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Sprachlese -- Satzbau im Sekundentakt
Von Wolf Schneider
Hätten sie doch alle schon einmal vom Gesetz der drei Sekunden gehört, jene Mitmenschen, die Bücher, Artikel, Verlautbarungen und Gebrauchsanweisungen schreiben - wieviel leichter könnten wir sie verstehen! Wer Sätze baut, sollte dieses Gesetz kennen und sich daran halten, wenn die deutsche Grammatik ihm das auch sauer macht.
Was eigentlich heisst Gegenwart? Physikalisch definiert, ist sie ein unablässig wandernder Punkt, der die Vergangenheit von der Zukunft trennt. Psychologisch aber dauert sie zwei bis drei Sekunden. In diesem Intervall, in solchen Häppchen gestalten und erleben wir die Zeit. Die Fachleute ahnten das seit langem, in den letzten Jahren haben mehrere wissenschaftliche Institute es exakt erforscht.
Zwei bis drei Sekunden dauern in allen Kulturen alle rhythmisch wiederkehrenden Bewegungen: Winken, Kopfnicken, Händeschütteln; die Forschungsstelle für Humanethologie der Max-Planck-Gesellschaft hat es auf 250 Kilometern Film dokumentiert. Drei Sekunden lässt der Starter dem 100-Meter-Läufer mit dem Kommando «Auf die Plätze - fertig - los!» Zwei bis drei Sekunden dauert das Lesen fast aller Gedichtzeilen in allen Sprachen; das Institut für Medizinische Psychologie der Universität München hat es geprüft. In der Musik wird eine rhythmische Figur von den Hörern nur dann erkannt, wenn sie in maximal drei Sekunden abgeschlossen ist, ein Motiv nur dann populär, wenn es sich in drei Sekunden pfeifen lässt.
Diese drei Sekunden also sind eine psychologische Urtatsache: Sie sind unser «Gegenwartsfenster», sie sind die Obergrenze für unser Kurzzeitgedächtnis, für das, was das Gehirn uns als Einheit präsentieren kann. Für den Satzbau hat dies eine dramatische Konsequenz: Nie darf man seinen Leser oder Hörer mit einem Informationsbrocken bedienen, der nach drei Sekunden noch sinnlos und unverdaulich ist - mit einer ersten Hälfte, auf die der sinnstiftende zweite Teil zehn Sekunden lang nicht folgen will.
In zwei Hälften müssen wir das Verb zerschlagen: immer im Perfekt (ich habe . . . geglaubt) und im Futur (ich werde mir das noch reiflich überlegen), oft auch im Präsens: Mir fällt . . . auf, ich lese . . . vor. Ein völlig korrekter deutscher Satz lautet beispielsweise: «Ich sage Ihnen in Anbetracht der vielen Unklarheiten des anderen Projekts, die sich trotz aller Bemühungen nicht haben beseitigen lassen, hiermit . . .» - was sagt er: zu? ab? oder vielleicht «Sie können mich mal»? Auf sage folgen 21 Wörter mit zusammen 42 Silben, ohne dass der Leser ein Signal für den Sinn des Satzes bekommen hätte. Wenn aber die Auflösung endlich folgt (ab sagt er also), ist das sagt schon nicht mehr vorrätig im Kurzzeitspeicher.
Denn dessen Kapazität von drei Sekunden bedeutet, ins Hören oder Lesen übersetzt: sechs Wörter, zwölf Silben. Natürlich ist das ein grober Mittelwert: erstens, weil schon drei Wörter fünfzehn Silben haben können (Kapazitätsengpässe im Beherbergungsgewerbe); zweitens, weil trainierte Leser in drei Sekunden mehr als zwölf Silben verarbeiten. Wer also einen Brief an einen Professor der Germanistik richtet, darf die beiden Hälften seines Verbums sicher um mehr als zwölf Silben auseinanderschleudern. Allen Schreibern von Fernsehnachrichten oder Steuerrichtlinien aber bleibt nichts anderes, als sich auf eine nichttrainierte Menge einzustellen - und folglich nach zwölf Silben das Beil anzusetzen.
Ist die Zerschlagung des Verbs noch eine Not der deutschen Grammatik, so fügt man ihr mutwillig eine weitere Plage hinzu, wenn man seinen Hauptsatz unterbricht, um einen Nebensatz dazwischenzuklemmen. In mündlicher Rede kommt diese Stilfigur so gut wie niemals vor, und in gelesenen Texten vergrault sie Hörer und Leser: «Das Haus, das unter so grossen Mühen und unter Inkaufnahme erschreckend hoher Hypothekenzinsen . . .» Das waren schon 29 Silben statt 12, und noch immer weiss ich nicht, ob dieses Haus abgebrannt oder ihm ans Herz gewachsen ist; und dabei hätte der Satz doch beginnen können: «Sein Haus ist abgebrannt - jenes Haus, das er . . .» Welche Turbulenzen Attribute im Kurzzeitspeicher hervorrufen können, darauf wurde an dieser Stelle schon hingewiesen: «Das von ihm unter so grossen Mühen und unter Inkaufnahme erschreckend hoher Hypothekenzinsen errichtete . . .» Da ist nichts besser geworden - 13 Attribute mit 32 Silben, und noch immer kein Haus!
Führt es dann aber nicht zur Verarmung des Stils, wenn jeder sich zwingt, die Tücken der deutschen Syntax zu überlisten, indem er das Zusammengehörige mit maximal zwölf Silben unterbricht? Gewiss, Thomas Mann und Kleist haben sich nicht daran gehalten; Meister dürfen alles, wenn sie welche sind. Mehr grosse Stilisten aber haben sich instinktsicher des Dreisekundentakts bedient: mit Wörtern geizend wie Luther, Kafka oder Brecht, in feuriger Prosa wie Schiller oder Büchner, mit boshafter Brillanz wie Lessing, Lichtenberg und Heine.
Und warum schliesslich dürfen wir nicht darauf vertrauen, dass der Leser zurückliest, wenn der Anfang ihm entfallen ist? Weil das weltfremd wäre: Er denkt gar nicht daran. Wer die Einschübe trotzdem häuft, könnte wissen, dass er bestenfalls zur Hälfte verstanden wird. Warum schreibt er dann?
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