NZZ Folio 11/02 - Thema: Humor   Inhaltsverzeichnis

Schau, wie sie lachen. Nein, sie weinen.

Diktatoren haben Angst vor seinen Abgründen: Der Humor ist die natürliche, direkteste Art, zu durchschauen und zu begreifen.

Von Herta Müller


Seit vier Jahren kaufe ich in diesem Fleischerladen ein. Ich bin eine Stammkundin und kenne die junge Verkäuferin. Heute verlange ich zum ersten Mal ein halbes Kilo gemahlenes Schweinefleisch. «Hackepeter», sagt die Verkäuferin zu mir. Ich verstehe nicht, dass sie mich nicht versteht, und wiederhole: gemahlenes Schweinefleisch. Sie sagt wieder «Hackepeter». Ihre Stimme wird unnötig hoch. «Gehacktes vom Schwein mit Salz, also Hackepeter.» Sie meint das, was ich meine. Aber sie will meine Abweichung vom «Hackepeter» nicht akzeptieren und wartet darauf, dass ich ihren «Hackepeter» wiederhole. Das kann ich nicht. Mir kommt es vor, als würde ich zerhackten Peter, ein halbes Kilo Menschenfleisch, verlangen. Das sage ich nicht. Ich sage bloss, das Fleisch sei doch durch den Fleischwolf gedreht, also gemahlen, und nicht mit dem Beil oder einem Messer gehackt. Und es sei doch vom Schwein und nicht vom Peter. Es habe aber mit Hacken und Peter zu tun, weil es eben Hackepeter ist, gibt sie mir zurück.

Wenn die Verkäuferin nicht unnötig die Stimme gehoben hätte, als wolle eine freche Dahergelaufene etwas Vertrautes ausser Kraft setzen, hätte die Diskussion vergnüglich werden können. In «Hackepeter» steckt makabrer Witz, den ich mag. Aber die Verkäuferin wollte sich vom Hackepeter nicht trennen. Als wären beide ein Paar. Amüsiert habe ich mich innerlich doch, aber ich war darauf bedacht, dass man es nicht merkt.

Neben mir stand schon der nächste Kunde. Ein Mann um die 60 Jahre. Er neigte den Kopf zu weit nach vorn, sein kalter Blick griff mir an die Wange. Während ich meinen Hackepeter an der Kasse bezahlte, verlangte er extra laut: «Zwei Pärchen Landjäger.» Eine zärtliche Betonung lag auf dem Wort «Pärchen». Ich sah auf dem Bildschirm der Rechenmaschine den Preis meines Hackepeters als vier weisse Zahlen klicken, und jede Zahl wurde ein kleiner homosexueller Jäger, der mit seinem Liebsten ins Grüne zieht. Ich begann laut zu lachen, und der Mann sagte: «Kauf doch besser Kartoffeln, mehr verstehst ja eh nicht.»

Wie ist das mit dem Humor? Seit ich nach Deutschland gekommen bin, ist er da, wo ich ihn ausmache, nicht erlaubt. Und umgekehrt da, wo er sich für die Deutschen aufhält, für mich nicht vorhanden. Unsere Vorstellung von Witz ist verschieden, unsere Pointen treffen sich nicht, laufen apathisch oder provozierend aneinander vorbei. Man kann in einem fremden Land alles schneller und einfacher lernen als den Humor. Weshalb glaubte der Kunde, seine zwei Pärchen Landjäger gegen mich verteidigen zu müssen? Sie waren durch mich nicht gefährdet. Die Pärchen der Landjäger klangen rührend, ich hätte kein Problem damit gehabt, sie zu übernehmen, hätte vielleicht beim nächsten Einkauf diese Würstchen gekauft, um «zwei Pärchen Landjäger» laut auszusprechen. Aber es kam anders.

Anders als in Rumänien gehört der Humor in Deutschland nicht als immer mitlaufender zweiter Faden zum Werkeln der Finger und Drehen des Augapfels dazu. Die schmale Freundlichkeit im Alltag beschränkt sich auf das funktionale Lächeln mit unverbindlichen Worten. Es kommt nicht zu lustigen, sarkastischen oder zynischen Situationen und darin zur gegenseitigen Bestätigung der eigenen Geringschätzung. Man verbietet sich, im spontanen Hin und Her zwischen zwei Personen eine verbindliche, inhaltlich geschlossene Nebenbeigeschichte zu fabrizieren. Wenn sie dennoch entsteht, ist sie ein Unfall, weil nicht beidseitig gewollt, sondern vom einen abgewehrt und als Verletzung empfunden.

Ist ein Humor, der die Selbstachtung aus spielendem Selbstzweifel baut, wie ich ihn mitbringe aus einer entfernten, an Repressalien, Armut und offizielle Lügen gewöhnten Gegend, nicht transportabel, weil man, abgesichert im Gelände der Menschenrechte, nicht lernen musste, auf seinen eigenen Wert zu pochen durch den Knick des Zweifelns? Wieso hat man gerade hier Angst vor dem Alltagsspiel des Infragestellens? Wenn ich in Rumänien eine der schäbigen gummiartigen Schweinshaxen verlangte, weil es nichts anderes gab, und von der Verkäuferin einen «Turnschuh» verlangte, gab es keine Probleme. Der Zynismus war hier Realismus.

Humor entsteht für mich aus den Unsicherheiten der Details durch und durch bekannter Verhältnisse. Unsicher und bekannt sind kein Gegensatz. Die Unsicherheit entsteht unablässig, weil das durch und durch Bekannte jeden Tag hundertmal vertraut und wieder fremd wird. Weil das, was man weiss, ständig dorthin springt, wo man seiner nicht mehr Herr sein kann.

Ich habe in Rumänien dadurch, dass ich oft entlassen wurde und ständig gar keine oder eine kurzfristige neue Arbeit hatte, mehr als zwanzigmal meine Alltagsorte und Bezugspersonen vollständig auswechseln müssen. Ich bin durch dieses Leben wie im fahrenden Karussell zu der Meinung gelangt, Humor sei ein Schlüssel, mit dem man eine fertige, weil vorhandene Gruppe von Menschen, zu der man stösst, für sich öffnen kann. Man wird schnell aufgenommen. Jemand, der ankommt und gleich, nachdem er sich vorgestellt hat, die Gruppe zum Lachen bringt, hat in wenigen Sätzen das Eis gebrochen. Das lange Taxieren wird überflüssig, die neue Person wird umstandslos angenommen. Man hat verstanden, dass sie nicht ichsüchtig, schikanös vernörgelt ist, sondern auf gleicher Augenhöhe. Lustig bedeutet: nicht dogmatisch, sondern fähig zur Komplizenschaft, also menschlich.

Mit lustigen Menschen lässt sich das Schlimme teilen wie von selbst. Ich kenne aus Rumänien den Humor als Garantie für persönliche Nähe. Ich glaube bis heute an diese Garantie, an dieses aus der Selbstdistanz gemachte Funkeln, auf das jeder noch etwas draufsetzt, weil jeder Satz von sich selber überrumpelt wird, weil die Kleinstparabeln längst über sich hinausweisen, typisieren und auf vielerlei Situationen der kommenden Tage zutreffen werden. Weil mit jedem halsbrecherisch draufgängerischen Fetzen schon das Lachen für den nächsten Tag vorbereitet ist. Man wird von selbst aufs Heutige zurückkommen und es dem Lauf des Morgigen entlang weitertreiben, weil man es nötig hat.

Der Humor ist das Surreale, das auf der Hand liegt, und man braucht es zum Atmen, wenn man am Realen erstickt. Und Humor ist nicht nur Ulk. Er formuliert unbewusst über sich hinaus, er typisiert, und er ist eine Form der Analyse sozialer Verhältnisse – die unkomplizierteste, angenehme Art, etwas einzuordnen. Er ist die natürliche, direkteste Art, zu durchschauen und zu begreifen. Er ist intimer Umgang, ohne auch nur ein einziges Wort über sich selber sagen zu müssen.

Deshalb haben Diktaturen so Angst vor seinen Abgründen. Der Humor präzisiert im schallenden Lachen den Zustand der Existenz, um sich ja nicht zu belügen, betreibt er den Erdrutsch, rückt den Tatsachen mit Gefühlsausbrüchen zu Leibe. Und darin liegt seine Zweischneidigkeit: genauso rasch, wie er befreiend wirkt, wird er gnadenlos, mal unabsichtlich verletzend, wenn er nicht passt, oder als regelrechte Fertigmache, wenn er absichtlich und treffsicher auf Demontage steuert.

Kann man Humor lernen? Kann man es erlernen, wenn es am aussichtslosesten ist und man am wenigsten die Kraft dazu hat, sich still in den Kopf oder jemand anderem laut zu sagen: «Ich bin so müde, dass ich vor Hunger nicht weiss, wo ich heute Nacht schlafen soll.» Kann man für sich selbst darauf bestehen, es gerade deshalb zu denken oder zu sagen, weil man am wenigsten Lust dazu hat, gerade weil es einem gegen den Strich geht? Ja, man kann. Man kann auf den Geschmack kommen, dass es hilft, wenn man sich entschliesst, im Aussichtslosen noch einmal verbal gegen sich selber vorzugehen. Denn man verschlimmert nichts dadurch, sondern man verbessert seinen inneren Standpunkt, obwohl man den äusseren nicht verändern kann.

Man kann Humor erlernen, auch wenn er im Milieu der Herkunft nicht vorhanden war. Man kann sich dafür entscheiden, gegen alles aus der Kindheit Mitgebrachte, weil man andere Leute dafür beneidet hat. Man hat gespürt, dass sie Glücksmomente haben, eine helle Aura, in der sie mit sich und den anderen durch die innere Freiheit torkeln. Sie haben einen im Vergleich armselig aussehen lassen. Man hat begriffen, dass ihre wegwerfenden Gesten keinen zusätzlichen Verlust bedeuten, sondern Inbesitznahme des Augenblicks auf dem kürzesten Weg durch die unwirkliche Tür.

Im Milieu meiner Herkunft, im banatschwäbischen Dorf, war der Humor verpönt. Ein von meiner Grossmutter alle paar Tage wiederholtes Verdikt lautete: «Am Lachen erkennt man den Narren.» Ich sagte als Kind, wenn die frisch geschlüpften Schwalben mit den gelb gesäumten, in die Breite laufenden Dreiecksschnäbeln übern Nestrand quietschten: «Schau, wie sie lachen.» Und meine Mutter sagte sofort: «Nein, sie weinen.» So wollte sie die Welt haben, so mussten die Dinge aussehen. Den anderen, umgekehrten Zugriff hat sie sich verboten.

Ich habe, bis ich mit fünfzehn in die Stadt ging, keinen Mund in diesem vor Strenge knirschenden Kaff herzhaft lachen hören. Sicher, die Zeitläufte hatten gewütet in ihrem Leben. Erster und Zweiter Weltkrieg, danach Deportation ins Sowjetimperium zur Zwangsarbeit. Schuften, Unterernährung, an chronischem Hunger im sibirischen Frost beinahe krepieren. Dann Enteignung durch den Staat, aus Feldbesitzern wurden Habenichtse. Aber daran war nichts zu ändern, sie hatten überlebt und wohnten wieder unter diesem Stück Himmel, so prüde und verkniffen, dass es wirklich Übertreibung wäre, würde man statt Wohnen Leben sagen.

Als ich den Stadtasphalt betreten hatte, bin ich auf den Geschmack des Lachens gekommen. Ich wurde ihnen abspenstig. Ihre ernsten Gesichtsknochen sahen wie unterkühlte Zimmer aus. Ich wurde den Verdacht nicht los: Sie hätten sich in diesen zwanzig Jahren nach den Katastrophen von den zweifellos schweren Beschädigungen erholen können, sie hätten, statt nur zu wohnen, leben können, wenn sie das Lachen nicht mit Verachtung gestraft hätten. Sie haben kollektiv gekniffen, aus Selbstmitleid geklagt oder geprotzt und daher politisch nichts durchschaut. Sie haben kleinmütig pariert, nie mit Unterwanderung hantiert.

Ich schlug mich in der Stadt mit Verhören, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen von Freunden, Todesdrohungen durch den Geheimdienst herum. Ich wusste längst, wie staatlich gebaute Todesangst aussieht, wenn sie einem in die Poren kriecht. Ich war dem Regime längst Staatsfeind, zur Jagd freigegeben. Aber nie hat mich von diesen Angehörigen einer gefragt, ob ich Angst vor dem Zerbrechen habe. Ihre gealterte Beschädigung nahm keine Notiz davon, dass das Kaputtgehen an meiner Haut täglich zugange war. Sie kauten mir an den Wochenenden, wenn ich sie besuchte, ihre Vergangenheit zum tausendsten Mal ins Gesicht, sonst nichts – keine Neugierde, kein Versuch der Anteilnahme. Ich liess es abwesend geschehen, tat, als würde ich zuhören, schwieg, erwähnte mich nicht. Ich war bei ihnen längst nicht mehr zu Hause, sondern auf dem Asphalt, wo man mir nachstellte.

Ich brauchte das Lachen, den Humor als weisses Trampolin für dunkle Ecken. Und ich erinnerte mich an die Prügel, die ich als Kind bekommen hatte wegen meiner Lachanfälle. Ich hatte sie manchmal bei Beerdigungen und wenn jemand im Haus schlimm stürzte. Sie schlugen mich, weil sie nicht begriffen, dass Lachanfälle nichts mit Freude zu tun haben, sondern Fallen sind. Sie schnappen zu, und man muss sich abwärts lachen. Und sie verknoten den Nerv, den man glatt haben müsste für den Halt. Im Lachanfall vergrössert sich der Schrecken. Und nach dem Lachanfall dann diese schockierend klare Stille, wie ein Glasauge schaut sie einen an – diese wahllos selbstzugefügte, splitternackte Blamage.

Herta Müller ist Schriftstellerin. Sie lebt in Berlin. Ihr letztes Buch, «Im Haarknoten wohnt eine Dame», erschien 2000 bei Rowohlt, Reinbek.


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