NZZ Folio 06/04 - Thema: Soundcheck   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Meine alte Flamme

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin

EINES SCHÖNEN TAGES im Jahre 1982 erschien aus dem Nichts auf der Parfumetage der nahe gelegenen Galeries Lafayette ein glänzender schwarzer Monolith, der ein Parfum namens Nombre Noir aus dem Hause Shiseido vorstellte, signiert SL – mit den Initialen seines mysteriösen Schöpfers Serge Lutens. Ich bat um eine Duftprobe, und mein Leben war für immer verändert.

Hätte dieses Parfum sprechen können, wie es die Gegenstände in «Alice im Wunderland» dauernd, in der Wirk lichkeit aber nur ausnahmsweise tun, es hätte mir nicht etwa «Schenk mich deiner Freundin» zugeraunt, sondern «Lass sie sitzen und brenn mit mir durch». Stattdessen begann ich eine diskrete ménage à trois. Als wir uns einige Jahre später trennten, blieb das Parfum bei ihr. Zu dieser Zeit war Nombre Noir bereits aus den Regalen verschwunden. Es hatte sich die seinerzeit noch rare Auszeichnung eingehandelt, Allergien hervorzurufen, und war in der Folge verboten worden.

Ich war ein Jahrzehnt auf der Suche, die immer weitere Kreise zog. Zuerst durchkämmte ich alte Parfumerien, dann fragte ich bei andern Sammlern nach, in Spezialgeschäften (das grösste befindet sich an der Kreuzung von Interstate 95 und 270 im Osten von North Carolina), schliesslich probierte ich das Internet – alles vergebens.

Doch dann, letztes Jahr, als ich mit einer befreundeten Parfumjournalistin zu einem trunkenen Diner beisammensass, kam unverhofft heraus, dass sie einen vollen Vaporisateur des Eau de toilette bei sich zu Hause stehen hatte und ausserdem nicht viel davon hielt. Sie bot mir an, es gegen einen der Schätze aus meinem Besitz einzutauschen, eine unverfälschte Unze von Cotys Chypre, nicht das Wunder von 1917, aber doch eine ganz passable Version aus den 1960er Jahren. Wir tauschten unsere Obsessionen aus, und endlich, endlich blickte ich wieder in jenes wundervolle Antlitz.

Nostalgische Begegnungen sind gefahrvoll. Nombre Noir war immer noch schön, kein Zweifel, und ich verstand, was ich einst geliebt hatte, eine verspielte, unerbittliche Hemmungslosigkeit, die kein Duft davor oder danach je erreicht hat, aber ich war nicht mehr davon gefesselt. Getrieben von jener Grausamkeit, die uns zergliedern lässt, was wir nicht wirklich zu lieben vermögen, schickte ich es zur Analyse. Als ich die Liste der Ingredienzien und ihrer Verhältnisse las, fühlte ich mich wie Röntgen, als er zum ersten Mal die Knochen in der Hand seiner Frau erblickte: nicht mehr das Schöne offenbarte sich hier, sondern das Erhabene.

Im Herzen ein Quartett strahlender, holzig-rosiger Damascone, synthetischer Substanzen, die erstmals vor vierzig Jahren in Rosenöl entdeckt wurden. Sie zerfallen im Sonnenlicht. Aber das Geheimnis lag in einem gehörigen Schuss Hedion, einem ruhigen, unprätentiösen Stoff, den niemand je zur Kenntnis genommen hatte, bis Edmond Roudnitska 1966 mit Eau Sauvage zeigte, wie man mit seinem magischen Kuss den Tau auf welke Blumen zurückzaubert. Es mag ja sein, dass Wissen Macht ist, aber Macht und Liebe sind zweierlei.




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