegale Drogen konsumieren will, sie sich ohne weiteres beschaffen kann. Wie aber gehen wir mit dieser Tatsache um? Wie gehen wir überhaupt mit Drogen, mit der Suchtbereitschaft von Menschen um? Wohl jeder, der schon vom Anblick einer Drogenszene erschüttert worden ist, hat da nach Antworten gesucht; das Schicksal der jungen Menschen lässt niemanden kalt. Emotionen bestimmen denn auch die persönliche Haltung; und sie bestimmen den Gang der politischen Diskussion.

Die verfahrene Situation erfordert jedoch Sachlichkeit, erfordert zunächst einmal einfach die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den Fakten. Dann braucht es Ideen, vielleicht sogar eine Vision, wie man besser als mit der Prohibition erreichen kann, dass junge Menschen nicht in die Drogenabhängigkeit geraten, und wie man die Schäden auf das Minimum begrenzen kann, wenn es dennoch geschieht. Und dann ist in Kleinarbeit ganz pragmatisch der (zurzeit noch umstrittene) Weg zu diesem (von niemandem bestrittenen) Ziel zu skizzieren, Schritt für Schritt, mit allen Hindernissen, die aus dem Weg zu räumen wären.


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