Sie gehören zu jenen Leuten, die sich in Vollmondnächten unruhig im Bett wälzen und keinen Schlaf finden? Sie haben schon festgestellt, dass viele Menschen in den Tagen um den Vollmond gereizter und nervöser sind als sonst? Und Sie glauben bemerkt zu haben, wie Sie selbst aggressiver werden und sich schlechter kontrollieren können?
«Gesetzt den Fall, Sie haben noch nie einen Menschen umgebracht: wie erklären Sie es sich, dass es dazu nie gekommen ist?» fragt Max Frisch in seinem «Tagebuch 1966-71». Bei der Suche nach einer Antwort sollten Sie bedenken, dass Sie bisher vielleicht nur zufällig vom schlimmstmöglichen Einfluss des Mondes auf Ihre Psyche verschont geblieben sind. Im Gegensatz etwa zu Charles Hyde, einem englischen Tagelöhner, der 1854 vor Gericht beteuerte, der Mond habe ihn zu seinen Morden getrieben. Im Gegensatz auch zum berüchtigten New Yorker «Sohn des Satans», der seine acht brutalen Morde mehrheitlich in Voll- oder Leermondnächten begangen haben soll. Im Gegensatz zu Sarah Moore, die während der Neumondzeit auf Präsident Ford schoss. Und im Gegensatz zu jenen neun Selbstmördern der Jahre 1976/77, die sich, wenn man den Quellen glauben darf, jeweils bei Vollmond von der Golden-Gate-Brücke in San Francisco hinuntergestürzt hatten.
«Ja, auch bei der Polizei herrscht die Meinung vor, dass in Vollmondnächten mehr merkwürdige Anrufe kommen», sagt Roland Wenger, Dienstchef der Einsatzzentrale der Zürcher Kantonspolizei. «Wir können zwar statistisch nicht belegen, dass wir häufiger ausrücken müssten; aber unsere Leute bekommen jeweils Geschichten zu hören, bei denen man gleich merkt, dass nichts dahintersteckt. Einmal erhielten wir die Meldung, ein ganzer Wald brenne lichterloh. Bei näherer Prüfung stellte sich jedoch heraus, dass der vermeintliche Feuerschein vom eben aufgehenden Vollmond stammte.»
Seit Jahrtausenden gilt der Mond als Auslöser psychisch abnormen Verhaltens. Bereits um 400 vor Christus, zur Zeit des Hippokrates, wird er als Krankheitsverursacher erwähnt. In der griechischen und römischen Heilkunde versucht man vor allem die periodisch auftretende Epilepsie mit der ungünstigen Wirkung verschiedener Mondphasen zu erklären; später, im europäischen Mittelalter, werden die diversen schädlichen Einflüsse unter dem Begriff der Mondsucht zusammengefasst. Die Bedeutung des Mondes in der Geschichte der Medizin spiegelt sich noch heute in der englischen und amerikanischen Umgangssprache: Im Zusammenhang mit Geisteskranken und Schizophrenie nach wie vor gebräuchlich sind die Bezeichnungen lunacy und lunatic, abgeleitet vom lateinischen luna. Auch das deutsche monig oder mönig meint noch im 16. und 17. Jahrhundert allgemein Menschen, die «zu Zeiten im Kopf verruckt» sind; das deutsche Adjektiv wird aber allmählich durch «mondsüchtig» ersetzt und verliert den Stellenwert des englischen Gegenstücks.
Immerhin, die Mondsucht gilt auch in deutschen Landen lange Zeit als verbreitete Krankheit. Neben epileptischen Anfällen könne sie Pyromanie, Suizid, Alkoholismus, Schlafwandel und Wahnvorstellungen zur Folge haben, behaupten die Ärzte, und manche mondsüchtige Menschen müssten bei Vollmond gar als Werwölfe ihr Unwesen treiben.
Verbreitet sind denn auch zahlreiche abenteuerliche Geschichten von Begegnungen mit Mondsüchtigen. Der deutsche Benediktinerabt Johannes Trithemius (1462-1516) erzählt, wie er in jungen Jahren bei Vollmond in einer Herberge übernachtete und seinen Bettnachbarn plötzlich im Tiefschlaf aufstehen sah: der sei, die Augen fest geschlossen, durchs Fenster aufs Dach geklettert, leichtfüssig über Mauern und Zinnen geeilt und anschliessend wieder ins Bett zurückgekehrt. Dreimal habe der seltsame Schläfer dies wiederholt, ohne aufzuwachen. Und er, Johannes, spreche von Dingen, die er mit eigenen Augen gesehen und nicht nur vom Hörensagen kenne.
Fast dieselbe Geschichte erzählen sich die Leute freilich auch in anderen Gegenden und Epochen. 1739, zur Zeit der Aufklärung, zweifelt selbst das «Grosse, vollständige Universallexicon von Johann Heinrich Zedler» nicht an der schädlichen Wirkung des Mondes. Mondsüchtige, heisst es in dem Standardwerk, seien «solche Leute, welche nach dem unterschiedenen Lauffe des Mondes ausserordentlichen Bewegungen unterworffen sind, und dahero entweder bey ab- oder zunehmenden Monden bald mehr, bald weniger zu leiden haben, oder auch wol gar bey hellem Monden-Scheine des Nachts wie unsinnige und rasende Leute herum streichen, und allerhand unziemliche, oder doch ungewöhnliche Dinge vornehmen. Wie denn daher auch einige unter dem Namen der Mondsucht eigentlich nichts anders, als eine gewisse Art der Raserey, und der fallenden Sucht, oder der sonst sogenannten schweren Noth und des bösen Wesens verstanden wissen wollen . . .»
Die unheimliche Kraft, die dem Mond zugeschrieben wird, spielte immer wieder auch für die Behandlung verschiedener Leiden eine wichtige Rolle. Und zwar nicht bloss, indem die Insassen von Irrenhäusern in den Tagen um den Vollmond prophylaktisch angekettet oder geschlagen wurden.
Manche Ärzte versuchten die Energien des Mondes auch als positive Heilkraft zu nutzen. Im 17. Jahrhundert empfahl ein Innerschweizer Arzneibuch gegen Hautkrankheiten: «Nimm bei Vollmond eine Blindschleiche, schlag ihr den Kopf ab, binde ihn in ein Stück Leder ein, so dass nur noch das Maul hervorschaut, und hänge das Ganze wie ein Amulett um den Hals.» Mit den Mondphasen operierende Rezepte finden sich auch bei Theodor Zwinger, einem Basler Doktor und Professor der Medizin, dessen Schrift «Sicherer Und Geschwinder Artzt» im 18. Jahrhundert weit über die Schweizer Heimat hinaus bekannt wurde. Gewächse und Geschwüre, vor allem Kröpfe, müssen nach Zwinger bei abnehmendem Mond geheilt werden; steinlösende Arzneien sind bei Voll- und Neumond am wirksamsten; Purgationen gegen Schwindelzustände führt man dagegen am besten «drey Tage nach dem Neumonden» durch.
Was veranlasst die Menschen, an die Wirkung des Mondes zu glauben? Da ist zunächst eine lange, kaum angezweifelte Überlieferung, gespeist aus den Weltanschauungen verschiedenster Kulturen und Zeiten. Antike Astrologie hat sich mit Magie und Weltbild des Mittelalters, Beobachtungen natürlicher Vorgänge haben sich mit populärer Frömmigkeit vermischt. So werden zauberisch anmutende Prozeduren, die in bestimmten Mondphasen durchzuführen sind, nicht selten mit christlichen Gebeten verknüpft. Die Vertreibung von Warzen zum Beispiel funktioniert nach verbreiteter Ansicht nur, wenn man den bei abnehmendem Mond angewandten Bannspruch mit der Formel «Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes» beschliesst.
Manche Gelehrte lieferten aber auch konkrete Erklärungen, wobei sie vor allem mit der lunaren Anziehungskraft argumentierten: Wenn der Mond ganze Meere bewege, was an den Gezeiten leicht zu sehen sei, könne die Wirkung auf den Menschen nicht ausbleiben, denn der menschliche Körper bestehe zu grossen Teilen aus Flüssigkeit. Und regelmässig wurde der weibliche Monatszyklus, dessen Zusammenhang mit den Mondphasen evident scheint, ins Feld geführt.
Wo es um Mondeinflüsse geht, verfliessen freilich die Grenzen zwischen Körper und Psyche. Paracelsus spricht im 16. Jahrhundert von einer Art Hirn- und Nervenströme, die vom Mond angezogen würden wie eine Kompassnadel vom Nordpol. Andere, wie der französische Arzt Joseph Daquin, gehen von einem atmosphärisch vermittelten Einfluss aus. Der Mond wirke mit höchster Intensität auf die ganze Atmosphäre, schreibt Daquin 1792, und das menschliche Nervensystem wiederum reagiere äusserst empfindlich auf die atmosphärischen Schwankungen von Temperatur, Feuchtigkeit und Trockenheit. «Da der Wahnsinn eine reine Nervenkrankheit ist, muss das Gehirn der Wahnsinnigen also unendlich empfindlicher sein für den Einfluss dieser Atmosphäre, die selbst ihre Intensitätsgrade gemäss den verschiedenen Positionen des Mondes im Verhältnis zur Erde erhält.»
Aber auch unabhängig von gelehrten Theorien gab es gute Gründe, an die Kräfte des Mondes zu glauben. Da die zyklische Veränderung des Himmelskörpers unmittelbar sichtbar ist, boten sich die Mondphasen als Sinnbilder für irdische Vorgänge an. Leicht schloss man auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen zu- und abnehmendem Mond einerseits und den Schwankungen der Psyche oder den Naturgesetzen von Werden und Vergehen anderseits. Die Parallelen leuchteten sofort ein, und es war beruhigend, das rätselhafte Geschehen auf der Erde durch kosmische Gesetzmässigkeiten zu erklären.
Kein Wunder, dass der Mond den Menschen als Orientierungshilfe diente und unzählige Regeln für den Alltag lieferte. Im vorindustriellen Weltbild, das von Übereinstimmungen zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos ausging, galt grundsätzlich: Der zunehmende Mond fördert, was wachsen, gedeihen und blühen soll; der abnehmende Mond hemmt, schädigt und vernichtet, was verschwinden muss. Die traditionellen Mondregeln bezogen sich nicht nur auf die Landwirtschaft, sondern auch auf Moral, Hygiene oder Medizin. So hatte eine Hochzeit oder ein Stellenwechsel bei zunehmendem Mond stattzufinden, während bei abnehmendem Mond mit Vorteil Krankheiten geheilt, Häuser gereinigt oder Ungeziefer vertrieben wurden.
Unterstützt wurde der Glaube an die Mondwirkung durch die besondere Qualität des Mondscheins. Das kühle Licht, das Bergen und Tälern, Bäumen und Häusern, Menschen und Tieren zuweilen ein fremdartiges, gespenstisches Aussehen verleiht, musste im vorelektrischen Zeitalter spontane Gefühle für die geheimnisvollen Kräfte des Himmelskörpers hervorgerufen haben. Gerade in der volkstümlichen Überlieferung galt der Mondschein selbst lange Zeit als Ursache der Mondsucht. Im Mondschein schlafen sei gefährlich, hiess es, und vor allem die Schwängerung bei Mondschein habe blöde und mondsüchtige Kinder oder gar Missgeburten, sogenannte Mondkälber, zur Folge. Aus ähnlichen Befürchtungen sollte man Kinderwäsche nicht bei Mondschein im Freien hängen lassen. Im Böhmerwald, weiss das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, nenne man wetterwendige Leute und hysterische Weiber «mondscheini». In andern Gegenden wiederum sagten die Leute: Wer bei Mondschein spinnt, dessen Garn hält nicht; wer bei Mondschein näht, näht sein Sterbehemd.
Längst überwundene Phantasien unserer Vorfahren, mögen manche Zeitgenossen denken. Weit gefehlt. Noch in den sechziger Jahren bezeugte die Bäuerin Onna Maria Durisch-Zarn aus dem bündnerischen Domat, dass sie und andere die Wirkung des Mondes durchaus ernst nehmen. Die Bäuerin hatte einen neuen Ofen bestellt und erwartete die Ofenbauer an einem der folgenden Tage. Aber ein alter Mann im Dorf erinnerte sie daran, dass Öfen, die bei zunehmendem Mond gesetzt werden, nie ruhig bleiben. «Und ich habe den beiden Candinas geschrieben, ob es ihnen nicht gleich wäre, mit dem Ofen erst acht Tage später zu kommen, um ihn bei abnehmendem Mond zu setzen», erzählt die 64jährige Onna Maria dem Volkskundler Arnold Büchli. Am Ende des 20. Jahrhunderts gilt der Mond weiterhin als Quelle okkulter Energien. Weder die Mondlandung noch die Forschungen der Nasa haben daran etwas geändert.
Im Gegenteil. Spätestens seit den siebziger Jahren hat der Mondglaube neuen Auftrieb. So beruft sich ein Teil der Frauenbewegung auf eine jahrtausendealte matriarchalische Mondkultur: Noch im Hexenwesen der frühen Neuzeit sei das uralte Wissen um die Kräfte des Monds präsent gewesen, bevor es von Christentum und männlicher Naturwissenschaft verteufelt und endgültig ausgerottet worden sei. Und einige Frauen wärmen matriarchalische Rituale zur Verehrung der «Mondin» wieder auf - «lunares Bewusstsein», Astralausritte, Vollmondfeste und magische Praktiken haben Konjunktur.
Dabei reproduzieren die neuen Hexen freilich häufig die Phantasien und Projektionen männlicher Inquisitoren. Diese erhoben während der Hexenverfolgung des 16. und 17. Jahrhunderts zahlreiche willkürliche und unhaltbare Anklagen gegen Frauen, wozu auch die Klischees über satanische Vollmondorgien und andere angeblich von Hexen praktizierte Mondkulte gehörten. Mutet es nicht seltsam an, dass ausgerechnet jene schlimmen frauenfeindlichen Vorwürfe, denen meist keinerlei Tatsachen zugrunde lagen, heute als «Wahrheiten» einer positiven, typisch weiblichen Kultur eine Renaissance erleben?
Die Hexenmode der letzten Zeit ist freilich auch Teil einer breiten esoterischen Welle, die mit Vernunftkritik, Verklärung von Naturreligionen und Sehnsucht nach kosmischer Allverbundenheit einhergeht. In den boomenden Esoterica-Abteilungen der Buchhandlungen liegen neuerdings Bestseller auf, die die «Anwendung des Mondkalenders im täglichen Leben» propagieren und Regeln in Hülle und Fülle anbieten. Der 1991 in einem kleinen Münchner Verlag erschienene Titel «Vom richtigen Zeitpunkt» von Johanna Paungger und Thomas Poppe zum Beispiel hat nach nur zwei Jahren bereits elf Auflagen erreicht und wurde bis heute gegen 130 000mal verkauft. In solchen Ratgebern finden Mann und Frau für jede Situation und für jede Tätigkeit die beste Mondphase, von der Nagelpflege bis zum Schuheputzen, vom Familienausflug bis zum Umtopfen, von der Schönheitspflege bis zum Orgasmus.
Und aus den Massenmedien hallt das Echo zurück. «Wenn Sie einen grösseren Busen haben wollen», zitiert eine Frauenzeitschrift 1994 einen Trick aus Neapel, «stellen Sie sich jeden Monat mit nacktem Oberkörper ins Vollmondlicht. Berühren Sie Ihre Brust und sprechen Sie ganz langsam: -Santa Luna, santa Stella, fammi crescer questa mammella.?» Dasselbe Heft berichtet, in Frankreich hätten 50 Coiffeure ihren Salon in Vollmondnächten geöffnet, weil ein Schnitt zu diesem Zeitpunkt den Haarwuchs fördere.
Nein, die Entzauberung des Mondes hat nicht stattgefunden. Wer sich umhört, begegnet allenthalben aufgeklärten Zeitgenossen, die von den Wirkungen des Mondes überzeugt sind - Taxichauffeure, die von verrückten Autofahrern und Beinahe-Unfällen in Vollmondnächten erzählen, Mütter, deren Kinder angeblich bei Vollmond jedesmal «aus dem Häuschen» geraten, oder Zeitungsverträger, die beteuern, bei ihrer nächtlichen Arbeit regelmässig an eine Vollmondschlägerei zu geraten.
Nur die Wissenschafter glauben nicht mehr an den Mond. Vor allem seit der Diskussion über die Studie der Amerikaner Arnold Lieber und Carolyn Sherin, eines Psychiaters und einer Psychologin der Universität von Miami. Die beiden untersuchten rund 4000 Mordfälle, die sich zwischen 1956 und 1970 in den Bezirken Dade, Ohio, und Cuyahoga, Cleveland, ereignet hatten. Obschon die statistischen Daten keine eindeutigen Schlussfolgerungen zuliessen, waren die Wissenschafter zur Überzeugung gelangt, die Mordrate variiere tendenziell mit den unterschiedlichen Mondphasen und erreiche bei Vollmond oder kurz danach eine Spitze.
Die 1972 im «American Journal of Psychiatry» publizierten Resultate provozierten zahlreiche neue Forschungen, und die Studie von Lieber und Sherin wurde von mehr als einer Seite in Zweifel gezogen. Zahlreiche Wissenschafter kritisierten die statistischen Verzerrungen, die die beiden Autoren durch Vernachlässigung von weiteren Faktoren - zum Beispiel der Wochentage oder des genauen Zeitpunkts der Tat - übersehen hatten; und Vergleichsstudien in anderen Gebieten ergaben Null-Resultate.
Trotzdem liessen auch skeptische Psychiater und Psychologen in den vergangenen zwanzig Jahren nicht davon ab, die Auswirkungen des Mondes auf den Menschen mit immer neuen Fragestellungen zu untersuchen. Steckt hinter dem ganzen Wust von tiefsitzenden populären Überlieferungen und Überzeugungen nicht doch irgendwo ein Körnchen Wahrheit?
In einem Zentrum für psychologische Telefonberatung wurde die Frequenz von Anrufen mehrere Monate lang mit den Mondphasen verglichen: keine signifikante Zunahme bei Vollmond. Ein Forscherteam untersuchte 364 Verkehrskatastrophen mit zehn und mehr Todesopfern, die sich in 22 Jahren auf der ganzen Welt ereignet hatten: keine Koinzidenz mit dem Vollmond. In einer grossen psychiatrischen Klinik überprüften zwei Wissenschafter sämtliche Eintritte und Diagnosen von 18 000 Patienten während elf Jahren: keine Auffälligkeiten bei Vollmond. In einer weiteren psychiatrischen Klinik wurden die Aggressionen ermittelt, die in einem Zeitraum von drei Jahren unter den Patienten ausgebrochen waren und Massnahmen erforderten: kein Zusammenhang mit dem Vollmond. Ein Grossunternehmen mit Tausenden von Angestellten lieferte zwei Psychologinnen Daten über Absentismus: keine Steigerung bei Vollmond.
Die allerneusten Ermittlungen schliesslich stammen aus dem Polizeipräsidium Karlsruhe. Angeregt wurden sie durch eine Weisung der Ludwigshafener Schutzpolizei: Dort hatte der Polizeichef auf Grund einer zufällig und oberflächlich erstellten Statistik 1989 angeordnet, an Vollmond- und Neumondtagen «die maximale Anzahl von Wechselschichtbeamten einzusetzen» und «kein dienstfrei zu gewähren».
Worauf der skeptische Karlsruher Polizeidirektor August Greiner seinerseits eine zweijährige, repräsentative Untersuchung startete. «Wenn an den betreffenden Tagen die Aggressivität der Menschen zunähme», sagt Greiner, «müsste sich dies insbesondere bei den Körperverletzungsdelikten, bei Beleidigungen, Freiheitsberaubungen, Nötigungen und Bedrohungen auswirken.» Doch aus der Analyse unzähliger Vorkommnisberichte und Unfallstatistiken zog auch er Ende 1993 das Fazit, «dass es keine Beweise für eine Annahme gibt, bestimmte Mondphasen würden sich auch auf die Polizeipraxis auswirken». - Gewiss, Statistiken sagen nicht alles. Doch zeigen sie, dass sich die Wirkung des Mondes auf den Menschen nicht objektiv messen lässt. Und genau betrachtet sind auch die gängigen Erklärungen problematisch.
Selbst das Argument «Wenn der Mond ganze Meere bewegen kann . . .» verliert bei kritischer Prüfung seine Plausibilität. Denn Ebbe und Flut hängen nicht in erster Linie von Voll- und Leermond ab, sondern sind tägliche Erscheinungen der Mondanziehung und der Erdrotation. Die Gravitation des Erdtrabanten nimmt wohl bei Vollmond noch ein wenig zu - aber nur deshalb, weil der Mond zu dieser Zeit mit Erde und Sonne auf einer Linie steht und seine eigenen Gravitationskräfte durch jene der Sonne vermehrt werden.
Dass die Psyche in irgendeiner Form dem Einfluss des Mondes ausgesetzt ist, lässt sich zwar nicht restlos ausschliessen; allerdings erscheinen die populären Meinungen darüber angesichts der wissenschaftlichen Ergebnisse in einem fahlen Licht. «Falls der Mondeffekt überhaupt existiert», resümiert eine Studie den aktuellen Forschungsstand in bezug auf den Strassenverkehr, «so ist er wohl sehr viel komplexer und schwächer als andere Faktoren wie zum Beispiel Wochentage, Ferien oder saisonale Effekte.» Ähnliches gilt für die übrigen immer wieder behaupteten Zusammenhänge.
Verbreitung und Verwurzelung des Mondglaubens stehen in keinem Verhältnis zu einem möglichen wahren Kern, der allenfalls in ferner Zukunft doch noch zum Vorschein kommen könnte. Vielleicht sollte sich die Forschung nicht länger darauf konzentrieren, die alten Mythen mit immer neuen Studien zu demontieren. Der Widerspruch zwischen subjektiven Einschätzungen und objektiven Daten bleibt, und jeder Versuch, die kursierenden Überzeugungen mit harten Fakten zu widerlegen, scheint erfolglos. Der Glaube an die Mondwirkung - sei sie real oder irreal - entspricht offenbar einem tiefen Bedürfnis.
Ist das nicht merkwürdig genug?
Peter Pfrunder ist Kulturhistoriker und freier Journalist im Pressebüro Kontrast; er lebt in Zürich.