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NZZ Folio 04/07 - Thema: Heiraten   Inhaltsverzeichnis

«Mir gefällt, dass er morgens pfeift»

© Julian Salinas
«Man sollte einen ähnlichen Level an Egoismus besitzen»: Nicole Burth Tschudi. Linktext
Vier Paare erzählen, warum sie zusammen sind.

Von Daniele Muscionico

7 Jahre verheiratet: Martin Tschudi (37)

«Die Beziehung zu Nicole begann in meinem Kopf. Ein Freund erzählte mir immer wieder von einem Mädchen aus dem Toggenburg, und mit der Zeit begann sich dann in mir eine Vorstellung zu bilden: Nicole! Eines Tages sagte dieser Freund: ‹Komm mit, Nicole sitzt in der Bibliothek.› Kennen Sie die Geschichte von Obelix und der schönen Falbala? Genau so kam ich mir in jenem Moment vor: Ich, Obelix, der einfach völlig beduselt dasteht. Dann dauerte es ein Jahr, bis wir uns wieder trafen. In der Zwischenzeit hatten wir uns beide von unseren Partnern getrennt. Für mich war bald klar, dass Nicole die Frau meines Lebens ist. Aber ich merkte auch, dass der Schritt in die Ehe für sie noch fernlag. Also habe ich gesagt: Wenn du so weit bist, frag mich.

In einem Bus sah ich einmal einen alten Mann sitzen, der eine grosse Zufriedenheit ausstrahlte. Da wusste ich: So möchte ich alt werden – mit Nicole. Mich begeistert an ihr, dass sie weiss, was sie will. Und mich so will, wie ich bin. Und sie teilt meine sportlichen Flausen: Morgen nehmen wir zusammen am Engadiner Skimarathon teil! Durch die Ehe hat sich ausser dem Status nichts geändert. Anfänglich war es etwas gewöhnungsbedürftig, über Nicole als ‹meine Frau› zu sprechen. Ich bin froh, dass wir ein Commitment eingegangen sind füreinander.»

Nicole Burth Tschudi (35)

«Ich habe zur erfolgreichen Beziehung ja meine eigene Theorie, und zwar seit ich 18 bin: Man muss sich gegenseitig sehr angezogen fühlen, sollte einen ähnlichen Level an Egoismus besitzen und muss zusammen lachen können. Martins Lachen war mir gleich aufgefallen, als wir uns zum ersten Mal in der Uni-Bibliothek begegneten. Ein Jahr später trafen wir uns auf einem Fest. Wir hatten uns in der Zwischenzeit an der Uni ein paar Mal gesehen. Ich wusste, dass er eben das Liz abgeschlossen hatte, und fragte ihn, ob er mir seine Zusammenfassungen geben könne. Er meinte: ‹Nein, die kannst du selber schreiben.› Das hat mir imponiert, da wusste einer, was er wollte und was nicht.

Wir trafen uns häufiger … Und plötzlich ist man drei Monate zusammen und immer noch glücklich. Mir gefällt, dass Martin pfeift, wenn er morgens ins Bad geht. Zu zweit scheinen alle Probleme lösbar, man geniesst gemeinsam die Ruhe, ist zusammen fröhlich, alles ist selbstverständlich. Eines Tages sah ich im Schwimmbad ein 80-jähriges Paar. Sie hatten grossen Spass, neckten sich im Wasser, lachten. Ich konnte mir plötzlich vorstellen, dass ich im Alter mit Martin zusammen bin und auch noch solchen Spass habe. Durch die Ehe wollte ich meine Exit-Barriere erhöhen, denn manchmal neige ich zu Kurzschlussreaktionen …»

18 Jahre verheiratet: Ursi Ivkov ic-Hürlimann (45)

«Dragan war beliebt bei den Mädchen. Er hatte eine Band und spielte Gitarre. Wenn ich ihn von weitem sah, hatte ich sofort wahnsinniges Herzklopfen! Dragan geht auch heute oft mit Frauen weg, aber das macht mir nichts aus. Mit 18 waren wir zum ersten Mal ein Paar. Ich weiss nicht mehr, warum wir wieder auseinandergingen.

Eines Tages dann, ich war ungefähr 22, lud mich ein Freund zu einer Silvesterparty nach Engelberg ein. Er holte mich mit einem VW-Bus ab, im Auto sassen alle Gäste – auch Dragan. Seine Gegenwart hat mich sehr nervös gemacht! Wir tanzten viel, tranken und assen. Dieser Freund bemühte sich sehr um mich – und Dragan auch. Im Lauf des Abends fand ich heraus: Die beiden hatten gewettet, wer mich bekäme! Ich war so wütend, dass ich abgereist bin. Dragan ist dann mit Rosen bei mir zu Hause aufgetaucht. Diese Geschichte habe ich ihm lange nicht verziehen.

Ich habe von Anfang an gesagt, ich möchte weiter arbeiten, ich bin medizinische Laborantin. Als die Kinder in die Pubertät kamen, hätte ich den Beruf beinahe aufgeben müssen, doch ich fand eine Stelle, bei der ich viel daheim arbeiten konnte.

Die eigene Persönlichkeit aufzugeben, finde ich falsch. Ich bin zum Beispiel eher chaotisch veranlagt, Dragan eher pedantisch. Nun bin ich etwas ordentlicher geworden und mein Mann etwas unordentlicher. Wir sind zwei Persönlichkeiten, ein Team. Wir gehören einfach zusammen. Auch durch die Kinder. Wir sind grosszügig, engen uns nicht ein, das ist wichtig. Insofern ist unsere Liebe eher gemeinsam erarbeitet als ein Geschenk.»

Dragan Ivkov ic-Hürlimann (45)

«Sie hatte so ein Strahlen, ein Leuchten. Das erste Mal trafen wir uns in der Sekundarschule, sie war eine wunderschöne Frau, und so haben wir miteinander angebändelt. Sie hatte sehr strenge Eltern, und jedes Mal, wenn wir miteinander ausgingen, war ihr Hund dabei. Er hiess Rex und war kein angenehmer Hund. Immer wenn wir uns näherkommen wollten, ging er dazwischen. Das war schwierig.

Dann haben wir uns fünf, sechs Jahre lang nicht mehr gesehen. Wir trafen uns an einer Silvesterfeier wieder. Da ist sie mir mit ihrer Art aufgefallen, sie war sehr direkt. Und sie hat phantastisch ausgesehen. Zudem war sie bereits selbständig, sie hatte eine eigene Wohnung. Das fand ich spannend. Ich lebte damals noch bei den Eltern, weil ich ja noch im Studium war. Eigentlich hatte ich mich an dieser Feier mit meinem Kumpel um sie gestritten, denn auch er war in sie verliebt. Doch er hat den Kürzeren gezogen!

Geheiratet haben wir wegen der Kinder; sie sollten den gleichen Namen tragen wie wir, weil es sonst oft Schwierigkeiten gibt. Und die Kinder halten uns auf jeden Fall auch zusammen, unsere Tochter ist 17 Jahre alt, der Junge wird 16. Wir kennen uns schon sehr lange, seit 22 Jahren. Wir sind zusammen, es ist einfach so, ich muss mir das nicht überlegen. Sie hat ihre Hobbies, und ich habe meine. Ursprünglich wollte ich Musiker werden, die Musik ist heute mein Hobby. Jeder von uns geniesst seine Freiheit und besitzt das Vertrauen des anderen. Wir reden offen miteinander und sprechen über viele Dinge. Wir gängeln uns nicht, und wir gehören uns nicht. So, wie wir miteinander leben – ich glaube, das ist ein Geschenk.»

40 Jahre verheiratet: Urs Imoberdorf-Hartmann (64)

«Ich mache Gutachten, ich bin Psychologe und Graphologe, und bevor ein Gutachten auf die Post geht, sieht es meine Frau auf Fehler durch. Alles Kaufmännische, alles, was mit Vermögensverwaltung, Steuern und so weiter zu tun hat, erledigt meine Frau. Wir sind also nicht nur vor dem Gesetz verheiratet, sondern auch beruflich. Deshalb müssen wir manchmal künstlich Trennungen schaffen. Ich habe angefangen, Golf zu spielen, meine Frau nicht. Oder ich gehe eine Woche mit Tenniskollegen ins Ausland. Wenn man mal weg ist, dann schätzt man sich wieder neu. Wenn man immer zusammenhockt, ist das wie das tägliche Brot.

Zu meiner Zeit, 1967, da hat man einfach geheiratet. Damals lebten bloss Künstler und interessante Einzelgänger unverheiratet. Ich war in einem Benediktinerinternat, bin geprägt von gewissen Werten und Vorstellungen. Sicher haben auch sie dazu beigetragen, dass wir noch zusammen sind. Eine Ehe ist nicht nur Liebe jeden Tag.

Wir sind sehr unterschiedlich. Meine Kompetenz ist die Sprache, und das führt oft zu einer Pseudo-Überlegenheit; ihre Kompetenz ist die Spontaneität. Meine Frau ist sehr spontan, sehr impulsiv, sehr direkt. Sie kann mich mit ihrer Impulsivität ganz schön überfahren! Letztlich war dies am Anfang unserer Beziehung ja auch die stärkste Attraktion. Es gibt Momente, wo man sich jemanden wünscht, der ausschliesslich liebenswürdig ist. Das ist nicht die Art meiner Frau. Doch irgendwann merke ich immer wieder: Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sind wichtiger als schöne Worte.»

Madeleine Imoberdorf-Hartmann (64)

«Mein Partner sollte vor allem ein guter Familienvater sein, das war damals so. Aber ich hatte ihn auch gern, sehr gern. Für mich war es immer wichtig, in der Ehe das Gefühl zu haben, mich entwickeln zu können, wie ich will. Ich bin eine eigenwillige, eigenständige Person und hätte es wahrscheinlich schlecht ertragen, wenn Urs dies nicht akzeptiert hätte. Urs hat sich in vielen Situationen, die die Familie betrafen, draussen gehalten. Das war am Anfang schwierig zwischen uns. Dann habe ich gelernt, mich gut einzuteilen und die Zeit kostbar zu machen. Denn es gibt ja auch noch mich! Ich habe eine Kulturkommission geleitet, Ausdrucksmalen mit Kindern gegeben – neben den Tätigkeiten, die ich Urs in der Psychologie abgenommen habe.

Ich wünschte mir oft bauliche Veränderungen, doch niemand hat sie realisiert, also begann ich, es selber zu organisieren. Weil Urs sich um solche Sachen wenig kümmert, habe ich mir das nötige Wissen angeeignet. Es war einfacher, das Organisatorische und Finanzielle selber in die Hand zu nehmen. Wenn Besuch kommt, und wir haben sicher einmal in der Woche Gäste, dann backe ich den Apfelkuchen zum Beispiel immer zwei Tage im voraus, er wird sogar noch besser so.

Urs und ich sind grundverschieden, aber wir lassen einander viel Spielraum. Ich bin impulsiv, sagt er. Halt ein bisschen mehr als er, finde ich, aber das darf man schon sein. Am Anfang hat es mich gestört, als Gefühlsbetonte abgestempelt zu werden! Heute entgegne ich ihm mit Humor: ‹Wenn du nicht das letzte Wort hast, dann bist du nicht mehr am Leben.›»

56 Jahre verheiratet: Erwin Eberhard (84)

«Sie arbeitete nur ein paar Ecken weg von meinem Geschäft. Sie lernte Modistin in einem Hutgeschäft, ich machte die Buchdruckerlehre. Manchmal sah ich sie an unserem Laden vorbeigehen. An dem Morgen, als ich zur Lehrabschlussprüfung mit dem Tram nach Seewen fahren musste, stieg sie auch ein. An diesem Tag haben wir zum ersten Mal miteinander gesprochen. Danach habe ich sie lange nicht mehr gesehen, sie war mit ihrem Onkel nach Amerika gezogen.

Und dann, drei Jahre später – wir organisierten vom Gesellenverein einen Fasnachtsanlass im «Schäfli» –, war da eine Dame, die mir Eindruck machte, die ich aber nicht kannte. Jemand sagte: ‹Das ist doch das Marili Beeler!› Sie war in den Ferien in Schwyz. Ich tanzte sofort mit ihr. Wir tanzten den ganzen Abend. Später führte ich sie heim. Jeder ging brav zu sich. Wir kamen dann ein paarmal zusammen … Als ihre Ferien vorbei waren, wollte sie mich mit nach Amerika nehmen, doch das ging nicht. Mein Vater hatte ein Geschäft und wäre gestorben. Fünf Jahre später starb er trotzdem.

Wir schrieben uns jeden Tag oder mindestens zweimal in der Woche. Jedes Brieflein von ihr war ein Kunstwerk! Mit Feder und Tusche – sie hatte eine wunderbare Schrift! Halbe Nächte lang hat sie geschrieben! Nach zwei Jahren kam sie zu mir, und wir konnten endlich heiraten. Wir wollten ja eine Familie, und die haben wir auch bekommen: vier Töchter und zwei Söhne. Das ist das Glück, das wir heute haben. Ich habe sie geliebt, und ich liebe sie noch immer.»

Maria Josefina Eberhard (83)

«Wir haben geheiratet, um Kinder zu bekommen. Das war für mich das Wichtigste. Das ist gut so, denke ich heute. Ich fand, dass es nichts Schöneres gebe, als Kinder zu haben. Und tatsächlich bekamen wir sechs an der Zahl. Ich wurde in Amerika geboren und habe mich dort sehr wohl gefühlt. Ich wuchs auf der Farm meines Göttis auf, wir besassen Autos und Pferde. Weil meine Mutter Heimweh hatte, kam ich mit sieben Jahren in die Schweiz. Ich ging hier zur Schule und dann in die Lehre.

Ich war frecher als Erwin. Aber als erste auf ihn zugehen, das tat man nicht als Mädchen. Vielleicht würde man sich ja einmal bei einem Anlass treffen. Erwin konnte eigentlich nicht tanzen, aber das war später auch nicht mehr so wichtig. Er hatte etwas anderes, seine Art, die mir gefiel: Er war ein religiöser Mensch. Und damit ist es dann vorwärtsgegangen. Ich dachte mir, dass er nach Amerika mitkommen könne. Doch seine Eltern waren dagegen. Also bin ich allein zurück und habe ihm Briefe geschrieben. Am Sonntag oder nachts. Manchmal habe ich eine Fotografie beigelegt, manchmal eine Zeichnung oder gepresste Blumen. Natürlich gab es auch in Amerika religiöse Männer, aber ich war pflichtbewusst und dachte, wenn ich in der Schweiz etwas angefangen habe, kann ich nicht an einem anderen Ort etwas anfangen. Ich ging in Amerika nicht tanzen, sondern blieb zu Hause, war treu und schrieb Briefe. Dann bin ich wieder in die Schweiz gefahren, um ihn zu heiraten.»

Daniele Muscionico ist NZZ-Kulturredaktorin. .

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