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Wer Wohnt da? -- Aus einem Guss
© Heinz Unger
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| Das wärmende Zentrum der gestylten Kunst- und Wohnoase. |
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Ein strammes Galeristenpaar oder ein kühler Schönheitschirurg? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.
Die Psychologin
Alles ist für den Empfang bereit – hier kommt man an! Es wird grosszügig gewohnt, getafelt, gelebt, selbst der Purismus ist üppig inszeniert. Im ganzen Wohngeschehen findet sich kein nicht ausgesuchter Gegenstand, alles ist akkurat angeordnet und hindrapiert, kein Stäubchen nirgendwo. Darf man dieses ufoartige Schnorchelcheminée überhaupt als Gebrauchsstück bezeichnen – wärmendes Zentrum in dieser leicht unterkühlten und gestylten Design- und Kunst-Oase? Das ganze Loft wirkt trotz Platz ohne Ende und Weitläufigkeit wie aus einem Guss, eine beeindruckende Installation von tollen Möbeloriginalen und Kunstgegenständen, mittendrin thront die Küche wie ein Mausoleum. Kulinarisch wird kaum Alltagsküche à la Betty Bossi gepflegt, eher werden Fine Food, Biodelikatessen und ein edler Tropfen kredenzt.
Wohnen die Bewohner hier, oder freuen sie sich vielmehr an der edlen Ausgestaltung ihres Wohntraumes? Ist ihnen das Loft weniger gemütliche Wohnhöhle als Parkett für Design und Dasein? Die persönliche Kuschelecke sucht man vergeblich; aber vielleicht sind Kunst und Kunstbücher für unsere Loftbewohner ein ganz privates Glück? Lebt hier ein Paar? Ein Powercouple und eingespieltes Wohnteam, was Geschmack und Einrichtung betrifft, das vielleicht mit der Ästhetik geschäftet und Geld damit verdient? Gestalten und inszenieren sie auch beruflich Räume und Dinge, oder modellieren sie am Menschen zur Verschönerung? Oder ist ihre Wohnung einfach pure Freude an schönen Dingen? Hin und wieder laden sie Gäste ein, die dann die stramme Stuhlreihe verrücken? Alles ist hier so stimmig, dass es auch von einem oder einer allein sein könnte – das wäre dann aber ganz schön anstrengend, eine so imposante Behausung im Solo zu beleben.
Ingrid Feigl
Der Innenarchitekt
Eine Loft-Wohnung, die diese Bezeichnung verdient, spürt man doch deutlich die Weite ehemaliger Lager-, Produktions- oder Manufakturräume. Die Fensterteilung und die mit Holzbrettern geschalte Betondecke lassen eine kleine Fabrik aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts vermuten.
Der Wohnbereich mit der eingefügten Küche sowie das Lesezimmer bilden ein einziges Raumgefüge, das sehr schön ineinandergreift. Spannend ist die Setzung des frei in den Raum gestellten Küchenblocks, der einem Möbel gleich Bereiche schafft, ohne mit der Gesamtwirkung des Raumes zu konkurrieren. Eine feine Unterscheidung wird durch den Bodenbelag erreicht. In der Cheminée-Ecke mit dem Stelldichein von Klassikern der Moderne liegt ein indischer Kelim auf einem dunklen Parkettboden, während in den restlichen Räumen ein heller Ton vorherrscht.
Die offensichtlichen Kunstliebhaber, vielleicht ein Galeristenpaar oder im Kunsthandel Tätige, verstehen es, ihre Schätze differenziert zu placieren. So kann das grossformatige Bild am Ende des Wohnraums über den ganzen Raum ausstrahlen, während die kleineren Formate in der eher intimeren Bibliothek ihren Platz haben. Ebenso zeigen sie gekonnt, wie sich gegensätzliche Stilelemente aus unterschiedlichen Zeiten mischen lassen: das Gyrofocus-Cheminée aus den 1960er Jahren neben den Sitzmöbeln von Alvar Aalto von 1930, der Esstisch von 1990 neben dem Freischwinger aus den 1920er Jahren. Bei den Bewohnern indes vermutet man statt Differenzen das Bedürfnis nach Harmonie.
Stefan Zwicky
Hans und Emmy Bollier, Geschäftsführer und Hausfrau
«Mein Bruder schenkte uns zur Hochzeit vor 39 Jahren eine Mappe mit Grafiken von Schweizer Künstlern. Er sagte: ‹Sucht euch drei Bilder aus.› Damals interessierte uns zeitgenössische Kunst überhaupt nicht, aber das Blättern in der Mappe löste etwas aus, langsam entwickelte sich eine Leidenschaft, gäll Emmy?
Ich sehe uns noch in unserer Wohnung in Luzern auf dem Sofa sitzen und blättern. Das Sofa von damals existiert noch, es steht im Musikzimmer meiner Frau, sie unterrichtet Erwachsene in Blockflöte. Emmy, kannst du dich erinnern, für welche drei Grafiken wir uns damals entschieden haben? Vermutlich wählten wir Portraits. Ich mag Portraits. Nein, diese Grafiken besitzen wir kaum mehr, vielleicht liegen sie irgendwo in einer Mappe auf dem Dachboden – aber als Sammler entwickelt man sich ja auch.
Wir haben immer ganz junge Künstler gekauft, am liebsten solche ohne Biographie, wo rein das Werk überzeugte. Etablierte Künstler könnten wir uns gar nicht leisten. Bis Anfang der 1990er Jahre kauften wir junge Schweizer, heute kaufe nur noch ich, und primär internationale Künstler.
Meine Frau musste für meine Sammelleidenschaft auf vieles verzichten, ich weiss, das ist unverschämt, denken Sie nicht, dass mich das nicht belastet. Emmy hat sich aber nie beklagt, dabei hätte sie zum Beispiel immer sehr gerne einen Wintergarten gehabt – aber der lag halt einfach nicht drin. Ich erinnere mich, wie ich einen Kleinkredit aufnahm, um mir Kunst kaufen zu können, meine Frau stotterte den dann von ihrem Haushaltsgeld ab. Für uns ist Kunst bedeutungsvoller, als teure Kleider zu tragen oder sich mit sonstigen Luxusgütern zu umgeben.
In diesen Fabrikbau aus den 1940ern zogen wir vor vier Jahren. Davor wohnten wir ebenfalls in Albisrieden, aber direkt am Waldrand, sozusagen im Einklang mit der Natur. In der ländlichen Umgebung sind auch unsere zwei Kinder aufgewachsen.
Mit den Veränderungen, die das Alter mit sich bringt, verspürten wir den Wunsch, eine neue Wohnform auszuprobieren. Wohnen war für uns immer zentral und prägte unsere Beziehung. Lange schon bevor wir verheiratet waren, jagten wir gemeinsam Möbeln hinterher. Da wir keine eigene Wohnung hatten, deponierten wir die Einkäufe bei Emmys Eltern – wir waren damals 19.
Meine Frau ist eine Stuhlfetischistin, der Stuhl hat für sie etwas Sinnliches. Sie liebt Brockenhäuser und Secondhandläden, all unsere Stühle hat sie liebevoll zusammengetragen. Ich muss jederzeit mit einem neuen Stück rechnen.
Wir sind kein Powerpaar. Wir suchen die Stille, brauchen unsere Ruhe. Ich reite seit meiner Kindheit. Mein Pferd heisst Amadeus, ein Shire-Horse, ein ganz lieber, den habe ich jetzt seit fünf Jahren.
Unsere Agenden sind nicht überfüllt, wir haben zwar viel Besuch, aber das ist nicht powerig, sondern gemütlich. Letzten Freitag hatten wir 15 Personen zu einer Bierdegustation eingeladen. Ein Freund von uns hat sich zum Biersommelier ausbilden lassen. Wir verköstigten 25 edelste Biersorten, ein Hochgenuss! Vergessen Sie alles, was Sie sich gemeinhin unter Bier vorstellen. Dazu kochte meine Frau wie immer wahnsinnig gut – keinen ‹Fine Food›, sondern einfach nur fein. Ich helfe beim Servieren und räume das Geschirr ab. Das wäre dann aber auch schon alles. Ich muss gestehen, dass ich kaum weiss, wo die Kaffeelöffel liegen, und die Mikrowelle könnte ich auch nicht in Bewegung setzen… Das ist extrem schlimm, ich bin ein Pascha, ich sitze zu Tisch. Was meinst du, Emmy? Ich bin ein Pascha, aber ein lieber? Für uns stimmte es immer so, wir sind sehr harmonisch, bei uns flogen nie die Fetzen. Heute machen unsere Kinder uns das zum Vorwurf – wir hätten uns zu wenig gestritten.
Abends sitzen wir gerne vor dem Cheminée, hören das Knistern des offenen Feuers und lesen. Wir haben 200 Quadratmeter Wohnfläche, der Raum kann diese Wärme gut vertragen. Zwischendurch stehe ich immer wieder auf, schlendere herum und schaue mir die Bilder und Objekte an. In dieser grosszügigen Wohnung haben wir uns angewöhnt, etwas lauter zu sprechen, ich sage oft zu Emmy, lärm doch nicht so, komm lieber her zu mir.
Wenn wir unter die Bettdecke rutschen, zeigt der Wecker auf dem Nachttisch fast jeden Abend exakt 22 Uhr 22.»
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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