NZZ Folio 08/02 - Thema: Schule   Inhaltsverzeichnis

Niemand bleibt sitzen

Kein Internetanschluss, demokratische Arbeitsformen und Noten erst im achten Schuljahr: Eine 6. Klasse aus Schweden.

Von Wolfgang Matl

Du, Rony! Was machen wir jetzt?» Die Pause geht zu Ende, und Emma will vom Lehrer wissen, wie’s weitergeht. Geographie steht auf dem Stundenplan der 6a. Plaudernd trudeln die Schüler nach und nach in den Räumen ein, die zur Klasse gehören - das Klassenzimmer und zwei kleinere Räume. Rony Ageby hat Mühe, sich Gehör zu verschaffen, erst nach lauter Ermahnung kehrt Ruhe ein. Es gehe mit der Gruppenarbeit weiter, erklärt er kurz. Die Kinder wissen Bescheid. Emma und Sara rollen ihr plakatgrosses Papier auf dem Boden aus, auf das sie die Konturen Italiens gemalt und mit Fakten über das Land ergänzt haben. Ihre Hauptinformationsquelle war das italienische Fremdenverkehrsbüro in Stockholm, das Broschüren geschickt hat. Daneben wurden sie in der Bibliothek fündig, und einen Bildband über das antike Rom hat Emma von zu Hause mitgebracht. Andere Schüler sind weniger ambitioniert und haben hauptsächlich aus dem Geographiebuch abgeschrieben.

Und das Internet? Man mag es kaum glauben, aber mitten im Hightech-Land Schweden sitzt die Klasse ohne Internetanschluss da. Zwei Anschlüsse für die ganze Schule gibt es, und die stehen im Lehrerzimmer. Für mehr fehlt das Geld. Zur Klasse gehören nur zwei nicht mehr taufrische Computer und ein Drucker. 60 Franken pro Schuljahr und Schüler stehen für Material zur Verfügung. Damit müssen Schreibzeug, Papier und Schulbücher sowie Ausflüge finanziert werden. Lehrer Ageby blättert zwar zufrieden in den neuen und gut bebilderten Geographiebüchern. Doch für einen aktuellen Atlas fehlt das Geld, im alten dürfen DDR und Tschechoslowakei noch ein paar Jahre weiterleben.

In Schweden sind Mitte September Wahlen, und die Schule bewegt die Bürger ganz besonders - obwohl das Land in der PISA-Studie relativ gut abgeschnitten hat. Seit Jahren wird die mangelnde Qualität der Lehrer diskutiert. Ein landesweiter Lehrermangel hat die meisten Schulen gezwungen, auch Lehrer anzustellen, denen die Berufsqualifikation fehlt. Viele Schulleiter setzen bei Engpässen tüchtige Gymnasialabgänger ein, die eben noch selbst die Schulbank gedrückt haben. Immer weniger junge Menschen sehen im Lehrerberuf ihre Zukunft. Niedrige Löhne, geringes Sozialprestige und hohes Stressniveau haben dazu geführt, dass aus dem noch vor einem Vierteljahrhundert angesehenen Lehrerstand eine bemitleidete Berufsgruppe geworden ist. 70 000 neue Lehrer werden in Schweden bis 2005 benötigt. Beim gegenwärtigen Output der Lehrerhochschulen werden bis dahin maximal 41 000 Absolventen zur Verfügung stehen, von denen laut Prognose 33 000 tatsächlich die Lehrerlaufbahn einschlagen werden. Der Rest wird andere Berufsangebote attraktiver finden.

Im Run auf die Lehrer liegt die Stockholmer Randgemeinde Ekerö mit ihren knapp 23 000 Einwohnern mittelmässig im Rennen. Junge Leute aus der Grossstadt Stockholm sind schwer anzulocken, weil sie lieber im trendigeren Stadtzentrum wohnen. Lehrer mit Familien sind leichter anzuwerben, weil Ekerö in einer attraktiven ländlichen Gegend mit halbwegs vernünftigen Immobilienpreisen liegt.

«Es gibt junge Lehrer, die von der Hochschule kommen und mehr verdienen als ich», sagt Rony Ageby. Die Löhne werden individuell ausgehandelt, und die Jungen benutzen den Lehrermangel als Druckmittel. Dass die Lehrerlöhne seit einigen Jahren zudem «resultatabhängig» sein sollen, beklagt Ageby ebenfalls. Es sei ihm schleierhaft, wie man das messen könne. Im Unterschied zu früher seien die jungen Absolventen der Lehrerhochschule fachlich oft sehr gut gerüstet. Dagegen mangle es ihnen zuweilen an pädagogischer Ausbildung. Sie nähmen Konflikte mit Schülern oft persönlich, auch wenn sie vielleicht nur einer problematischen Entwicklungsphase der Kinder entsprängen.

Die im Gemeinderat von Ekerö dominierenden Konservativen haben im letzten Jahrzehnt die Entstehung unabhängiger Schulen, die nicht in kommunaler Regie stehen, gefördert. Die «freien» Montessori- und Waldorfschulen liegen in den jährlich durchgeführten Qualitätsumfragen bei Eltern und Schülern weit vorne. Keine dieser Schulen darf Schulgelder oder Gebühren erheben, sonst würde sie die öffentliche Finanzierung verlieren. Auch Lernmittel, Schulmahlzeiten und Schülertransporte sind in Schweden gebührenfrei.

Dass die «freien» Schulen sich vom Durchschnitt positiv abheben, dürfte vor allem am überdurchschnittlichen Elternengagement liegen, denn die meisten werden von Elternkooperativen betrieben. Sie erhalten aus öffentlichen Mitteln der Gemeinde den gleichen Betrag pro Schüler wie kommunale Schulen. Auch besteht landesweit das Recht zur freien Wahl der Schule - selbst wenn sie in einer anderen Gemeinde liegt.

Regierung und Reichstag sind zwar für das öffentliche Bildungswesen verantwortlich. Doch der Staat gibt bloss Ziele und Richtlinien vor. Für die Durchführung sind die Gemeinden zuständig. Der Grossteil der Schulkosten wird aus den Gemeindesteuern finanziert, vom Staat kommt lediglich ein genereller Zuschuss. Die Stenhamra-Schule erhält, genau wie alle anderen Schulen in der Kommune auch, pro Schüler und Schuljahr etwa 3000 Franken. Damit diese Einnahmen die Kosten decken, sind 25 Schüler pro Klasse das Minimum. In der Stenhamra-Schule werden für die Schuljahrgänge 1 bis 6 je drei Klassen geführt, dazu kommt die freiwillige Vorschule für Sechsjährige. Das pädagogische Personal umfasst 35 Personen, einschliesslich Speziallehrern und Angestellten des zur Schule gehörenden Freizeitheims.

Übergreifende Ziele für Vorschule und Schule findet man in den staatlichen Lenkungsdokumenten Schulgesetz und Lehrplan. Im Lehrplan von 1998 werden die Grundwerte aufgelistet, die das schwedische Schulwesen vermitteln soll, unter anderem Gleichberechtigung und Solidarität mit den Schwachen. Der Unterricht hat nichtkonfessionell zu sein und soll die Schüler mit demokratischen Arbeitsformen vertraut machen. Die Schüler sollen zu Eigenverantwortung erzogen werden, zum Beispiel indem sie an der Planung und Auswertung des täglichen Schulunterrichts teilnehmen.

Zu den obligatorischen Zielsetzungen der Grundschule gehört neben Lesen, Schreiben und Rechnen auch, dass die Jugendlichen nach beendigter Schulpflicht imstande sein sollen, den Computer als Werkzeug zu nutzen. Englisch hat eine selbstverständliche Stellung als obligatorische erste Fremdsprache. In einem Drittel der Gemeinden beginnt der Englischunterricht bereits im 1. Schuljahr, so auch in Ekerö. Die Englischkenntnisse werden ausserschulisch vor allem durch das Fernsehen begünstigt. Weil sich für eine «kleine» Sprache wie Schwedisch die Synchronisation kommerziell nicht lohnt, werden Filme und Serien in Originalsprache mit Untertiteln gezeigt.

Bis vor wenigen Jahren noch gaben ergänzende, von der Regierung erlassene Kurspläne für jedes Fach auch Themen und Unterrichtsmethoden vor. Seit 2000 ist das dem einzelnen Lehrer überlassen. Rony Ageby unterrichtet seine Klasse in allen Fächern mit Ausnahme von Turnen, Musik und Handarbeit. Auch Englisch hat er mit der Kollegin einer Parallelklasse abgetauscht; er unterrichtet dafür in ihrer Klasse Mathematik.

Das schwedische System der Einheitsschule ist unumstritten. Die neunjährige Grundschule wurde bereits 1962 eingeführt. Die damalige Unterteilung der Grundschule in jeweils drei Jahre Unter-, Mittel- und Oberstufe wurde zwar 1995 offiziell abgeschafft, doch die alten Bezeichnungen werden weiterhin von Politikern, Lehrern, Eltern und Schülern verwendet. Nach der Mittelstufe übersiedeln die Kinder der StenhamraSchule in die nur hundert Meter entfernte UppgårdsSchule. So auch jene der 6a. Den bevorstehenden Wechsel empfinden sie nicht als dramatisch, die meisten befürchten jedoch, dass es jetzt mit den Hausaufgaben ernster wird.

In der Oberstufe endet auch das Klassenlehrersystem. Das heisst, es wird ohne den umsichtigen Rony weitergehen. Jene, die noch nicht allzu selbständig sind, werden wohl schon mit Umstellungsschwierigkeiten zu kämpfen haben. Denn Rony hat jahrelang auch die Schwächeren mitgezogen. Sitzenbleiben gibt es in schwedischen Schulen nur in extremen Ausnahmefällen und mit der Zustimmung der Eltern des Betreffenden. Die Entscheidung liegt auch nicht beim Klassenlehrer, sondern beim Rektor.

Noten werden erst ab dem achten Schuljahr verteilt. Dann allerdings geht es plötzlich hart zur Sache. Denn am Ende der neunten Klasse, bei Beendigung der Schulpflicht, gibt es ein Abgangszeugnis, wobei eine landesweit zentral ausgearbeitete Prüfung in Schwedisch, Mathematik und Englisch den Abschluss markiert. Die Notenskala ist dreistufig: genügend, gut und sehr gut. Das Zeugnis ist entscheidend für das Gymnasium. Wer einen guten Durchschnitt erreicht, kann zwischen den vielen berufsorientierten Gymnasiallinien (von der Coiffeurlinie bis zur mathematisch-naturwissenschaftlichen Linie) frei wählen. Wer schlecht abschneidet, muss mit den am wenigsten nachgefragten Linien vorliebnehmen.

Bis vor kurzem gingen 98 Prozent der Kinder auf ein Gymnasium. Wegen mangelnder Leistungen haben aber im letzten Jahr ein Viertel der Grundschulabsolventen das Abschlusszeugnis, das ihnen den Übertritt garantiert hätte, nicht erhalten. «Dass möglichst alle ein Gymnasium absolvieren, ist ein ideologisch geprägtes Ziel, das dem sozialdemokratischen Gleichheits- und Gerechtigkeitsideal entspricht», sagt Rony. «Aber was soll denn ein Gymnasium für Bauarbeiter oder Raumpfleger? Wir brauchen ja alle Berufsgruppen. Warum also jemanden mit Schulfächern plagen, für die er weder Neigung noch Talent besitzt? Eine Rückkehr zum alten System der Berufsschulen wäre gescheiter, statt alle einen Abschluss machen zu lassen, der nicht viel wert ist.»

Auch ein Fördersystem ist im Lehrplan verankert. Die Stenhamra-Schule hat drei Spezialpädagogen angestellt, die mit den Kindern jeweils sechs Wochen arbeiten. Neuerdings werden sämtliche Schüler auf mögliche Lernschwierigkeiten getestet. Dieses Fördersystem kostet zwar so viel wie drei normale Klassen, aber die Schule braucht es, will sie ihren gesetzlichen Auftrag erfüllen: sie ist dafür verantwortlich, dass alle Kinder bei Beendigung der Schulpflicht die im Lehrplan angegebenen obligatorischen Ziele erreicht haben.

Die meisten von euch haben heute Vormittag gute Arbeit geleistet!» Rony ist zufrieden, als sich die Schüler nach dem gemeinsam eingenommenen Mittagessen wieder im Klassenzimmer einfinden. Zur Belohnung liest der Lehrer eine kurze Gespenstergeschichte vor. Für die letzten Wochen vor Schulschluss hat er mit den Schülern mehrere Ausflüge geplant, die er jetzt mit seiner Klasse erörtert. Unter anderem soll es in ein nahe gelegenes Naturschutzgebiet zum gemeinsamen Angeln im Mälarsee gehen. Dies sei wichtig, sagt Rony, denn in der Schule gehe es schliesslich um den ganzen Menschen.

Wolfgang Matl ist Mitarbeiter der NZZ in Stockholm.

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