NZZ Folio 01/93 - Thema: Verschwunden   Inhaltsverzeichnis

Fort für immer

99 Prozent aller je auf der Erde entstandenen Tier- und Pflanzenarten sind verschwunden.

Von Vincent Ziswiler

Nach vorsichtigen Schätzungen sind 99 Prozent der Tier- und Pflanzenarten, die es je auf der Erde gegeben hat, verschwunden. Da der Mensch erst am Ende der dreieinhalb Milliarden Jahre dauernden Geschichte des Lebens auftrat, kann ihm nur ein kleiner Teil dieses Verschwindens angelastet werden. Die Gründe für das Aussterben von vielen hundert Millionen Arten von Lebewesen bis zum Beginn der Jetztzeit - vor zwei Millionen Jahren - müssen deshalb anderswo gesucht werden. Von den Paläobiologen werden dabei systemeigene, also biologische, und von aussen einwirkende Naturereignisse in Betracht gezogen. Stetige Zustandsveränderungen sind Merkmale sowohl der belebten als auch der unbelebten Natur. Nachdem einem die Vergänglichkeit des Individuums täglich ins Bewusstsein gebracht wird, erscheint auch die Vergänglichkeit ganzer Arten beinahe als zwangsläufig.

Bei Erörterungen über die Evolution wird stets der Entwicklungsfortschritt betont und weniger auf die ursächlichen Zusammenhänge zwischen Erscheinen und Verschwinden von Arten eingegangen. Dabei kann wechselweise das eine das andere bedingen. Wer die Selektion des Tauglichsten als Grundprinzip des evolutionären Fortschritts betrachtet, akzeptiert auch, dass die verbliebenen weniger Tauglichen mit der Zeit verschwinden müssen. «Verschwinden mit Ersatz» spielte denn auch in der Geschichte des Lebens eine nicht unbedeutende Rolle.

Ein solches, später von der Entwicklung überholtes Stadium war der Urvogel Archäopteryx, der in der Jurazeit, vor rund 150 Millionen Jahren, lebte. Von ihm sind vollständige Skelettüberreste und Federabdrücke vorhanden, die zeigen, dass Archäopteryx zwar das Exklusivmerkmal der Vögel, Federn, besass, dass aber zahlreiche andere für die modernen Vögel typische Merkmale bei ihm erst schwach ausgeprägt waren. Diese betrafen etwa das noch gering entwickelte Flugvermögen, ein noch wenig optimiertes Atmungssystem und ein Gehirn, das kleiner war als bei jedem heutigen Vogel. Archäopteryx befand sich bestenfalls auf dem Weg zum modernen Vogel, und es wird verständlich, dass er neben den später erscheinenden, verbesserten Nachfahren nicht bestehen konnte und verschwinden musste.

Von einigen Tiergruppen lassen sich heute nahezu lückenlose Evolutionsreihen rekonstruieren. Die bekannteste ist die Pferdereihe, die über eine Zeitspanne von 55 Millionen Jahren von einem wenig spezialisierten, fuchsgrossen Wesen zu den heutigen Pferden, Zebras, Eseln und Halbeseln führt: hochspezialisierten Grasfressern, die nur noch auf den Spitzen ihrer Mittelzehen über die Steppen donnern. Nach rückwärts liest sich diese Evolutionsreihe als Aussterbereihe.

«Verschwinden mit Ersatz» bedeutet aber nicht, dass alle Evolutionsreihen in die Gegenwart führen mussten. Vielmehr wurden sie oft irgendwann während der Erdgeschichte «ersatzlos gestrichen», ohne dass dieses Ende direkt mit einem der grossen Massenaussterben in Zusammenhang gebracht werden kann. Das gilt für die Panzerfische (Placodermi), die ersten Wirbeltiere mit einem Kieferapparat, einer Erfindung, die sie während der Devonzeit zu den dominierenden Wirbeltieren der Gewässer machte. Ihr Name weist auf die massiven Knochenplatten hin, mit denen Kopf- und Nackenregion gepanzert waren, während Rumpf und Schwanz ungepanzert und damit beweglich blieben. Der Erfolg der Panzerfische spiegelt sich in ihrer Formenvielfalt, die von kleinen, den Gewässergrund bewohnenden Formen bis zu zehn Meter langen, räuberischen Meeresungeheuern reichte. Obwohl ein Massenaussterben im Oberdevon auch von den Panzerfischen seinen Tribut forderte, überlebte die Gruppe bis gegen das Ende der Karbonzeit, wo sie sich allmählich verlor. Man nimmt an, dass sie von der Schwestergruppe, den Haien, die- ungepanzert und nur mit einem leichten Knorpelskelett versehen - schnellere und behendere Schwimmer hervorbrachte, ausgebootet wurde. Ein ähnliches Schicksal erlebten auch die Trilobiten, marine Gliederfüssler, die die Meere des Erdaltertums mehr als 220 Millionen Jahre lang beherrschten und sich zu mindestens 10 000 Arten differenzierten. Gegen Ende der Permzeit starben sie allmählich aus, ehe das grösste aller Massenaussterben einsetzte, das die Grenze zwischen Erdaltertum und Erdmittelalter kennzeichnet.

Ein anderes Phänomen des Verschwindens liesse sich mit «Entwicklung und nachfolgender Selektionierung von Prototypen in der Folge grosser innovativer Ereignisse» umschreiben, wie das Auftreten mehrzelliger Tiere zu Ende des Präkambriums. Diesen aus koordiniert arbeitenden Zellverbänden aufgebauten Organismen eröffneten sich schlagartig neue Möglichkeiten der Differenzierung und der Spezialisierung. Vielzelligkeit stellte in der Tat den Wurf in der Geschichte des Lebens dar und führte in kürzester Zeit zur Entstehung einer unglaublichen Vielfalt unterschiedlichster Konstruktionstypen.

Ein Fenster in die Zeit dieser kambrischen Entfaltung ist die Fundstelle Burgess Shale in den Rocky Mountains von Britisch-Kolumbien. Das Bild, das sich aus dieser Momentaufnahme aus der Frühgeschichte der mehrzelligen Tiere ergibt, ist überwältigend: Neben den bekannten Trilobiten finden sind unter ihnen 13 neue Konstruktionstypen von Gliedertieren und Vertreter von 8 bisher unbekannten Tierstämmen, die nach der Burgesszeit nicht wieder auftauchten. Die arrivierten Vielzeller des Kambriums müssen in sehr kurzer Zeit eine Vielzahl grundverschiedener Prototypen entwickelt haben, die einem rigorosen Auswahlverfahren durch die umgebende Natur und Konkurrenz unterzogen wurden, das nur wenige überlebten.

Die spektakulärste Form des Artenverschwindens ist das Massenaussterben; seit langem bekannt ist jenes Ereignis am Ende der Kreidezeit, dem unter anderem alle Dinosaurier zum Opfer fielen. Das Studium dieser Perioden, während deren oft mehr als die Hälfte aller Tierarten verschwanden - Pflanzen wurden von diesem Phänomen weit weniger betroffen -, und die Erforschung ihrer Ursachen sind in den letzten Jahren das Thema er Paläobiologie geworden. Schwieriger als der Nachweis der Massenaussterben gestaltet sich ihre kausale Erklärung. Als sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Erkenntnis durchsetzte, dass Fossilien Überreste von Lebewesen seien, deutete man sie als Opfer der Sündflut. Erst die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eingeführte relative geologische Schichtdatierung und erste Befunde zur Verschiedenheit fossiler und heute noch vorkommender Lebewesen liessen Zweifel an der Ausschliesslichkeit der biblischen Sündflut als Ursache für die Fossilisation aufkommen. Später versuchte man auch biologische Ursachen für das Verschwinden ganzer Tiergruppen heranzuziehen. Für das Aussterben der Saurier machte man Degenerationserscheinungen, extreme Entwicklung in die Sackgasse und das Auftreten flinker, gleichwarmer Säugetiere verantwortlich, die sich über die Eier der schwerfälligen Saurier hergemacht hätten.

Keine dieser Thesen konnte einer seriöseren Prüfung standhalten, so dass man sich wieder vermehrt möglichen Einflüssen von aussen zuwandte. Den Eiszeitforschern gelang es nicht nur für das letzte grosse Eiszeitalter, das Pleistozän (1 Million bis 10 000 Jahre zurück), mehr als die bekannten vier Vereisungsperioden nachzuweisen; man erkannte auch, dass es in viel länger zurückliegenden Epochen mehrmals Eiszeitalter, verbunden mit allgemeiner Klimaverschlechterung, gab. Solche Perioden lassen sich gut datieren und können mit den bekannten Massenaussterben zur Deckung gebracht werden.

Die Geologen, die lange Zeit der 1912 von A. Wegener aufgestellten Kontinentalverschiebungstheorie skeptisch gegenübergestanden hatten, erlebten mit der Plattentektonik eine Revolution ihres Gebietes. Sie erkannten, dass die Erdkruste sich in grosse Platten gliedert, die über die Erdkugel gleiten und die sich dauernd aufeinander zu oder voneinander weg bewegen. Die den Platten aufsitzenden Kontinente änderten im Verlaufe der Erdgeschichte nicht nur laufend ihre Position und ihre Verbindungen zueinander, sondern glitten auch zeitweilig durch die ausgedehnten polaren Vereisungszonen, wie dies zurzeit für die Antarktis der Fall ist, mit allen Konsequenzen für die Fauna und Flora. Dabei stellt sich die Frage, inwiefern solche Klimaverschlechterungen für eine globale Artenverarmung verantwortlich zu machen sind.

Erfahrungen mit der letzten Eiszeit, die erst vor 10 000 Jahren zu Ende ging, und ausgedehnte Untersuchungen an alten Meeresablagerungen zeigen, dass Kälteperioden, die sich in polarnahen und gemässigten Zonen mit ausgedehnten Vereisungen manifestieren, stets weltweite Auswirkungen haben. Da sich Eiszeiten während Jahrtausenden entwickeln, bleibt Tieren und Pflanzen zwar ausreichend Zeit, den sich äquatorwärts verschiebenden Klimagürteln zu folgen. Da diese sich jedoch nicht über den Äquator hinaus verschieben können, verengen sie sich zwangsläufig, was einen verstärkten Konkurrenzkampf unter ihren Bewohnern zur Folge hat und zum Aussterben der unterliegenden Arten führt. Am einschneidendsten wirkt sich Klimaverschlechterung auf den Tropengürtel aus, der sich nicht verschieben kann und von Norden und Süden her drastisch verengt wird. Da diese Zone zugleich die grösste Artenvielfalt beherbergt - über 80 Prozent aller Tierarten kommen dort vor -, nimmt der Artentod hier epidemische Ausmasse an.

Nicht minder drastisch wirkt sich Klimaverschlechterung auf das Leben im Meer aus. Da die Wassertemperatur einzelner Meereszonen geringfügiger schwankt als die Lufttemperatur, reagieren Meeresorganismen empfindlicher auf Temperaturveränderungen. So können Riffkorallen nur in Gebieten existieren, in denen die Wassertemperatur konstant über 20 Grad Celsius liegt. Klimaverschlechterungen haben eine generelle Abkühlung der Meere zur Folge, was dazu führen kann, dass die etablierten warmen und kalten Meeresströmungen ihre Richtung ändern. Wenn beispielsweise der warme Golfstrom, der sich bis weit ins Nordmeer hinauf bemerkbar macht, seine Richtung änderte, hätte dies nicht nur für die betroffene Meeresfauna, sondern auch für das angrenzende Festland verheerende Auswirkungen. In Mitteleuropa würden dann Klimabedingungen vergleichbar mit jenen von Labrador herrschen.

Der artenreichste und am dichtesten bewohnte marine Lebensbereich sind die Flachmeere und die untiefen Küstengürtel. Ihnen droht während Eiszeiten weltweit die Trockenlegung. Da in den Vereisungszonen ungeheure Wassermengen als Eis gebunden werden, sind Senkungen des Meeresspiegels von bis zu 300 Metern die Folge. Dadurch kann der Flachmeerbereich nahezu total verschwinden. Aus dieser Sicht wird verständlich, weshalb nur höchstens ein Prozent der Korallen- und Seelilienarten die schwere Perm-Trias-Krise überlebten.

Neben Klimaverschlechterung werden immer wieder ausserirdische Einflüsse als Ursache für Krisen in der Biosphäre vermutet, zum Beispiel Phasen intensivierter kosmischer Einstrahlung, etwa als Folge einer Supernova in der Nähe unseres Sonnensystems, oder Meteoriteinschläge, in deren Folge Staubwolken grosse Teile der Erde wesentlich abgedunkelt hätten. Vor allem für die letztere dieser als Impakthypothesen bezeichneten Deutungen gibt es deutliche Hinweise hauptsächlich für die Kreide-Tertiär-Krise. Triftige Argumente können auch die Vulkanologen beibringen, die zeigen, dass in Zeiten erhöhter vulkanischer Aktivität Partikel in die Atmosphäre gelangen, die unter Umständen grossflächig die Sonneneinstrahlung auf die Erde verringern.

Versucht man die verschiedenen Kausalhypothesen für das Auftreten von Massenaussterben zu werten, so spricht sehr vieles für die These der Klimaverschlechterung, die vor allem von Steven M. Stanley und seinen Mitarbeitern von der Johns Hopkins University, Baltimore, vertreten wird.

Die Auswirkungen globaler Klimaverschlechterungen sind bekannt, und Kaltzeiten während der verschiedenen Ären der Erdgeschichte sind belegt. Fossilfunde aus der Zeit von Krisen zeigen auch deutlich, dass sich Massenaussterben nicht in einem Augenblick und auch nicht während eines Menschenalters, sondern während Jahrtausenden abspielten, also in Zeiträumen, wie sie auch die grossen Klimaveränderungen benötigen. «Impaktkatastrophen» hingegen müssten in kürzester Zeit ihre Folgen haben. Nicht auszuschliessen, ja sogar wahrscheinlich ist jedoch, dass verschiedene Umstände am Zustandekommen einer lebensgeschichtlichen Zäsur mitwirken. Gerade im Fall der Oberkreidekrise spricht vieles dafür, dass die Grundkrise der Klimaverschlechterung durch die Folgen von Meteoriteinschlägen und erhöhter vulkanischer Aktivität verstärkt wurde.

Massenaussterben, denen Hunderttausende von Arten und ganze Grossgruppen zum Opfer fallen konnten, forderten zwar stets enorme Verluste an Vielfalt, schufen aber gleichzeitig die Voraussetzung für die Entstehung neuen Formenreichtums. Betrachtet man grosse Tiergruppen über die erdgeschichtlichen Epochen hinweg, so sticht ins Auge, mit welchem Entfaltungspotential viele von ihnen gravierendste Verluste wieder zu kompensieren vermochten. So überstanden die Ammoniten, deren Gastspiel auf der Erde mehr als 400 Millionen Jahre dauerte, vier verheerende Katastrophen. Die schlimmste, das Trias-Jura-Ereignis, überlebten zwar nur zwei bis drei Gattungen. Aus diesen entfaltete sich jedoch in erstaunlich kurzer Zeit der enorme Formenreichtum der Jura- und Kreidezeitammoniten.

Es scheint, dass die durch die Katastrophen frei gewordenen ökologischen Nischen bei den überlebenden Formen eigentliche Evolutionsschübe auslösten. Die Besetzung oder Eroberung solcher Nischen fördert das Spezialistentum: wer sich mit exklusiven Anpassungen einen Vorteil gegenüber den Mitkonkurrenten ergattert, zum Beispiel speziell harte Nüsse aufknacken kann, setzt sich durch. Je länger eine erdgeschichtliche Periode ohne markante Klimaveränderungen oder geologische Katastrophen andauert, desto differenzierter fügen sich Spezialisten aus allen Tiergruppen in die vorhandenen Nischen ein. Spezialisation wird oft zu Einwegspezialisation und führt schliesslich in eine Sackgasse. Säugetiere, die sich auf Termiten oder Ameisen spezialisierten, entwickelten eine röhrenförmige Schnauze und eine lange, wurmförmige Zunge, um damit Insekten aus ihren Gängen hervorholen zu können, und bildeten ihre überflüssig gewordenen Zähne zurück. Einwegspezialisation führte hier zu ausschliesslicher Abhängigkeit vom Lebenssubstrat. Verändert sich dieses, so ist der Extremspezialist zum Verschwinden verurteilt. Allrounder hingegen, in der Ökologie bezeichnet man sie als Generalisten, haben gute Überlebenschancen. Den belegten globalen Massenaussterben fielen denn auch vorab Spezialisten zum Opfer, während die Generalisten, die in guten Zeiten oft ein Schattendasein führten, eher überlebten und nach der Katastrophe die Ausgangsbasis für neue Spezialisierung bildeten. Der der Asche entsteigende Phönix muss allerdings nicht - wie bei den erwähnten Ammoniten - aus der gleichen Tiergruppe stammen, sondern eine neue Grossgruppe kann die Rolle der früheren übernehmen. Ein solcher Rollentausch fand zwischen den Säugetieren und ihren direkten Reptilienahnen einerseits und den Dinosauriern anderseits statt. Globale Faunenkatastrophen, wie sie im Laufe der Erdgeschichte mehrmals belegt sind, erweisen sich als die entscheidenden Impulse für die Höherentwicklung des Lebens auf dieser Erde. Ohne sie hätte sich die Biosphäre in den letzten 600 Millionen Jahren völlig anders entwickelt. Möglicherweise hätte auf der Stufe der Trilobiten, Seelilien und Tintenfische eine kontinuierliche Feindifferenzierung in die Breite stattgefunden. Unter den anzunehmenden stabilen Umweltbedingungen hätte sich ein ebenso stabiles Gefüge bestens aufeinander abgestimmter Lebewesen eingestellt, von dem jedes durch die konstanten Selektionsbedingungen dermassen optimiert gewesen wäre, dass die Evolution längst zum Stillstand gekommen wäre: ein schönes, aber unendlich langweiliges Paradies!

Auch wenn man die Selbstzerstörung einer grossen Tiergruppe wie der Dinosaurier ausschliesst, sind grossräumige, durch Tiere verursachte Faunenkatastrophen belegt. Sie traten auf, wenn über neu entstandene Landverbindungen Invasoren eindrangen und auf alteingesessene Faunen stiessen. Landbrücken entstanden durch die zeitweiligen Meeresspiegelsenkungen im Bereich der Beringstrasse, zwischen Eurasien und Amerika und mit der Anhebung der zentralamerikanischen Landbrücke. «Moderne» Säugetiere aus Nordamerika, wie Hirsche, Schweine, Kamele und Raubtiere, vernichteten durch Konkurrenz und Verfolgung einen grossen Teil der angestammten südamerikanischen Säugetierfauna, die sich in einer mehr als 50 Millionen Jahre dauernden Isolation speziell und exklusiv differenziert hatte. Zu ihr gehörten eine Beuteltiervielfalt, die sich mit derjenigen von Australien messen konnte, mehrere inzwischen ganz ausgerottete Gruppen wie die Urhuftiere sowie die Gürteltiere, Ameisenbären, Faultiere und Neuweltnagetiere, die schwer dezimiert wurden.

So plausibel das massenhafte Verschwinden von Tier- und Pflanzenarten in vielen Fällen auch erklärt werden kann, bleibt einiges doch rätselhaft. So wanderten in Südamerika mindestens drei Gattungen von Pferdeverwandten ein und breiteten sich rasch aus. Dennoch verschwanden sie am Ende des Pleistozäns, zusammen mit ihren Vettern aus Nordamerika, dem Kontinent, auf dem sich alle entscheidenden Phasen der Pferdeentwicklung abspielten. Eine parallele Entwicklung erlebten die Kamele, die ihre Evolution zur Hauptsache ebenfalls in Nordamerika durchmachten und von dort aus Eurasien und Südamerika besiedelten. Von ihnen erreichten nur das südamerikanische Guanako und das Vikunja sowie das altweltliche Kamel die Gegenwart.

Rätselhaft oder mindestens nicht vollständig geklärt bleibt die markante Verarmung der Grosssäugetierfauna während der auslaufenden letzten Eiszeit und dem ersten Jahrtausend der Nacheiszeit. Vor rund 40 000 Jahren, als die letzte Eiszeit ihren Höhepunkt bereits überschritten hatte, gab es weltweit eine wesentlich grössere Vielfalt von Tieren, besonders grossen Säugetieren. Zu ihnen gehörten nicht nur die bekannten Eiszeittiere wie Mammut, Wollnashorn, Riesenhirsch und Höhlenbär, sondern erstaunlich viele Riesenformen australischer Beuteltiere und vor allem eine Menge amerikanischer Grosstiere, wie Riesenfaultiere, Riesengürteltiere und überdimensionierte Nagetiere, die eine erfolgreiche Gegeninvasion nach Nordamerika hinter sich hatten, und viele angestammte Nordamerikaner wie Elefanten, Kamele, Huftiere und Raubtiere. Nahezu alle diese Grosstiere sind heute verschwunden. Besonders in Südamerika fällt die Armut an Grosstieren auf, wenn man die Fauna dieses Tropenkontinents etwa mit der von Afrika vergleicht.

Das Irritierende am Verschwinden dieser grossen Säugetiere ist, dass die meisten von ihnen die letzte Eiszeit problemlos überstanden hatten und erst nach deren Abklingen verschwanden. Bei den amerikanischen und - weit weniger ausgeprägt - den eurasiatischen Formen geschah dies vor 12 000 bis 10 000 Jahren, bei den australischen Riesenbeuteltieren vor 30 000 Jahren. Man bemühte sich, für dieses letzte «natürliche» Aussterben klimatische Ursachen, etwa kurzfristige Kälterückfälle, verantwortlich zu machen, doch überzeugen diese Deutungsversuche wenig.

Ausgehend von der auffälligen Koinzidenz des Verschwindens der Grosstiere in Amerika und Australien mit dem ersten Auftreten des Menschen in diesen Regionen, entwickelte Paul Martin von der University of Arizona seine Overkill-Hypothese. Diese beruht einerseits auf der seit einiger Zeit erhärteten Tatsache, dass steinzeitliche Jäger nicht nur in der Lage waren, Grosstiere zu fangen und zu erlegen, sondern dass Grosswild ihre bevorzugte Beute war. Dass dabei nicht selten viel mehr Tiere umgebracht wurden, als für den unmittelbaren Bedarf notwendig waren, zeigen Massenfunde von Knochen wie jene am Fusse des Felsens von Solutré bei Mâcon, über den Jäger der jüngeren Altsteinzeit Zehntausende von Wildpferden in den Tod getrieben haben. Andererseits versucht Martin zu zeigen, dass Grosstierbestände bei einem unvorbereiteten Zusammentreffen mit einwandernden menschlichen Jägern rasch - Martin bezeichnete dies mit «Blitzkrieg» -zusammenbrechen. Als Gegenbeispiele werden Eurasien und Afrika angeführt, wo die Faunenverarmung gegen Ende der letzten Eiszeit viel weniger deutlich ausfiel. Hier konnte sich zwischen dem schon viel länger vorhandenen und zum Teil sesshaften Menschen und der Grosstierfauna ein Modus vivendi etablieren.

Wenn man von einigen Schwachstellen der Overkill-These absieht - so fehlen ausreichende archäologische Belege -, weist diese von allen Versuchen, das letzte grosse Tierverschwinden vor Einbruch der Zivilisation zu deuten, am wenigsten Widersprüche auf.

Dem Overkill durch steinzeitliche Jäger sind in Nordamerika 73 Prozent, in Südamerika 80 Prozent und in Australien 85 Prozent aller Säugetiere mit einem Durchschnittsgewicht von mehr als 44 Kilogramm zum Opfer gefallen, ein ungeheurer Tribut in Anbetracht der primitiven Mittel und der bescheidenen Zahl der menschlichen Einwanderer. Verglichen mit diesen 105 Gattungen (eine Gattung umfasst in der Regel mehrere Arten), nehmen sich die 6 Arten von Grossäugetieren: Auerochse, Stellersche Seekuh, Blaubock, Quagga, Schomburgks Hirsch, Karibische Mönchsrobbe, die in den letzten 200 Jahren ausgerottet wurden, fast bescheiden aus. Weniger günstig sieht dieser Vergleich allerdings aus, wenn man ihn auch auf kleinere Tiere ausdehnt. Für sie ist kein steinzeitlicher Overkill belegbar, hingegen sind in den letzten 200 Jahren 48 Säugetierarten und 82 Vogelarten direkt oder indirekt Opfer des Menschen geworden. Als Paradebeispiel eines modernen Super-Overkills bietet sich das Aussterben der Wandertaube an. Dieser Vogel brütete in den Waldgebieten der nordöstlichen Vereinigten Staaten, mit Zentrum rund um die Grossen Seen. Nach übereinstimmendem Urteil von Naturbeobachtern des frühen 19. Jahrhunderts galt sie als die individuenreichste Vogelart schlechthin. Ihren Bestand schätzte man auf 3 bis 5 Milliarden Vögel, die auf ihren jährlichen Wanderzügen in die Winterquartiere im Süden für Stunden den Himmel verdunkelten.

Anfänglich nur für die Selbstversorgung der Siedler genutzt, wurden die Tauben gegen Mitte des Jahrhunderts zunehmend kommerziell verwertet, was vor allem durch die aufkommende Dampfschiffahrt auf den Grossen Seen und den Ausbau der Eisenbahnverbindungen gefördert wurde. Um jene Zeit waren mehrere zehntausend Händler ausschliesslich im Wandertaubengeschäft tätig. Das Ausmass dieser Übernutzung illustrieren Zahlenbeispiele. 1855 setzte ein Händler in New York täglich 18 000 Tauben um. 1869 wurden in einem einzigen Waldgebiet in Michigan 7,5 Millionen Vögel gefangen. 1879 waren es im gleichen Staat eine Milliarde (!) Vögel. Der Zusammenbruch der gesamten Wandertaubenpopulation erfolgte abrupt. Ab 1880 gab es keine grösseren Brutkolonien mehr, 1894 beobachtete man das letzte Nest und 1899 den letzten Vogel in Freiheit. 1914 starb «Martha», die letzte Wandertaube, im Zoologischen Garten von Cincinnati. Beispiele neuzeitlichen Overkills liessen sich beliebig vermehren bis zum Fall des Zaunkönigs Xenicus lyalli vom nur zweieinhalb Quadratkilometer grossen Stephen-Inselchen vor Neuseeland. Diese Art wurde um 1890 herum von der Katze des Leuchttumwärters entdeckt, die die kleinen Vögel fing, nach Hause brachte und ausrottete.

Dass dem modernen Menschen bis jetzt nur 130 Vogel- und Säugetierarten zum Opfer gefallen sind, mag erstaunen, gibt aber ein falsches Bild von der tatsächlichen Situation. Erst die Durchsicht der sich laufend vergrössernden Listen stark bedrohter Arten, die heute über 1000 Vogelarten und etwas mehr Säugetierarten enthalten, macht die Dramatik und die Ausweglosigkeit unserer Situation bewusst. Von vielen dieser Formen lässt sich der heutige Bestand nur noch in Promillen der früheren Population angeben, und ihr Lebensraum ist auf wenige Prozente seiner einstigen Ausdehnung zusammengeschrumpft. Dass Arten mit derart reduzierten Restbeständen trotzdem noch nicht verschwunden sind, ist nur dem Umstand zu verdanken, dass oft in letzter Minute verzweifelte Versuche zu ihrem Schutz unternommen werden. Die Chancen allerdings, dass aus solchen Restpopulationen je wieder überlebensfähige Artbestände werden könnten, sind minim, da die Lebensräume oft gar nicht mehr vorhanden sind. Wer sich eingehender mit der Biologie, oder besser Antibiologie des oft tabuisierten Grundproblems, der jeden Rahmen sprengenden Massenvermehrung der Art Homo sapiens beschäftigt, muss noch so gut gemeinte Artenschutzmassnahmen als blosse Symptombekämpfung empfinden.

Dennoch, so fatal sich die Prognosen für den Menschen und die ihn zurzeit begleitenden Lebewesen auch anhören, steht fest, dass der Planet Erde nicht zerstört werden kann und dass er noch viele hundert Millionen Jahre geeignet sein wird, Leben hervorzubringen, zu beherbergen, aber auch wieder verschwinden zu lassen. Ein möglicherweise dann wieder vorhandenes intelligentes Wesen wird die Holozän-Katastrophe mühelos in die Reihe vorangegangener Ereignisse einordnen können. Es wird feststellen, dass «damals» soundso viele Arten verschwanden und dass etwa von den Säugetieren nur wenige Formen, unter ihnen die Wanderratte, überlebt haben. Diese Generalisten wurden die Stammeltern der Neusäugetiere, die im Post-Holozän eine Blütezeit sondergleichen erlebten, bis zum Auftreten des nächsten intelligenten Wesens.

Vincent Ziswiler ist Professor für Zoologie und Direktor des Zoologischen Museums der Universität Zürich.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.