DAS MITTELMEER ist ein überdimensionierter See. Von Nord nach Süd, von Ost nach West reflektieren sich seine Ufer in einer unendlichen Abfolge von Spiegeln, welche die Bilder vervielfältigen und einander zuspielen. Sie werden dabei dichter und stärker und verschlingen Licht und Dunkel, die eine Intensität und Tiefe annehmen, die kaum ermisst, wer nicht mit allen Sinnen in sie eintaucht.
Wenn die Nordwinde wehen, die an jeder Küste einen anderen Namen tragen, flimmert die Luft, und Farben und Formen treten stärker hervor: die Kontraste und das satte, tiefe Blau und Grün und Violett, welche die Türen der von Kalk und Sonne geweissten Häuser umranken. Bevor Tourismus und Fortschritt Einzug hielten, wurden die Häuser an der nördlichen Mittelmeerküste blau, grün und rosa getüncht, so, wie man es heute noch in einigen Fischerdörfern im Süden und auf einigen Inseln sieht. Manchmal bewahrten sie auch die Farbe des Erdreichs, golden, dunkel, in felsigen und vulkanischen Regionen sogar schwarz. Hier erzittert die Luft, und der Himmel, welcher der Gesamtheit des Meeres und des Felderteppichs nacheifert, nimmt ein strahlend intensives und überwältigendes Blau an.
Doch wenn die schwülen, feuchten Winde, die das kristalline Strahlen der Farben und Schatten verwischen, nur mehr säuseln in einer Art Entsprechung zu den Meeresströmungen, dann vergolden die Luftstösse den Himmel, und das Licht der Dämmerung leuchtet in feinen Abstufungen.
In den mediterranen Nächten setzt sich die Leuchtkraft des Raumes fort. Vom Meer aus betrachtet, glitzert dann die Küste wie leuchtender Bernstein, einer Krone gleich, die unversehrt aus einer Dunkelheit aufscheint, die bei Neumond so schwarz wie ein Wolfsrachen ist. Doch im Mondschein wird die Landschaft zu einer phantasmagorischen Traumwelt. Man erkennt den Glanz der Olivenblätter wie das Schattengerank der Kiesel, Steine und Felsen an den Stränden, deren Sand ruhender Goldstaub ist, und die Gischt, die auf sie niedergeht, klingt wie ein Murmeln.
Lichter der Boote, die wenige Meilen vor der Küste in ruhigen Gewässern kreuzen: Sie beflecken das weisse Licht des Morgens, wenn die beladenen Kähne in den Hafen zurückkehren. Das Grau der Dämmerung räkelt und verflüchtigt sich im anbrechenden Sonnenlicht, welches die Schatten verlängert, bis dann die Farben und das Leben neu aufbrechen. Das unvermittelte, besitzergreifende Mittagslicht schmilzt seinerseits im Takt der verrinnenden Stunden, jeder Lichtstrahl ins Unendliche nuanciert.
Verdunkeln einmal Wolken den Himmel, schafft das Licht sich trotzdem einen Weg und vertieft dabei die Farben, die verschatten, verdämmern, aber niemals erlöschen. Dann wetteifern die Winde miteinander, die dem Fels und dem Meer die äonenalte Lichtkraft entreissen wollen. Sie schaffen dadurch dramatische Stimmungen, heftig und unstet, die im Moment eines Blitzes erstarren und im Rhythmus der Donnerschläge nachhallen. Ist das Unwetter vorbei, verströmt das Licht in hellen Garben, um schliesslich in den Jubel mediterranen Lichts zu münden, das endlich wieder sein gewaltiges Strahlen erlangt, die Intensität der Töne, das kristalline Blitzen, die ekstatische Tiefe einer unvergänglichen Farbskala.
Selbst aus den Gerüchen und den Aromen der Fische, die die Fischer aus den Körben kippen, strömt mediterranes Licht, ebenso aus dem Olivenöl, in dem die Fische brutzeln und das aus Olivenhainen stammt, die über steinerne Terrassenstufen bis ans Meer hinabreichen. Licht ist auch in den herben Weinen, in den Gesängen und Tänzen der Menschen, im Schreiten und Schlendern über Plätze und durch Strassen, das man nur in Meeresnähe begreift, wo die Alten sich an der Sonne wärmen und die Kinder aus der Schule stürmen, um ein Bad im Meer zu nehmen.
Auch in den Winden, die das Aroma der Lilien herantragen, findet man das Licht des Mittelmeers, ebenso im Dung und im reifen Getreide des Sommers und in den Trauben des Herbsts. Auf diese Weise wird der Horizont der sinnlichen Erfahrung erweitert, die dem poetischen Begreifen so viel näher steht als dem wissenschaftlichen und die sich jeder Wonnebereitschaft öffnet, jedem Anflug von Leben.
Licht des Mittelmeers: Zuflucht der Maler, Entzücken der Touristen, Helfer der Fischer, Stolz von tausend Rassen und Zuflucht zahlloser Völker, die einen gemischtrassigen Menschen hervorgebracht haben, vielfältig und tiefgründig, bestehend aus tausend Geschichten, tausend Traditionen, tausend Sprachen und dem Guten und Schlechten einer Unzahl von Göttern und Dämonen. Im klaren Licht verweben und entflechten diese unsere Kultur voller Tiefen und Tücken gleich den Arabesken des tanzenden Lichts im Meer, dem Sonnenglast auf den Stränden, den irisierenden Silberschatten des Pappellaubes, den Feigen- und Olivenbäumen, den Weinreben, die aus den Bergen herabsteigen und mit ihren Säften, ihren Früchten und ihrem Schatten die Menschen erfreuen, die an den Küsten nisten.
Rosa Regàs ist Schriftstellerin in Madrid.