Babies sind der Albtraum jedes Experimentalpsychologen: Sie können keine Fragebogen ausfüllen, sie können nicht reden, auf nichts zeigen und sind auch sonst nicht sehr kooperativ. Wie soll man da herausfinden, wie scharf sie sehen, ob sie Gesichter erkennen oder sich an Gesehenes erinnern?
Das Rätsel, was im Kopf von Säuglingen vorgeht, wollen nicht nur Mütter, Väter und Kinderpsychologen lösen. Es tangiert auch die grosse Frage, mit welchen Fähigkeiten ein Mensch geboren wird und welche er erlernt. Wer hat das Sagen: die Natur oder die Umwelt?
In den 1950er Jahren herrschte die Meinung vor, das Kind beginne sein Leben als unbeschriebenes Blatt. Es sehe die Welt zuerst nur als chaotisches Stückwerk aus Farben verschiedener Helligkeiten. Erst durch die Erfahrung des Sehens lerne es, die Eindrücke zu ordnen.
Aufgrund früherer Experimente vermutete der Psychologe Robert Fantz, dass diese Ansicht falsch sei: Er hatte frisch geschlüpften Küken verschiedene geometrische Formen dargeboten und beobachtet, dass sie am häufigsten nach Kügelchen von der Grösse von Körnern pickten. Die Fähigkeit, diese Objekte zu erkennen, war den Küken offenbar angeboren.
Doch dieses Experiment konnte so nicht mit Menschen durchgeführt werden – Babies picken nicht. Aber Babies schauen sich ständig in der Welt um. Ihre Augen sollten Fantz verraten, wie ihre Welt aussieht.
«Wenn ein Säugling eine bestimmte Form durchweg häufiger anschaut als eine andere, muss er diese Formen erkennen können», schrieb Fantz in einem Fachartikel. Auf der Basis dieser einfachen Idee entwickelte er eine Krippe, in der ein Säugling auf dem Rücken lag und in eine gleichmässig ausgeleuchtete Kammer blickte. An der Decke der Kammer befestigte Fantz Paare von Testobjekten: Tafeln mit Längsstreifen und konzentrischen Kreisen, mit einem ausgefüllten Quadrat und einem Schachbrettmuster,mit einem Dreieck und einem Kreuz. Durch ein Guckloch zwischen den Objekten konnte er den Blick der Babies beobachten und bestimmen, wie lange sie welches Objekt betrachteten.
Von den 30 Säuglingen (zwischen einer und fünfzehn Wochen alt), die am ersten Experiment teilnahmen, mussten 8 ausgeschlossen werden: Sie schrieen, quengelten oder schliefen während des Versuchs einfach ein. Übrig blieben 22, von denen praktisch alle die komplexeren Muster bevorzugten: Sie schauten zum Beispiel das Schachbrett länger an als das Quadrat. Babies sind offenbar fähig, solche Muster von Geburt an zu unterscheiden.
Fantz konnte mit seiner Methode auch bestimmen, wie scharf Säuglinge sehen. Er präsentierte ihnen eine graue Tafel neben einer gestreiften. Die Säuglinge bevorzugten die gestreifte – wenn sie die Streifen erkannten. Fantz machte den Versuch nämlich mit immer schmaleren Streifen, bis die Säuglinge die Graufläche und die Streifen gleich häufig anschauten, was bedeutete, dass sie sie nicht mehr unterscheiden konnten. Die gestreifte Tafel war für die Babies grau. Mit einem Monat konnten sie drei Millimeter breite Streifen erkennen, mit einem halben Jahr zehnmal schmalere.
Können Säuglinge von Geburt an räumlich sehen? Sie blicken länger auf eine Kugel als auf einen Kreis. Können sie Gesichter erkennen? Keine der gezeigten Tafeln war beliebter als jene mit dem gezeichneten Gesicht.
Heute ist Fantz’ Methode Grundlage für die Erforschung des Geistes unserer Kleinsten. Abgewandelt wurde mit ihr sogar gezeigt, dass Säuglinge rechnen können: Man stellte unter den Augen eines Babys eine Mickymausfigur auf eine kleine Bühne, klappte eine Sichtblende hoch und stellte eine zweite Figur hinter die Blende: 1+1. Nun wurde die Blende entfernt, und die Babies sahen einmal zwei Figuren (das korrekte Resultat), ein anderes Mal eine Figur (die zweite wurde unbemerkt entfernt). Im Mittel betrachteten die Säuglinge die falsche Addition eine Sekunde länger als die richtige. Ein Hinweis darauf, dass sie das Ergebnis überraschte, sie das richtige Resultat also gekannt hatten.