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Beim Coiffeur -- «Der Coiffeurstuhl ist wie ein Beichtstuhl»
© Anita Cassese, Bern
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| Luis Morales, Managua, Nicaragua |
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Seit 55 Jahren schneidet Luis Morales vor allem Herren die Haare. Selbst der letzte Diktator vertraute ihm. Einmal Haareschneiden, bitte!
Von Anita Cassese
Luis Morales, Managua, Nicaragua, ist 75 Jahre alt, verheiratet und Vater von vier erwachsenen Kindern. Er arbeitet seit 55 Jahren als Herrenfriseur. In jungen Jahren kam er von Granada nach Managua und erlernte sein Handwerk im damals einzigen Fünfsternehotel, dem «Gran Hotel». Heute ist er Inhaber des Salons «El Caballero», wo auch drei seiner Enkel arbeiten.
Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?
«Die Nägel»: ein Schnitt, bei dem die Haare mit Gel aufgerichtet werden. Vor allem die Jungen fragen danach. Überhaupt sind Männer eitler geworden – auch wenn sie es nie zugeben würden. Heutzutage reicht es nicht, den Bart zu schneiden, auch ein Gesichtspeeling ist gefragt.
Haben Sie eine spezielle Methode?
Ich schneide die Haare traditionell mit der «navaja», dem Rasiermesser.
Warum sind Sie Coiffeur geworden?
Um im Leben einen ordentlichen Weg einzuschlagen. «Du musst einen Beruf wählen», hat mir meine Mutter gesagt; sie war streng und liess bei ihren Kindern keine Faulheit zu.
Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?
Mit 18 Jahren arbeitete ich für sechs Monate bei einem Haarschneider in Granada, meiner Geburtsstadt. Es gab damals keine Schule, Haareschneiden war Übungssache, und man musste einfach intelligent genug sein und den Willen haben, sich ständig zu verbessern.
Was sind Ihre Zukunftspläne?
Ich werde weiterarbeiten, solange Gott mich leben lässt und ich die Kraft dazu habe.
Wer schneidet Ihre Haare?
Einer meiner Enkel.
Haben Sie viele Stammkunden?
Ja, zwischen zehn und fünfzehn täglich. Sie kommen alle zwei Wochen wieder; über die Jahre entstehen oft Freundschaften. Der Coiffeurstuhl ist so etwas wie ein Beichtstuhl. Dank Diskretion und Rechtschaffenheit haben die Leute Vertrauen zu mir. Die Männer erzählen mir Dinge, die sie ihren Ehefrauen niemals erzählen würden, wie zum Beispiel Affären mit anderen Frauen oder Schwierigkeiten im Geschäft.
Welche Art Kunde ist die grösste Herausforderung für Sie?
Die Schwarzen. Ihre Haare sind gekräuselt und hart, das braucht mehr Zeit.
Haben Sie prominente Kunden?
Zu meinen Kunden zählen der Kardinal Miguel Orlando und der frühere Präsident Enrique Bolaños. Auch Schauspieler wie der Mexikaner Cantinflas oder pensionierte Generäle wie Humberto Ortega kamen hierher. Dem letzten Diktator, Anastasio Somoza Debayle, stutzte ich während acht Monaten den Bart, bevor er 1978 wegen der sich anbahnenden Revolution das Land verlassen musste.
Worüber unterhielten Sie sich mit ihm?
Es war oft nicht möglich, mit ihm zu sprechen, da seine «Gehilfen» ständig um ihn herumwedelten. Einmal fragte er mich, wie die Leute über ihn redeten. «Sie sind nicht sehr zufrieden mit Ihrer Politik», antwortete ich. «Sehen Sie, meine Angestellten lügen mich an. Sie aber haben mir die Wahrheit gesagt», erwiderte er. Fortan genoss ich sein Vertrauen.
Wann ist eine Frisur aus Ihrer Sicht gelungen?
Wenn ich dem Kunden den Spiegel vorhalte und er mir sagt: «Du hast dich selbst übertroffen.»
Haben Sie sich schon einmal geweigert, einen Wunsch auszuführen?
Ein Taiwanese war einmal nicht zufrieden mit dem Resultat; er schien verärgert und redete so heftig in seiner Landessprache auf mich ein, dass ich dachte: Gleich schlägt er mich. Dennoch kam er wieder. Ich aber weigerte mich, ihn zu bedienen.
Was mögen Sie an Ihrer Stadt?
Managua ist eine offene Stadt, die Menschen sind liebenswert. Der Handel und das Geschäftsleben sind hier ausgeprägter als anderswo.
Was gefällt Ihnen an diesem Stadtteil?
Mein erster Salon befand sich im Universitätsviertel. Als 1998 die Studentenunruhen zunahmen, suchte ich mir einen ruhigeren Ort. Hier ist es friedlich und schön.
Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?
Um halb sieben Uhr abends ist Feierabend, dann gehe ich nach Hause zu meiner Familie. Sonntags gehen meine Frau und ich manchmal nach Granada, um frischen Fisch zu essen und eine andere Atmosphäre zu geniessen.
Wo machen Sie Ferien?
Ich gehe nicht gerne an den Strand. Ostern verbringen wir auf einem Landgut meines Schwiegersohns, in Rivas.
Anita Cassese ist freie Journalistin; sie lebt in Bern.
Barbería El Caballero In Managua gibt es weder Strassennamen noch Hausnummern, Orientierung geben die Himmelsrichtungen. Die Adresse der Barbería «El Caballero» lautet: zwei Häuserblocks südlich der Verkehrsampeln von Plaza El Sol und einen Block «nach oben», also Richtung Norden. Einen fixen Termin gibt es bei Luis Morales nur gegen Aufpreis, sonst arbeitet er ohne Voranmeldung. Die Angestellten sind mit 30 Prozent am Umsatz beteiligt.
Preis für durchschnittlichen Haarschnitt Fünf Dollar, egal ob für Männer, Frauen oder Kinder.
Nicaragua Einwohner: 5,5 Millionen BIP pro Kopf: 1050 US-Dollar Milch: 1 Liter 0.80 US-Dollar Brot: 1 kg 1 US-Dollar Kinobillett: 3 US-Dollar Zigaretten: 1 US-Dollar Taxi: 10 km 3.50 US-Dollar
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