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NZZ Folio 06/08 - Thema: Perlen aus dem Internet   Inhaltsverzeichnis

Klick'n'Roll

© Anna-Lina Balke, Zürich
Jedem Hörer sein persönliches Musikprogramm: last.fm. Linktext
Seit zehn Jahren macht das Internet auch Musik. Was einer, der von Anfang an mit dabei war, heute hört.

Von Claude Settele

Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre ist der PC auch meine Musikanlage. Begonnen hat es mit dem Webradio, das mit einem Schlag die Grenzen des Programmangebots gesprengt hat. Es war faszinierend, eine Station aus San Francisco einzuschalten und live mitzuhören, wie der Moderator seine Hörerschaft bequasselte und Westcoast-Sound auflegte: Man spürte die kalifornische Sonne förmlich. Bald gingen mir aber die Verkehrsmeldungen zu den Strassen von San Francisco auf den Wecker, ausserdem war die Technik für dieses Medium noch nicht reif – im Modemzeitalter war Radio über Internet teuer, instabil und oft von mieser Qualität. Ich war wohl nicht der Einzige, der sich nach der ersten Euphorie ausklinkte.

Spannend wurde es mit der Verbreitung des Kompres­sionsformats MP3, das einen Song in CD-Qualität um das Zehnfache seiner Grösse eindampft. Das war die Voraussetzung, um die CD-Sammlung zu rippen, den PC als Jukebox einzusetzen und Songs auf portable Player zu transferieren. Die MP3-Player waren vor der Lancierung des iPods 2001 noch klobig, und die Software machte nur jenen Freude, die Technik als Synonym für kompliziert verstanden.

MP3 machte Musik auch fürs Internet reif. Viele werden hinter Namen wie Napster, Kazaa, Limewire und Gnutella anfänglich Rezepte einer exotischen Küche vermutet haben, und die Feldherren des Musikgeschäfts ahnten noch nicht, dass das Download-Zeitalter geschlagen hatte, das ihre Industrie umkrempeln würde. Zehn Jahre sind vergangen, seit Shawn Fanning mit Napster die erste Tauschbörse lancierte. Das Downloaden schien mir anfänglich umständlich. Als dann Kazaa kam, war ich reif und buddelte fasziniert im immensen Angebot nach Titeln. Es gab noch kaum Breitbandanschlüsse, und man wartete mitunter stundenlang, bis ein Song, den gleichzeitig hundert andere anzapften, endlich auf der Festplatte war. Die Tonqualität war oft schlecht, und es tauchten vermehrt beschädigte Songs auf, die, wie gemunkelt wurde, im Auftrag von Plattenkonzernen als Antwort gegen das illegale Treiben in die Tauschbörsen eingeschleust wurden.

Für mich kam Apple mit seinem legalen Download-Shop iTunes gerade richtig. Ohne Mühe einen Song in guter Qualität samt Cover herunterzuladen ist mir 1 Franken 50 wert. iTunes erachte ich mir immer noch als die eleganteste Musikverwaltung. Doch sie produziert auch Misstöne: Ärger steht an, wenn man die Musikbibliothek auf einen neuen PC transferieren will, denn die liebevoll zusammengestellten Wiedergabelisten und Bewertungen gehen dabei meist verloren.
Unterdessen bin ich über Dienste wie Last.fm, Finetune oder Anywhere.fm wieder aufs Webradio gestossen. Diese Dienste kombinieren die Vorteile des Radios mit jenen einer Jukebox und stellen für jeden Hörer ein persönliches Musikprogramm à la carte zusammen. Hierzu braucht der virtuelle Discjockey vom Hörer lediglich eine kleine Liste von Lieblingsmusikern, die er dann aufgrund von Hörgewohnheiten von Tausenden anderer Hörer mit ähnlichem Geschmack erweitert. Last.fm und Verwandte nutzen zudem die üblichen Mechanismen sozialer Netzwerke, was für spannende Abwechslung sorgen kann, wenn man sich etwa in das Programm anderer Hörer einklinkt.

Finetune ist zurzeit mein Favorit. Der Dienst liefert einen Einführungstext sowie das Cover des laufenden Titels und erlaubt weitere Stücke des Albums probezuhören und gleich bei Amazon oder iTunes zu kaufen. Als Inspiration für den Musikmix greift Finetune auch auf die iTunes-Sammlung auf dem eigenen PC zu und sorgt so immer wieder für Überraschungen: Findet das Radio beispielsweise den Song «Belpmoos» von Patent Ochsner auf der Harddisk, beglückt es den Hörer mit einem Song der Punk-Rocker Patent Pending.

Der selektiven Musikunterhaltung zum Trotz kaufe ich ab und zu immer noch eine CD, die als ganzes Album überzeugt. Das Procedere mit dem Herunterladen, Brennen, Ausdrucken und Ausschneiden des Covers ist doch immer noch eine Bastelei.

Claude Settele ist Redaktor für Medien und Informatik bei der NZZ.

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