NZZ Folio 11/09 - Thema: Family Business   Inhaltsverzeichnis

Frau Yesils grosse Familie

© Stephan Rappo, Zürich
Ferman und Nurdane Yesil (im roten Shirt), daneben Sohn Agid sowie die Nichte, vorn Töchter Ducem und Julia sowie Sohn Ari. Linktext
Ihr Traum ist 17 Schritte lang und 9 Schritte breit: Familie Yesils Lebensmittelladen in ­Zürich Wipkingen, geöffnet von 7 bis 23 Uhr.

Von Florian Leu

Nurdane Yesil träumte elf Jahre lang von einem eigenen Geschäft. Früher arbeitete sie am Buffet einer Raststätte; ihre Kinder sah sie am Wochenende. Im Frühling vor einem Jahr sass sie auf ihrem Balkon in Wipkingen und sah, wie der Buchladen gegenüber geräumt wurde. Sie rannte hinunter und bat um die Nummer des Verwalters. Ein paar Monate vergingen, sie und ihr Mann kündigten ihre Stellen – sie in der Raststätte, er in der Metallbaufirma –, sie hatten einige schlaflose Nächte. Dann war es so weit, und sie stapelten Schachteln in selbstgemachte Gestelle. An einem Sommermorgen vor einem Jahr öffneten sie ihren Lebensmittelladen zum ersten Mal.

Quartierläden wie den der Yesils findet man fast überall in Zürich. Die Preise sind tief, die Regale hoch und sind so voll, dass die Einmachgläser fast herunterfallen. Die Verkäufer sitzen an der Kasse, wenn es noch dunkel ist. Die Neonröhren an den Decken leuchten oft bis Mitternacht. Lebensmittelgeschäfte, geführt von Einwanderern, gehören zur Stadt wie früher die Tante-Emma-Läden.

Wer den Regalen entlanggeht, gerät in einen Sprachwirbel: Wodka Wyborowa, Bordeaux cuvée réserve, Turkish delight, Pomodori secchi, Flammkueches alsaciennes, Pleskavica, Findus-Plätzli. Snickers stehen neben Sesamstangen, zypriotischer Ziegenkäse liegt neben Butter von Floralp. Es gibt Köri (Curry), Susam (Sesam), Kimyon (Kümmel), Handtuchhaken und Büstenhalter, Glasfiguren und Glitzerketten. Vor allem aber gibt es Früchte. Im Sommer, wenn sie draussen liegen, riecht man sie von weitem.

Seit etwas mehr als einem Jahr führt Familie Yesil den «Quartier-Market» an der Röschibachstrasse in Wipkingen. Frau Yesil sitzt an der Kasse, Herr Yesil holt die Früchte vom Markt, ihr Sohn Agid hilft aus, wenn er von seiner Informatikerlehre nach Hause kommt. Sein jüngerer Bruder besucht den Kindergarten, die eine Tochter sucht eine Lehrstelle und arbeitet zurzeit nur selten im Geschäft, die andere Tochter ist noch ein Baby, kaum ein Jahr alt. Zweimal die Woche kommt Frau Yesils Nichte, füllt die Regale, macht Inventur. Am Anfang war der «Quartier-Market» von 6 Uhr früh bis Mitternacht geöffnet, jetzt noch von 7 bis 23 Uhr. Ferien haben die Yesils nicht mehr gemacht, seit sie selbständig sind.

Herr Yesil, ausgebildeter Jurist, ist Kurde und verliess vor 13 Jahren aus politischen Gründen die Türkei. Er kam über Syrien, den Irak, Griechenland und Italien nach Zürich. Frau und Kinder folgten zwei Jahre später. In Wipkingen fanden sie eine Dreieinhalbzimmerwohnung, hier lebt die sechsköpfige Familie noch heute. Ein Dutzend Schritte sind es zum Geschäft, einer der kürzesten Arbeitswege der Stadt.

Frau Yesil sitzt an der Kasse und tippt, meist rundet sie die Beträge ab, lässt 16 Franken in die Kasse klimpern statt 16 Franken 40. Die Kunden bleiben am Förderband stehen und reden mit ihr, bis sich zu viele Leute durch den Laden drängen. Wenn das Geschäft leer ist, sorgt Frau Yesil für Ordnung, putzt und dreht die Dosen in den Gestellen, bis der Laden für einen Werbefilm taugen würde. Sie sagt: «Reich werden wir nicht mit unserem Geschäft. Das wollen wir auch nicht. Wenn wir Miete und Versicherung zahlen können, sind wir zufrieden.»

Sie schätzt es, dass sie zwischendurch nach Hause kann, um zu kochen oder ein wenig zu schlafen. Sie mag es, mit den Leuten zu reden, den Klatsch des Quartiers auszutauschen, mal auf deutsch, mal auf türkisch, mal auf russisch. In der Türkei arbeitete sie als Übersetzerin. Ihr Kleinkind gibt sie oft in die Obhut von Kundinnen, die sie gut kennt. Hat sie zu wenig Zeit fürs Kochen, bringt ihr eine Nachbarin etwas vorbei. Früher kannte Frau Yesil nur wenige Leute im Quartier, weil sie wegen ihrer Schicht spät heimkam. Wenn sie jetzt vor ihrem Geschäft steht, grüsst sie fast jeden, der vorbeigeht. «Eigentlich bin ich erst im letzten Jahr so richtig angekommen in der Schweiz.»

Herr Yesil geht vor der Auslage auf und ab und ordnet die Früchte. Nachbarn treten heran und wechseln ein paar Worte mit ihm. Kurden aus der ganzen Stadt kommen zu Besuch und kaufen hier ein. Sie berühren sich sanft an der Schulter, wenn sie sich verabschieden. Erst wenn die Kisten aussehen, als hätte Herr Yesil die Früchte nach geometrischen Regeln hineingelegt, setzt er sich an den Strassenrand und zündet sich eine Zigarette an. Er sagt: «Das Geschäft gibt uns ein einfaches und gutes Leben, eine kleine Utopie. Vor allem aber kommandieren uns keine Vorgesetzten mehr umher.» Morgens um vier Uhr steht er auf und fährt eine halbe Stunde später zum Engrosmarkt an der Aargauerstrasse. Um sieben öffnet er mit seiner Frau das Geschäft, dann steigt er wieder in seinen Lieferwagen und besorgt Konserven und Milchprodukte. Oft macht er auch Hauslieferungen: Früchte und Kaffeerahm für Büros, Zigaretten für Nachbarn.

Am Nachmittag löst er seine Frau ab und setzt sich hinter die Kasse, während sie daheim das Nachtessen zubereitet. Am Abend kommt sie zurück ins Geschäft, und er besucht Freunde oder geht nach Hause, um zu schreiben. Er kennt Kurden in halb Europa, mit denen er E-Mails austauscht. Oft setzt er sich auch einfach auf den Diwan und schreibt seine Gedanken auf.

Agid, der älteste Sohn, einen Schnauz aus Flaum im Gesicht, schlurft über die Strasse. Er lacht und redet mit Freunden, die vor dem Geschäft auf ihn gewartet haben. Wenn Agid arbeitet, kommen sie meist vorbei und kaufen etwas zu trinken, hier ist das Bier etwa halb so teuer wie beim Kiosk an der Strassenecke. Manchmal tummeln sich zu viele Freunde im Laden. Agid schickt sie dann weg und trifft sich mit ihnen, sobald er aufgeräumt und abgeschlossen hat. Er sagt: «Seit wir das Geschäft haben und meine Mutter öfter bei uns ist, geht es uns besser. Mein kleiner Bruder ist richtig aufgeblüht seither, er hüpft ständig um sie herum. Und ich bekomme mehr Geld für den Ausgang.»

Wenn Frau Yesil Pause macht, steht sie vor dem Geschäft: Müdigkeit in den Augen, Lachfalten rundum, eine Zigarette zwischen den Lippen, Rauchwolken wie sichtbare Gedanken über dem Kopf, die Kaffeetasse in der Hand, im Hintergrund die handgeschriebenen Preisschilder. Wenn sie erzählt, kann sie kaum einen Satz zu Ende bringen. Ständig rennen Kinder herbei, oder es kommen Kunden und sprechen sie an. Jeden Tag, schätzt Frau Yesil, betreten etwa 300 Leute den Laden. Einige lädt sie hin und wieder auf eine Tasse Kaffee ein. Sie verschwindet dann kurz in einer Nische und kommt zurück mit einem Tablett.

Auf Kaffee wartet zum Beispiel eine Kundin mit Hündchen, sie zwickt Frau Yesil in die Hüfte und fragt: «Hast du abgespeckt, Süsse?» Oder eine schwangere Nachbarin, die Frau Yesil ins Spital einlädt zur Geburt ihres Kindes: «Würde mich freuen, wenn du da wärst.» Oder eine Frau mit geblümtem Rock, die vor den Früchten steht und zögert. Frau Yesil sagt ihr auf türkisch, dass sie sich bedienen solle: «Heute ist es gratis für dich.» Dann giesst sie Rahm in den Kaffee. Die Frau holt einen Zettel des Asylamts hervor, Frau Yesil hilft mit der Übersetzung. Ein paar Tage später wird sie die Frau zum Amt begleiten und dolmetschen. Dies, sagt sie, mache sie oft, verlange aber nichts dafür. Im Gegenzug kämen die Leute dann mit Geschenken in den Laden: Holzspielzeug für die Kleine, Blumen für sie selbst, und genug Wein für ein Trinkgelage.

Die Kunden zahlen hier oft halb so viel wie jene, die bei Coop einkaufen, 1 Franken 90 für ein Kilo Jonagold-Äpfel beispielsweise, an dem die Yesils etwa 50 Rappen verdienen. Meist sind es Kunden aus dem Quartier, oft Kurden wie die Yesils, manchmal auch Leute, die das Geschäft gar nicht betreten. Frauen vom Zürichberg seien das, sagt Frau Yesil. Sie hielten vor dem Laden, kurbelten das Fenster hinunter und liessen sich ihre Einkäufe in den Wagen reichen, als wäre der «Quartier-Market» ein Drive-in. Seit letztem Herbst, sagt Frau Yesil, kämen immer mehr Kunden. Sie vermutet, dass sie ihren Erfolg der Krise verdankt. «Wenn man irgendwo sparen kann, dann bei uns.»

Seit einigen Wochen hat Nurdane Yesil einen neuen Traum. Sie will in ein grösseres Lokal umziehen und wieder um 6 Uhr öffnen. Sie hofft, dass sie ein zurzeit leer stehendes Geschäft ganz in der Nähe bekommt. Noch wartet sie auf den Anruf. Dort würden sie und ihr Mann auch ein Frühstück anbieten und eine Ecke einrichten, wo ihre Kunden sitzen und Tee trinken könnten bis Mitternacht.

Florian Leu ist Journalist; er lebt in Zürich.

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