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NZZ Folio 04/07 - Thema: Heiraten   Inhaltsverzeichnis

Sportmärchen - Die versteckten Brüder

© Markus Roost
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Von Richard Reich
Es lebten einst zwei Brüder auf einer Alp, wo sie das Schicksal mutterseelenallein zurückgelassen hatte. Sie besassen nichts auf der Welt als sich selber sowie eine Geiss, die sie hüteten. Das Tier gab im Sommer jeden Tag zwei Schalen Milch, deren eine die Brüder austranken. Aus der zweiten Schale machten sie Käse für den Winter. Im übrigen vertrieben sich die Kinder die Zeit mit allerlei Spielen. Sie hüpften auf einem Bein über die Felsen, im Winter sausten sie auf Arvenästen über die Schneefelder, am liebsten aber spielten sie Verstecken. Während der eine bis zehn zählte, versteckte sich der andere zwischen den Bergkiefern und hielt den Atem an. Wenn das Versteck gefunden war, wechselten sie die Rollen.

Eines Tages wusste der jüngere Bruder, nachdem er bis sieben gezählt hatte, nicht mehr weiter. Er dachte fieberhaft nach, doch je mehr er sich bemühte, desto weniger wollte ihm die korrekte Fortsetzung einfallen. Das war kein Wunder, denn der Bub zählte selber erst sieben Jahre, und auf der Alp gibt’s bekanntlich weder Sünd noch Schule. Während sich der Kleine also den kleinen Kopf zerbrach, entfernte sich der Grosse mit grossen Schritten, so dass er schliesslich auch nicht mehr hörte, wie sein Bruder endlich «Ich komme! Ich komme!» rief. Und so blieb der Kleine ganz allein auf der Alp zurück. Beim Geisshüten dachte er andauernd an seinen verlorenen Bruder und ersann dabei manch trauriges Lied:

Brüderchen, komm spiel mit mir.
Ach, wie sehn ich mich nach dir!
Such dich hier, such dich dort,
rundherum, doch du bleibst fort!

Und wenn er fertig gesungen hatte, musste er bitterlich weinen.

So gingen die Jahre ins Land. Der grosse Bruder blieb verschollen, und der kleine wurde seinerseits allmählich gross, zumal er jetzt die Geissmilch allein trinken konnte. Je grösser er wurde, desto kräftiger wurde seine Stimme, und umso schöner und trauriger wurde sein Lied:

Auf meiner kleinen Alpe,
da ist ein dunkler Pfad.
Mein Bruder ist entschwunden,
der hier gewohnet hat …


Wenn der Gesang des Jünglings im Abendrot über den Bergspitzen erklang, spitzte nicht nur die alte Geiss ihre Ohren. Auch das Murmeltier und der Berghase kamen herbei, es kamen Schneegans und Schleiereule, Gemse und Steinbock, ja sogar der Wolf trottete aus dem Wald, was die andern nicht freute. Denn der räudige Räuber fing vor Rührung immer gar greulich zu heulen an.

Eines Abends aber kam die Schneegans aufgeregt angeflattert und schnatterte: «Neuigkeiten! Meine Cousinen haben deinen grossen Bruder gesehen. Er ist jetzt kein Geisshirt mehr, sondern ein Skiweltmeister!» Da freute sich der Kleine wie ein Schneekönig und sang:

Brüderlein fein, Brüderlein fein,
magst ein grosser Rennfahrer sein!
Doch Brüderlein mein, Brüderlein mein,
komm bald wieder heim!


Und noch bevor der Applaus der Tiere verklungen war, flatterte die alte Schleiereule auf und kreischte: «Seht doch! Da kommt der verlorene Bruder übers Feld!» – «Wo denn? Wo denn?» schrien die andern. «Na, dort!» quiekte die Elster, «er hat lauter Gold- und Silberstücke um den Hals!» Tatsächlich dauerte es nicht lang, und der grosse Bruder stand vor ihnen und lachte schelmisch, als wäre er nie fort gewesen. Dann umarmte er den Kleinen, klopfte den Tieren auf die Schulter und berichtete von seinen Erlebnissen, von Niederlagen und Siegen und davon, wie er am Ende Weltmeister geworden war. Da freuten sich alle, und der kleine Bruder machte sich sofort daran, eine Siegeshymne zu komponieren:

Die ganze Alp steht hinter dir,
du erfolgreiches, äh, Brudertier.
Was bist du für ein, äh, Supermann,
auf den man, äh, alles reimen kann …


An dieser Stelle brach er ab und meinte nachdenklich zu dem Heimkehrer: «Seltsam, solange du fort warst, konnte ich besser über dich dichten.»

Der neue Skiweltmeister Daniel Albrecht hat seine Kindheit mit seinem Bruder Fabian auf einer einsamen Oberwalliser Alp zugebracht. Anlässlich Daniels triumphaler Rückkehr komponierte Fabian ein Weltmeisterlied.

Richard Reich ist Autor; er lebt in Zürich.

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