Regina Frey war ein wildes Kind. Sie konnte sich selber wehren, als die Bauernkinder am ersten Schultag mit Steinen nach ihr warfen. «Herrenkind», riefen sie. «Ich wollte gleich sein wie die anderen. Aber ich gehörte nie dazu. Also musste ich mir eine eigene Stellung schaffen.» Ihre Grosseltern lebten im Schloss Berg am Irchel, Regina mit ihrer Mutter und dem Bruder Patrick in einem stattlichen Haus, das der Grossvater ihnen zur Verfügung stellte. Einmal, als Regina mit ihm über die Feldwege ritt, grüsste ihn ein Bauer so freundlich, dass Regina mehr als Höflichkeit spürte.
An diesem verregneten Herbstmorgen steht Regina Frey in der romantischen Veranda ihres Riegelhauses in Berg am Irchel, zeigt ins Dickicht des Bachtobels und sagt: Ist das nicht wie der Urwald? Zeigt in eine andere Richtung: Dort hinten sind meine Schafe. Im Haus empfängt einen eine fröhliche Küche, die zum Esszimmer hin offen ist. Auf dem Tisch wartet ein Stapel ungeöffneter Post. Ein Jack-Russell-Terrier knurrt misstrauisch, ein zweiter will offensichtlich gekrault werden. Die 55-jährige Frau trägt eine bequeme Hose, einen feinen Wollpullover mit Gilet darüber und eine schlichte Goldkette. Sie erzählt, wie es kam, dass sie Geld sammelt für die Orang-Utans in Indonesien. Warum sie ihr Erbe und fast ihre ganze Zeit für eine Stiftung namens PanEco einsetzt. Dass deswegen eine tüchtige Nachbarin, eine Kosovo-Albanerin, den Haushalt besorge, zum Glück. Neben einem 22-jährigen Sohn hat Regina Frey noch eine 16-jährige Tochter und einen 11-jährigen Pflegesohn, halb Afrikaner, halb Schweizer. Bis um zwölf Uhr hat sie Zeit, dann muss das Essen auf dem Tisch stehen.
Gleich von mehreren Seiten wurde Regina Frey Verantwortung vorgelebt. «Erblich belastet», sagt sie und lächelt. Verantwortung für die Tierwelt von der Mutter, die seit fünfzig Jahren die Greifvogelwarte Berg am Irchel unterhält. Soziale Verantwortung vom Grossvater, der nicht nur dem freundlichen Bauern auf dem Feldweg aus einer finanziellen Klemme geholfen hatte. Er war Mitbesitzer der Spinnerei Kollbrunn, ein Patriarch, aufbrausend, aber im Kern gütig.
Reginas Ururgrossvater hatte die Spinnerei gegründet, und seither war sie im Besitz der Familie Bühler, aus der ihre Mutter stammt. Immer an Weihnachten musste die Urgrossmutter Hunderte von Geschenken für die Fabrikarbeiter verpacken, auf einer Liste stand, welche Familie wie viele Kinder hatte. Wenn jemand krank war, liess sie einen Korb mit Gemüse aus ihrem Garten überbringen. Ins Büro ging der Grossvater aus Pflichtgefühl, seine Leidenschaft galt seinen Pferden und der Kunst. «Wenn jeder Verantwortung übernehmen würde, die dringenden Aufgaben in seinem Umfeld zu erfüllen, dann brauchte es den Staat weniger und auch keine Erbschaftssteuer», sagt Regina Frey.
Noch sozialer lebte ihr anderer Grossvater, ein patriarchalischer Pfarrer, der bekannt war für seinen geschickten Umgang mit dem Geld. «Le banquier de dieu», wie er genannt wurde, war Leiter des Spitals Salem, des Mutterhauses des protestantischen Ordens der Diakonissen. Er kaufte Liegenschaften und verschandelte die Häuser anschliessend, indem er viele kleine Zimmer einbaute, damit viele Schwestern dort wohnen oder Ferien machen konnten. Nie sass die Berner Patrizierfamilie allein am Tisch, und Reginas Vater hasste es.
Als Regina Frey neunzehn Jahre alt war, bekam sie das Erbe ihres Vaters, ein Bündel Wertschriften. Damals war es an die 500 000 Franken wert. «Die Mutter sagte mir und meinem Bruder: Schaut, das ist das Geld von eurem Vater, ihr bekommt es jetzt.» Die Wertpapiere waren das, was vom Vermögen des Vaters übriggeblieben war. Das meiste davon hatte er von seiner früh verstorbenen ersten Frau geerbt, zusammen mit einer Anwaltspraxis, in der er nicht glücklich wurde. Er nahm sich das Leben, als Regina drei Jahre alt war. Weil er an den äusseren Zwängen zerbrochen sei, glaubt Regina Frey. Alles, was sie über ihren Vater weiss, hat sie von anderen erfahren. Trotzdem sagt sie: Ich habe von ihm das Interesse an den Menschen geerbt. Und: «Es ist ein Glück, dass ich durch das Erbe ein Gefühl von Unabhängigkeit hatte und die Möglichkeit, das zu machen in meinem Leben, was ich wirklich wollte, was mir Freude machte.»
Regina Frey finanzierte ihr Biologiestudium mit den Erträgen aus den Wertschriften, wohnte jedoch weiter bei der Mutter. Ihren Lebensstil änderte sie nicht. Noch heute ist der Luxus, den sie sich leistet, bescheiden: biologische Lebensmittel, einen unrentablen Milchschafbetrieb, Winterferien in Melchsee-Frutt. Ab und zu etwas Schönes zum Anziehen, das sie nicht unbedingt braucht, sagt sie, es wirkt fast wie ein Schuldbekenntnis. «Ich musste mich mein Leben lang rechtfertigten. Nicht alle Reichen sind Halsabschneider.»
Nach Abschluss des Biologiestudiums reiste sie zum ersten Mal nach Indonesien zu den Orang-Utans. Sie sollte eine Station im Urwald aufbauen, um dort Orang-Utans auszuwildern, die illegal als Haustiere gehalten wurden. Das war 1973. Nach drei Jahren im Urwald arbeitete sie weiter in Indonesien, für den WWF. Dort lernte sie auch den Vater ihres Sohnes kennen.
Wenn es irgendwo an Geld fehlte, setzte die junge Biologin hin und wieder einen Teil ihres Vermögens ein, «ohne nachzudenken», zuerst für die Orang-Utans. Das Geld reiche einfach nie bei solchen Projekten. Doch beim WWF gab es zu viel interne Politik, zu viel Fremdbestimmung und auch keine berufliche Anerkennung für die von ihren Ideen getriebene Frau. Also begann sie, parallel dazu an der Gründung einer indonesischen Stiftung mitzuarbeiten. «Grünes Indonesien» wurde die erste Umwelt-Nichtregierungsorganisation im Land.
Zurück in der Schweiz, baute sie in den achtziger Jahren einen Milchschafbetrieb und eine Bioladen-Genossenschaft auf. Sie lebte mit einem neuen Partner zusammen, ihre gemeinsame Tochter kam zur Welt. Mitte der neunziger Jahre entschied Regina Frey angesichts der rasanten Zerstörung des Urwalds, sich wieder vermehrt in Indonesien zu engagieren und für ihre Projekte nun Geld zu sammeln. Dazu brauchte sie ein Instrument: eine Stiftung. 1996 gründete sie PanEco, die Stiftung für nachhaltige Entwicklung und interkulturellen Austausch, und nutzte dazu ihr Vermögen.
Es war in den Jahren «wie eine Knospe aufgeplatzt», wie sie sagt, und dazu kamen kleinere Beträge, die sie von ihrer Berner Grossmutter und einer Tante geerbt hatte. Ausserdem gibt Reginas Mutter immer wieder Teile ihres Vermögens in Form von Schenkungen an ihre beiden Kinder weiter. Dieses Geld stammt teilweise aus dem Verkauf der Spinnerei Kollbrunn an Adrian Gasser, der sie 1994 dann stillgelegt hat. Nimm auch etwas für dich selbst, sagt dann die Mutter zur Tochter. Beide tun es nur selten.
«Ich möchte nicht immer wissen, wie die Erträge aus meinen Wertschriften zustande kommen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, denn ich profitiere unbesehen von der Wirtschaft. Eigentlich wasche ich Geld.» Es ist ein Dilemma: Legt Regina Frey das Geld nur in alternativen, oft riskanten Papieren an, gibt es weniger Erträge, die sie für ihre Projekte verwenden könnte. Zudem sei man nie sicher, wie sozial und ökologisch etwas wirklich sei, sagt sie, ausser man tue es selbst. Was ist eine gute Bank? Regina Frey stellt alles in Frage, versucht konsequent zu handeln und konstatiert: «Eine Garantie, dass das Geld in ihrem Sinne verwendet wird, gibt es nicht.»
Deshalb investiert sie mit der Stiftung direkt in kleine Projekte, wie in das Hotel in Indonesien, das zum Ökozentrum umfunktioniert wurde. Oder in die Kokosfaserfabrik eines befreundeten Indonesiers, der Matratzen herstellt und nebenbei ein Substrat für die Orchideenzucht gewinnt. In der Schweiz unterstützt sie eine Käserei mit Arbeitsplätzen für Behinderte.
Dennoch: Ohne Spenden, allein mit den Erträgen aus ihrem Vermögen, könnte Regina Frey diese und viele andere Projekte nicht mittragen. Wenn sie fünfzig Millionen Franken Stiftungskapital hätte, sagt sie, dann könnte PanEco noch mehr bewirken. Irgendwann wird das Vermögen von Regina Freys Mutter an sie und ihren Bruder übergehen. Die Greifvogelwarte ist schon heute in PanEco integriert und wird dort weiterbestehen. Ein Teil des Vermögens wird wohl Stiftungskapital von PanEco werden. Fünfzig Millionen werden es sicher nicht sein, sagt sie.
Regina Frey hofft, dass ihre Kinder einmal zu der Stiftung schauen werden. Dass sie ihnen den Sinn für kulturelle Vielfalt und die Natur weitergeben kann. «Ich fragte meinen ältesten Sohn einmal, ob er sich mindestens vorübergehend um die Stiftung kümmern würde, falls mir etwas zustösst. Ich fliege ja so oft. Er hat, ohne zu zögern, Ja gesagt.»
Jetzt gerade zieht der Sohn einen räuchelnden Wok vom Herd. Die beiden begutachten den Schaden, der sich schwarz unter dem gelüfteten Deckel zeigt. Nur einen Moment lang steht Regina Frey verloren in der Küche. Den Wok hat sie vor eineinhalb Stunden aufgesetzt und irgendwie vergessen.
Findet ihre Familie gut, was sie macht? Regina Frey sagt lange nichts. Meine Mutter und meine Kinder unterstützen meine Arbeit, sagt sie dann. Manchmal protestieren die Kinder, wenn sie keine Zeit hat, wenn das Telefon beim Essen klingelt und sie von ihr hören: Entschuldigt, ich muss. Nicht immer teilen sie ihre Begeisterung für Vollkorn- und Biokost. Die Kinder wie auch ihr neuer Partner, ein Belgier, den sie in diesem Sommer geheiratet hat, stehen aber hinter ihr. Er setzt sich dafür ein, dass afrikanische Kulturgüter nicht ins Ausland verschleppt werden.
Wie schon ihre Mutter wird Regina Frey zu Lebzeiten Geld an ihre Kinder weitergeben und, hofft sie, die damit verbundene Verantwortung. Sie hofft, den richtigen Zeitpunkt dafür zu finden. Denn im schlechten Fall ist das Geld Verführung, sie kennt da genügend Beispiele. Geld verdienen zu müssen, sagt sie, ist ein grosser Motor im Leben.
Bald ist es Zeit fürs Mittagessen. Regina Frey hat mit links etwas Neues gekocht. Um zwölf werden sie alle am Tisch sitzen.
Viviane Manz ist Volontärin bei NZZ-Folio.