NZZ Folio 01/95 - Thema: Prognosen   Inhaltsverzeichnis

Von Hänschens Erinnerung an Hans

Die Unmöglichkeit psychoanalytischer Prognosen.

Von Peter Schneider

DASS SIE DIE MENSCHLICHE FREIHEIT auf die Vorherbestimmung durch kindliche Erlebnisse reduziere, ist ein ebenso alter wie hartnäckiger Einwand gegen die Psychoanalyse. Und obwohl die meisten Psychoanalytiker diesen Vorwurf als ungerechtfertigtes Vorurteil zurückweisen würden, geben sie ihm doch implizit recht durch die Tendenz, in ihren Fallgeschichten und theoretischen Darlegungen immer «frühere» Konstellationen als Ursache psychischer Störungen auszumachen.

Im Problem der Vorherbestimmung steckt allerdings nicht nur die Frage nach der Bedeutung, die man der frühen Kindheit für das spätere Leben einräumt - oder, anders gesagt, die Frage nach den Möglichkeiten psychoanalytischer Prognosen -, sondern auch die nach der Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse überhaupt.

Seine «Lebensarbeit» sei «auf ein einziges Ziel eingestellt» gewesen, erklärte Freud anlässlich der Verleihung des Frankfurter Goethepreises 1930: «Ich beobachtete die feineren Störungen der seelischen Leistung bei Gesunden und Kranken und wollte aus solchen Anzeichen erschliessen - oder, wenn Sie es lieber hören: erraten -, wie der Apparat gebaut ist, der diesen Leistungen dient, und welche Kräfte in ihm zusammen- und gegeneinanderwirken.» Bereits im «Entwurf einer Psychologie» von 1895 hatte er ein (neurologisches) Modell dieses «Apparates» skizziert in der «Absicht, eine naturwissenschaftliche Psychologie zu liefern». Zwanzig Jahre später betrachtete er jene erste Konzeption des psychischen Apparats zwar als «gründlich gescheitert», hielt jedoch bis zum Ende seines Lebens daran fest, dass die Psychoanalyse Teil der Naturwissenschaft sei: «Was sollte sie denn sonst sein?»

Die forsche Rhetorik der Frage freilich kaschiert eine Unsicherheit, die Freud bereits früh formuliert hatte, dass nämlich «die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind und dass sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren». Die Novelle in ihrer klassischen goetheschen Definition ist bekanntlich die Erzählung einer unerhörten Begebenheit. Sie beschränkt sich, laut Lexikon, «im Unterschied zu der im Roman üblichen Entfaltung eines Zeit- und Lebensbildes auf einen Ausschnitt, der einen Wendepunkt bringt. Da dieser sehr oft das Merkmal des Unerwarteten, kausal nicht Ableitbaren hat, ist die Novelle diejenige literarische Gattung, in der die Zufälligkeit, Schicksalslaune und Zersplitterung des Lebens in Einzelfälle als Grundzug des menschlichen Daseins zur Darstellung kommt.»

Das Neue, Novellistische, das Freud in seinen Krankengeschichten zum Ausdruck brachte, war der «unerhörte», unbewusste Wunsch. Am Charakter des Unbewussten der psychischen Vorgänge aber, die Freud zum Objekt seiner Forschung machte, offenbart sich die Widersprüchlichkeit des wissenschaftlichen Status der Psychoanalyse. Einerseits hat gerade, so Freud, die «Auffassung, das Psychische sei an sich unbewusst, gestattet, die Psychologie zu einer Naturwissenschaft wie jede andere auszugestalten»; andererseits scheint die Eigenart des Untersuchungsgegenstandes eine Form der Darstellung zu erzwingen, die die strenge (Natur-)Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse untergräbt.

«Wenn jemand den natürlichen Determinismus an einer einzigen Stelle durchbricht, hat er die ganze wissenschaftliche Weltanschauung über den Haufen geworfen», erklärte Freud kategorisch. Und dennoch entging ihm nicht, dass jener von jeder Wissenschaft vorauszusetzende «natürliche Determinismus» von der Psychoanalyse nur in einer Richtung aufzuweisen ist: «Solange wir die Entwicklung von ihrem Endergebnis aus nach rückwärts verfolgen, stellt sich uns ein lückenloser Zusammenhang her, und wir halten unsere Einsicht für vollkommen befriedigend, vielleicht für erschöpfend. Nehmen wir aber den umgekehrten Weg, gehen wir von den durch die Analyse gefundenen Voraussetzungen aus und suchen diese bis zum Resultat zu verfolgen, so kommt uns der Eindruck einer notwendigen und auf keine andere Weise zu bestimmenden Verkettung ganz abhanden. Wir merken sofort, es hätte sich auch etwas anderes ergeben können, und dies andere Ergebnis hätten wir ebensogut verstanden und aufklären können . . . mit anderen Worten, wir wären nicht imstande, aus der Kenntnis der Voraussetzungen die Natur des Ergebnisses vorherzusagen.»

Trotz allem gängigen Spott über die Ungenauigkeit der Wettervorhersagen würde wohl kaum jemand die Wissenschaftlichkeit der Meteorologie ernsthaft bestreiten. Offenkundig ist es die Komplexität der zu berücksichtigenden Faktoren, die für die Unzuverlässigkeit der meteorologischen Prognosen verantwortlich ist. Man könnte versucht sein, die Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse mit einer analogen Argumentation zu verteidigen: Obwohl die Psychoanalyse Wissenschaft ist und dies in der nach rückwärts gerichteten Perspektive ihrer Erklärungen auch beweisen kann, sorgt wie bei der Meteorologie die Komplexität des Gegenstandes für die hohe Unsicherheit der prinzipiell jedoch möglichen Prognosen. Freilich liesse sich mit Blick auf das Beispiel der Wetterkunde auch gegen die Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse argumentieren: Die Psychoanalyse verharre auf dem Niveau von Bauernregeln, die ja auch nicht jeglicher Plausibilität entbehren, verdiene es aber keineswegs, als Teil einer wissenschaftlichen Psychologie betrachtet zu werden. Denn zu deren Kriterien gehört mindestens die statistische Erhärtung ihrer Aussagen einschliesslich der Überprüfbarkeit von experimentellen Vorhersagen.

Die Verlegenheit, in die man gerät, wenn man den wissenschaftlichen Status der Psychoanalyse zu bestimmen versucht, hängt - man ahnt es - mit ihrem «novellistischen» Charakter zusammen. Zur selben Zeit, als Freud noch seinem Plan einer neurologischen Konzeption des psychischen Apparates anhing, schrieb er in einem Brief an seinen Freund Fliess: «Du weisst, ich arbeite mit der Annahme, dass unser psychischer Mechanismus durch Aufeinanderschichtung entstanden ist, indem von Zeit zu Zeit das vorhandene Material von Erinnerungsspuren eine Umordnung nach neuen Beziehungen, eine Umschrift erfährt.» Im selben Brief skizzierte Freud ein Schema der Niederschriften von sogenannten Erinnerungsspuren im psychischen Apparat: «Ich will hervorheben, dass die aufeinanderfolgenden Niederschriften die psychische Leistung von sukzessiven Lebensepochen darstellen. An der Grenze von zwei solchen Epochen muss die Übersetzung des psychischen Materials erfolgen . . . Die Versagung der Übersetzung, das ist das, was klinisch <Verdrängung> heisst.»

An anderer Stelle führte Freud aus, dass die Rede von einer «Übersetzung» jedoch nicht bedeute, «dass ein zweiter, an neuer Stelle gelegener Gedanke gebildet werden soll, eine Umschrift gleichsam, neben welcher das Original fortbesteht». Die Umschriften und Übersetzungen, die die Geschichte eines Menschen ausmachen, hinterlassen also kein authentisches Original, sondern gewissermassen Leerstellen, in welche die Psychoanalyse ihre Deutungen beziehungsweise Konstruktionen - nachträglich - einsetzen kann. Eine solche Interpretation der Psychoanalyse, die das «Novellistische» betont, widerspricht natürlich dem verbreiteten (Miss-)Verständnis der Psychoanalyse als einer besonderen Art von Entwicklungspsychologie. Sie ergibt sich aus einem Phänomen, das Freud mit dem Stichwort der «Nachträglichkeit» bezeichnet: «Nachträglichkeit» meint, dass ein Ereignis nicht zu jenem Zeitpunkt psychisch wirksam wird, an dem es vorgefallen ist, sondern erst durch ein zweites Ereignis, das ein nachträgliches Verständnis des ersten bewirkt; wenn also, wie Freud im «Entwurf» schrieb, erst die «Erinnerung einen Affekt erweckt, den sie als Erlebnis nicht erweckt hatte». Eine oberflächliche Ähnlichkeit reicht aus, damit eine erste Szene vermittelt durch eine zweite Szene eine traumatische Wirkung entfalten kann. Das Fallbeispiel, an dem Freud zum erstenmal dieses Moment der Nachträglichkeit erläuterte, erweist sich bei genauerem Hinsehen nicht bloss als eine Theorie der Verursachung von Neurosen, sondern darüber hinaus als ein allgemeines Konzept sowohl der Entstehung individueller wie kollektiver Geschichte als auch der psychoanalytischen Deutung.

Freuds Patientin Emma erlebt als Achtjährige in einem Laden, in dem sie Süssigkeiten kauft, eine sexuelle Attacke des Krämers, der ihr durch die Kleider in die Genitalien kneift. Noch einmal geht sie danach in den Laden, dann nicht mehr. Der Vorfall bleibt jedenfalls folgenlos. Als Emma jedoch vier Jahre später in einem anderen Laden zwei Angestellte, von denen einer ihr sexuell gefällt, miteinander lachen sieht, erleidet sie einen Angstanfall, flieht aus dem Laden und kann fortan kein Geschäft mehr alleine betreten. Das eigene Begehren, das Emma in der zweiten Ladenszene erlebt, taucht die zunächst folgenlos gebliebene erste Szene in ein neues Licht, das die sexuelle Verführung, das Begehren des Krämers aufscheinen lässt. Nachträglich entfaltet die erste Szene eine psychische Wirkung, die vormals nicht eintreten konnte, weil das Ereignis unbegriffen, ungedeutet geblieben war.

Auf dem Hintergrund dieser Geschichte wird man leichter verstehen, was der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan meinte, wenn er über die Wiederkehr des Verdrängten sagte, diese käme nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft. Jedenfalls wird deutlich, dass, was als (normale) Entwicklung oder (neurotische) Fehlentwicklung erscheinen mag, keineswegs der ungestörte beziehungsweise gestörte Ablauf eines wie immer zustande gekommenen psychischen Programms oder eines wie immer komplexen Reiz-Reaktions-Schemas ist, sondern ein lebenslanger Prozess von Deutungen und Neudeutungen.

Was mag Freud bewogen haben, wider alle Einsicht in die der Naturwissenschaft nicht unterzuordnende, ganz und gar eigenartige Erkenntnisform der Psychoanalyse, an der Auffassung festzuhalten, seine Theorie sei eine Naturwissenschaft des Seelischen? War es, weil die Alternative so gefährlich naheliegend und eben darum zutiefst unheimlich gewesen wäre: die Begründung der Psychoanalyse auf der Tradition des delphischen Orakels, das am Anfang des Ödipus-Mythos steht, der für die psychoanalytische Theorie so zentral ist?

Denn das Unheimliche, sagte Freud, ist «nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozess der Verdrängung entfremdet worden ist». Auch die Wissenschaft kann letztlich ihre Abkunft vom mächtigen Wunsch, die Zukunft zu beeinflussen und zu beherrschen, nicht verleugnen: «Im animistischen Stadium», so Freud in «Totem und Tabu», «schreibt der Mensch sich selbst die Allmacht zu; im religiösen hat er sie den Göttern abgetreten, aber nicht ernstlich auf sie verzichtet . . . In der wissenschaftlichen Weltanschauung ist kein Raum mehr für die Allmacht des Menschen, er hat sich zu seiner Kleinheit bekannt und sich resigniert dem Tode wie allen anderen Naturnotwendigkeiten unterworfen. Aber in dem Vertrauen auf die Macht des Menschengeistes, welcher mit den Gesetzen der Wirklichkeit rechnet, lebt ein Stück des primitiven Allmachtsglaubens weiter.»

Peter Schneider ist Psychoanalytiker und Publizist; er lebt in Zürich.


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