WILL MAN GANZ KLEINE DINGE herstellen, braucht man ganz kleine Werkzeuge. Hat man ganz kleine Werkzeuge, kann man damit noch kleinere Werkzeuge herstellen. Mit denen man wiederum Dinge herstellen kann, die . . .
Das geht so eine ganze Stufenleiter hinab, bis man beispielsweise ein Zahnrad hat, das so klein ist, dass selbst eine Ameise es kaum zu fassen weiss.
Für den Amerikaner K. Eric Drexler ist das viel zu grob. Aus den Bausteinen der Materie, den Atomen, möchte er eine neue Welt erschaffen. Denn fast alles, was an der alten schlecht ist, hat seinen Grund in einem fehlerhaften Zusammenbau von Atomen. Also muss man sie wieder an den richtigen Ort rücken. K. Eric Drexler weiss wie.
Am Horizont steht die Zukunft. Ein Schlaraffenland, in dem es keinen Mangel gibt, keine Krankheit, kein Alter. Gesunde Menschen, jung und schön, lustwandeln in diesem Garten Eden wie einst Adam und Eva. Kleine Roboter aus 1001 Atomen, gesteuert von kleinen Computern, produzieren für sie alles, was sie haben möchten. Einen Diamanten so gross wie das «Ritz»? Eine Kleinigkeit, wenn man den «Assemblern», wie Drexler seine Heinzelmaschinchen nennt, einen Berg Graphit vorsetzt.
K. Eric Drexler, Wissenschafter, ist ein Prophet. Er hat den Begriff geprägt, von dem heute alle reden: Nanotechnologie. Al Gore war davon so beeindruckt, dass er unbedingt mit Drexler reden wollte.
DAS TREFFEN fand am 26. Juni 1992 in Washington statt. Al Gore, ein knappes halbes Jahr später Vizepräsident der Vereinigten Staaten, war Vorsitzender des Senatsausschusses für Wissenschaft, Technologie und Raumfahrt. Drexler referierte über «Molekulare Nanotechnologie», Senator Gore stellte ein paar Fragen und versicherte sich, dass er alles richtig begriffen hatte. Was Drexler vorschlug, war nichts weniger als die «komplette Kontrolle über die Struktur der Materie». Vermöchte man Atome zu handhaben wie Legosteine, so die Botschaft, könnte man alles machen. Dazu benötigte man nur winzig kleine Roboter, die in winzig kleinen Fabriken an winzig kleinen Fliessbändern arbeiten und in Windeseile aus einzelnen Atomen und Molekülen zusammensetzen, was immer man gerne hätte: Autos und Steaks, Raumschiffe und selbstreinigende Teppiche, Häuser und Computer. Roboter, die man als Sanitärinstallateure in die Blutbahn schleuste, würden Invasoren wie Viren und Bazillen den Garaus machen und defekte Zellen reparieren. Das alles praktisch kostenlos und ohne dass man einen Finger zu rühren brauchte.
Wann es soweit sein würde, wollte Al Gore wissen. Drexler gab sich vorsichtig. «In fünfzehn Jahren», meinte er.
Die Vorstellung war erhebend. Eine industrielle Revolution noch im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends, im Vergleich zu der alles, was die Welt bisher erschüttert hatte, Kleinkram war. Der Himmel auf Erden.
Oder auch nicht. Denn schliesslich gäben solche Winzlinge von Robotern auch die scheusslichste Waffe ab, die die Menschheit je gesehen hatte. Soldaten, so klein wie Bakterien, die im Handumdrehen alles zu Brei machen. Search and destroy.
Das war etwas, was Admiral David E. Jeremiah, Vizevorsitzender der Joint Chiefs of Staff, interessierte. Er liess Drexler ins Pentagon kommen, wo der ihm darlegte, was auf dem Spiel stand. Jeremiah versprach, sich um die Sache zu kümmern. Man musste den Japanern zuvorkommen. Und den Russen. Was, wenn die das Rennen machen würden?
ALS DREXLER AUF DEM CAPITOL vorsprach, hatte er ein Video in der Tasche, auf dem man das Planetengetriebe sehen konnte, das er mit seinem Freund Ralph C. Merkle vom Xerox Palo Alto Research Center (PARC) gebaut hatte. Es bestand aus genau 3557 Silizium-, Kohlenstoff- und Schwefelatomen; ein erster mechanischer Bestandteil künftiger Nanomaschinen. Zwar war es bloss eine Computersimulation. Aber die beiden waren sich sicher, dass es funktionierte und dass man eines Tages in der Lage sein würde, es zu bauen. Zwei Jahre zuvor, im April 1990, war es Forschern vom IBM Almaden Research Center in San Jose gelungen, 35 einzelne Xenon-Atome auf einer Nickelplatte so zu gruppieren, dass sie das IBM-Logo bildeten. Mit dem konnte man zwar nichts anfangen, aber es war beeindruckend.
1992 erschien K. Eric Drexlers Opus magnum, «Nanosystems: Molecular Machinery, Manufacturing and Computation». Ein dicker Schinken voller Formeln, Zahlen und Diagramme. Das Buch ist Experimentatoren, Ingenieuren und Programmierern gewidmet; den Leuten, deren Aufgabe es ist, die Konstruktionspläne für die Universalmaschine, die es enthält, in die Tat umzusetzen. Ein Ding von der Grösse eines Mikrowellenherds, das dereinst in jedem Haushalt stehen soll. Gefüttert wird es mit Kohlenstoff und anderen billigen Rohmaterialien. Man wählt ein Programm, und es stellt her, was immer man hergestellt haben will - einen Fernseher, einen Geschirrspüler oder eine Kopie seiner selbst. Wie die Fleischmaschine, die Drexler sich in jungen Jahren ausgedacht hatte: eine Box, in die man Stroh, Schnittgras und Küchenabfälle hineinschmeisst, worauf Myriaden von Minirobotern auf Knopfdruck alles in seine Atome zerlegen und daraus das zarteste Prime Rib Beef komponieren. Warum sollten die nicht können, was jedes Rindvieh kann?
Es gibt seriöse Wissenschafter, denen der Kragen platzt, wenn sie den Namen Drexler nur schon hören. Es gibt ebenso seriöse, die sagen, dass er zwar far out sei, aber nichts behaupte, was im Widerspruch zu den Gesetzen der Physik stünde. Und dass es eben Leute mit einer Vision geben müsse. Es ist die amerikanische Art, die Sache zu sehen, und sie steht im Gegensatz zur pragmatisch europäischen oder gar schweizerischen.
In jedem Fall ist es zweierlei, ob etwas grundsätzlich unmöglich ist oder aber hier und jetzt nicht machbar. Drexler hat nicht behauptet, aus Stroh Gold spinnen zu können. Will man Gold, braucht man die Atome, aus denen das Element besteht. Hingegen haben Wissenschafter eine ganze Reihe von Argumenten ins Feld geführt gegen die Vorstellung, man könne mit Atomen wie mit Legosteinen basteln. Die Regeln unserer Alltagswelt, der Newtonschen Mechanik, meinen sie, liessen sich nicht auf die Quantenwelt übertragen.
Drexler pflegt auf einen Baum zu zeigen, um derlei Argumente zu entkräften. Alles, was ein Baum braucht, ist Licht, Luft und Wasser. Mittels Photosynthese gewinnt er Energie aus Sonnenlicht, mittels molekularer Maschinen verwandelt er Kohlenstoff in Sauerstoff, bildet Wurzeln, Stamm und Äste, produziert Blätter und trägt Früchte.
Die Natur selbst kennt molekulare Motoren, Pumpen und Propellerantriebe, mit denen sich etwa Bakterien durchs Wasser bewegen.
Und sie hat auch einen Computer konstruiert, so winzig, dass er von blossem Auge nicht zu sehen ist, obschon er die Fabrikation von etwas höchst Komplexem steuert: die Erbsubstanz im Zellkern. Sie enthält das Programm, das bestimmt, welches Geschlecht, welche Grösse, welche Augenfarbe das fertige Produkt - ein Mensch zum Beispiel - haben wird.
Dagegen gibt es kein Argument. Drexler sagt einfach, dass wir bald in der Lage sein werden, all das zu tun, was die Natur schon lange tut. Wer das für anmassend hält, ist ein «Biochauvinist» - einer, der glaubt, die Natur sei etwas Besseres als wir.
K. ERIC DREXLER HAT DIE GESCHICHTE des Sündenfalls, die christliche Variante der Hybris, umgekehrt: Nur wer vom Baum der Erkenntnis isst, gelangt ins Paradies.
Doch wem dieses, wie schon Dante, zu langweilig sein sollte, für den hat auch Drexler seine Hölle parat: «gray goo», die «Schmiere». Was, wenn einer dieser Assembler Amok laufen, sich haltlos vermehren und restlos alles zerlegen würde, Mensch und Tier, Berg und Meer, Haus und Hof? Innert Stunden, hatte er ausgerechnet, würden aus einem einzigen Assembler Milliarden. In einem Tag würden sie eine Tonne aufwiegen, in weniger als zwei Tagen schwerer sein als die Erde und in weiteren paar Stunden sämtliche Himmelskörper im Sonnensystem an Masse übertreffen. Es ist die Geschichte vom Schachbrett und den Reiskörnern.
Den Weltuntergang weiss Drexler abzuwenden. Man könnte, meint er, sich selbst replizierende Assembler mit einem Timer versehen, der nur eine bestimmte Anzahl Teilungen zulässt, oder aber sie so programmieren, dass sie auf ein künstliches «Vitamin» angewiesen wären, um sich zu vermehren. So dass sie nicht den ganzen Kosmos verklumpen könnten.
Vor allem aber gilt es, meint Doktor Drexler, die Forschung voranzutreiben, um zu verhindern, dass irgendein Doktor Mabuse die Sache in die Hand nimmt.
IN «NANO», DEM BUCH von Ed Regis über «The Emer- ging Science of Nanotechnology», gibt es ein Foto, das den neunjährigen Kim Eric Drexler an der Weltausstellung von 1964 in New York zeigt. Ein staunendes Kind. Der Kleine, sagt sein Vater, sei nicht mehr wegzukriegen gewesen von all den Robotern, Computern und Raumfahrzeugen, ausgestellt in Pavillons, die fliegenden Untertassen glichen. Amerika, das bald seine Flagge auf dem Mond hissen sollte, war fortschrittstrunken. Die Eltern des Jungen - der Vater Psychologe, die Mutter Mathematikerin - waren begeisterte Leser von Science- fiction. Kim Eric war imprägniert mit Zukunft.
Um so grösser war der Schock, als er 1972 das Buch in die Hände bekam, dessen düstere Prognosen den Diskurs fortan bestimmten: «Die Grenzen des Wachstums» des Club of Rome. Die Lektüre deprimierte den Schüler. Aller Fortschritt schien in Frage gestellt, Sein oder Nichtsein davon abhängig, ob man den Gürtel für immer enger schnallen würde oder nicht.
Drexler wollte einen Ausweg aus der Krise finden. Womit immer er sich von nun an beschäftigte, es waren Versuche, auf dieses Buch eine Antwort zu geben. Wenn die Ressourcen des «Raumschiffs Erde» begrenzt waren, warum sollte man sich auf die Erde beschränken? Das Universum war voll von Rohstoffen. Man brauchte das Zeug nur zu holen. Die Erde übervölkert? Im Sonnensystem gab es Platz genug, Menschheiten sonder Zahl unterzubringen, auf Planeten, die man kultivierte, oder in riesigen Raumkolonien.
Das waren die Projekte, mit denen sich Drexler beschäftigte, als er am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston zu studieren begann. Hier, an dieser Kultstätte der Technik, war er am richtigen Ort. Da kam es niemandem in den Sinn, Pläne zur Besiedelung und Bewirtschaftung des Weltraums als weltfremde Phantasterei abzutun. Wenn es schwierig war, musste man sich eben etwas einfallen lassen. Eine der Hauptschwierigkeiten war der Transport. Herkömmliche Raketen waren gross, schwer und verbrauchten ungeheure Mengen von Energie. Drexler erfand ein «Lichtsegel», das mit Sonnenlicht angetrieben wird. Es war nur 15 Nanometer dick, kaum mehr als hundert Moleküle. Eine Transportfähre fürs All. Allerdings hätte es, um eine Nutzlast vom Gewicht einer Murmel zu tragen, etwa die Grösse eines Fussballfeldes haben müssen. Doch mit vielen solcher Dinger, fand Drexler, könnte man sogar die Erde auf eine grössere Umlaufbahn befördern, falls die Sonne einmal zu heiss würde.
Drexler hatte eine Passion für alles Lichte, Leichte und Feine. Und ein leidenschaftliches Interesse an den Wissenschaften, die sich mit dem Kleinen und Allerkleinsten befassen. Die ersten Erfolge der Gentechnologie Anfang der siebziger Jahre faszinierten ihn. Das Ziel, Bakterien so zu programmieren, dass sie menschliches Insulin produzierten - was 1978 der Firma «Genentech» in San Francisco mit E. coli-Bakterien gelingen sollte -, war noch nicht erreicht, als Drexler schon weiterdachte. Warum sollte man DNA nicht so programmieren können, dass sie Maschinen produzierte? Moleküle waren die kleinsten Komponenten, mit denen die DNA arbeitete und woraus sie Proteine herstellte. Also konnte sie doch ebensogut Bauteile für kleine mechanische Computer herstellen.
Die Sache zog Drexler immer mehr in Bann. Könnte man molekulare Maschinen bauen, die sich selber reproduzierten, dachte er, gäbe es keine Grenzen mehr. Kein Problem, für das Nanotechnologie nicht die Lösung böte. Es war der Griff nach den Sternen. Drexler liess sich Zeit, bis er seine Gedanken erstmals der Öffentlichkeit präsentierte. 1986 erschien «Engines of Creation - the Coming Era of Nanotechnology». Marvin Minsky, Professor am MIT und lange Jahre Doyen auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz, schrieb das Vorwort. Eine Eloge auf seinen Schützling, der bei ihm dann den Doktor machte.
Es ist kein wissenschaftliches Buch. Jedermann kann es verstehen, kein Wissenschafter kann damit konkret etwas anfangen. Es enthält Ideen, mehr nicht. Doch diese haben inspirierend gewirkt.
K. Eric Drexler war mittlerweile von Oregon nach Kalifornien gezogen und hatte das Foresight Institute gegründet. Es bestand aus ihm, seiner Frau Chris Peterson und einem Anrufbeantworter. Doch bald, hoffte er, würde es das Hauptquartier der nanotechnologischen Weltrevolution sein.
DIESE REVOLUTION steht und fällt mit den Assemblern, Apparaten, nicht grösser als ein Staubkorn, die von ebenso kleinen Computern gesteuert werden. Ein einzelner Assembler zählt etwa eine Million Atome und hat zehntausend bewegliche Teile, jedes aus hundert Atomen aufgebaut. Eine komplexe Maschine also, die statt Halbfabrikaten wie ein Industrieroboter Moleküle, die aus einem Depot angeliefert werden, vom Förderband greift und montiert, wobei die chemischen Bindungen als Klebstoff dienen. Da der Roboterarm eines Assemblers fünfzigmillionenmal kleiner ist als ein menschlicher Arm, kann er sich fünfzigmillionenmal schneller bewegen - so schnell, wie wenn ein Maurer eine Million Backsteine pro Sekunde legen würde. Wie die Nanocomputer sind auch die Assembler eine rein mechanische Angelegenheit, bestehend aus Hebeln, Motoren, Getrieben.
Es sind Maschinen der Metamorphose. Sie vermögen alles zu verwandeln, solange es nicht den physikalischen Gesetzen widerspricht. Graphit und Diamant, Sand und Silikat, Krebszellen und gesundes Gewebe sind aus demselben Stoff, nur sind die Atome anders arrangiert. (Was, wenn man so will, auch der einzige Unterschied zwischen Marilyn Monroe und dem Glöckner von Notre-Dame ist.) Vermöchte man die einzelnen Atome und Moleküle umzugruppieren, könnte man das eine in das andere verwandeln. Eine solche Umgruppierung findet ja auch statt, wenn man etwa Stahl aus Eisenerz, Kunststoffe aus Öl oder Käse aus Milch gewinnt. Nur dass man da nicht mit einzelnen Atomen hantiert, sondern mit Unmengen davon. Man trennt Bindungen und schafft neue, mittels chemischer und physikalischer Prozesse. «Primitive Methoden», wie Drexler meint.
Neue Materialien, stärker und leichter als bisherige, liessen sich schaffen, wenn man Geeignetes zu kombinieren wüsste. Und wenn Abermillionen solcher Assembler parallel arbeiteten, könnten Güter jedweder Grösse hergestellt werden. Allerdings müssten die Assembler, weil man so viele davon braucht, sich selber vermehren können wie Zellen, Bakterien oder Viren.
Fragt sich also nur, wie man den ersten Assembler herstellt. Doch Drexler machte sich lieber Gedanken, was man damit alles anstellen könnte. «Das grösste Problem wird sein», schrieb er in «Engines of Creation», «zu entscheiden, was wir wollen.»
An Vorstellungen mangelte es ihm nicht. Sie wurden um so kühner, je weniger die Sache voranging. Zwar hatten Heinrich Rohrer und Gerd Binnig mittlerweile das Rastertunnelmikroskop erfunden, mit dem man einzelne Atome sehen konnte, und mit dem Rasterkraftmikroskop, das Binnig 1986 baute, war es sogar möglich, Atome verschiedenster Art wie mit einer Pinzette aufzupicken und umzuplacieren. Aber von da ist es noch ein weiter Weg bis zur Konstruktion einer Maschine, die aus immerhin einer Million Atomen bestehen sollte.
Drexler liess sich nicht aufhalten. 1991 erschien «Unbounding the Future», zu grossen Teilen niedergeschrieben von seiner Frau Chris. Erklärte Absicht war, das «Fleisch an den Knochen der Technologie» zu bringen. Vom sich selbst reparierenden Möbel bis zu «One-size-fits-all»-Kleidern, die Aussehen, Farbe und Struktur nach Wunsch verändern, blieb in dieser Märchenwelt der Nanotechnologie kein Wunsch offen.
Kernstück des Buches ist das «Desert Rose Szenario». Beschrieben wird, wie eine Firma, die Möbel, Computer, Spielzeug und Freizeitartikel herstellt, 3000 Notzelte für das Rote Kreuz fertigt - komfortable Unterkünfte mit Küche, Badezimmer, Betten, Fenstern und Klimaanlage -, die innert Stunden fertig sind, da der Firmeninhaber Carl Santos nur die gelieferte Konstruktions-Software überprüfen und «Okay» klicken muss. Den Rest besorgen Nanocomputer und Assembler, sauber, still und fleissig; eine menschenlose industrielle Grossproduktion in einem Eldorado voller Vogelgezwitscher und Gershwin, dessen Musik Carl gerne lauscht.
Das Buch war Kinderkram. Drexler sollte es zu spüren bekommen. Wer alle Probleme der Welt zu lösen verspricht, hat eines - und sei es nur, dass ihn keiner mehr ernst nimmt.
WER EIN WENIG DIE OHREN OFFENHIELT an der sechsten Foresight-Konferenz über molekulare Nanotechnologie vom vergangenen November im kalifornischen Santa Clara, konnte alles mögliche über K. Eric Drexler, den Veranstalter, hören. Ein halbes Hundert Referenten waren versammelt, fütterten den Hellraumprojektor mit Folien, erläuterten Computermodelle, stellten Experimente vor. Das Spektrum reichte vom Physik-Nobelpreisträger Steven Chu, der zeigte, wie man Atome und Moleküle mit Laserlicht manipuliert, bis zu Nobodies wie jenem jungen Amerikaner, der eine Reihe von Zeichnungen molekularer Stecker, Verschlüsse und Verbindungen präsentierte, die er sich unbelastet von fachlichen Kenntnissen ausgedacht hatte. Drexlers Institute for Molecular Manufacturing, dem er angehört, ist denn auch nicht mehr als eine Homepage und zwei, drei Enthusiasten von seiner Sorte.
Es war eine seltsame Mischung von Wissenschaftern und Möchtegerns. Manche waren von einer Nanokonferenz gekommen und schon unterwegs zur nächsten. Andere waren Zaungäste, wie der Vertreter der EU, der in Brüssel Bericht erstatten sollte, was es mit K. Eric Drexler auf sich hat, oder jener Engländer, Wissenschaftsberater der Regierung, der sich Sorgen machte, Grossbritannien verpasse den Anschluss. «Nano» ist in Mode wie vor zehn Jahren «Bio».
Als Star des Anlasses aber gab sich K. Eric Drexler selbst, auch wenn das kaum jemand zu würdigen wusste. Er zeigte sich wenig, und wenn, dann von seinen Jüngern umgeben. In seinem weissen Wollpullover, den weissen Hosen und den Gesundheitssandalen wirkt er ein bisschen wie ein Chiropraktor. 43jährig, ist sein Haar ergraut, auch dies, wie er sagt, eine «molekulare Angelegenheit». Interviewen lässt er sich nicht mehr. Nur Chris, seine Frau, ist rund um die Uhr präsent, still und fleissig wie ein Assembler.
Während eines der Business-Lunchs hielt Drexler seine Rede, um zu zeigen, wo es langgeht. Sie machte grossen Eindruck, wenn auch nicht den, den er sich erhofft hatte. Vielleicht, weil es schon einmal jemanden gegeben hatte, der von sich sagte, er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Es war in den Tagen, als im Fernsehen pausenlos News zum neusten «Showdown with Saddam» liefen. Drexler liess kein Weltproblem aus, für jedes wusste er die Lösung. Er redete schnell, nervös, mit dem beleidigten Unterton des verkannten Genies. Manchmal verhaspelte er sich, als hätte er Angst, irgendeinen Pluspunkt zu vergessen, der auch noch erwähnt werden wollte. Ein Prediger, der fürchtet, seine Gemeinde zu verlieren. Dann fragte er in den Saal, wie viele von den gut hundert Anwesenden Mitglied von Alcor seien. Ein halbes Dutzend Hände schnellten hoch. Das waren sie, seine Apostel. Alcor ist die Firma für Kryonik, mittels der K. Eric Drexler & Co. das ewige Leben erlangen wollen.
DIE WELT, IN DER WIR LEBEN, ist für Drexler und seinesgleichen die Welt von gestern. Immer wieder sagt er, dass die Art, in der wir heute produzierten, aus der Perspektive der Nanotechnologie vorsintflutlich sei. Zukünftige Maschinen, meint er polemisch, würden sich fragen, ob die Skeptiker von heute überhaupt hätten denken können. Nicht er, Drexler, lebe in einer Phantasiewelt, sondern die, die im Ernst nicht glauben wollen, dass sie schon bald Realität sein wird. Ein Blick in die Vergangenheit zeige doch, wieviel man einst für unmöglich gehalten hat, das heute selbstverständlich ist: drahtlose Kommunikation, der Flug zum Mond, schachspielende Computer.
Doch es kommt darauf an, welche Beispiele man auswählt. Prognosen sind per definitionem nicht widerlegbar. Im Computerbau sind die Fortschritte rasant verlaufen, im Autobau nicht. Die Position des Mondes in einem Jahrhundert kann man genau vorhersagen, das Wetter in einem Monat nicht. Skeptiker wissen das. Pessimisten wollen nur vom einen, Optimisten nur vom anderen wissen. Und Optimisten sind sie, die Leute um K. Eric Drexler. Denn sie sind Extropianer.
FÜR EINEN EXTROPIANER sieht Ralph C. Merkle, Drexlers engster Kampfgefährte, ziemlich gewöhnlich aus. Grosse Brille, etwas dicklich - der Typ des Computerkids, das die ganze Zeit vor dem Bildschirm gesessen hat und nun gegen die fünfzig zustrebt. Merkles Ururgrossvater war 1867 aus der Schweiz ausgezogen, in Amerika sein Glück zu machen.
Merkle hatte «Engines of Creation» gelesen, den Autor gehört und die Kryptographie verlassen, in der er einige Meriten geholt hatte, und sich der Nanotechnologie zugewandt. Seine Spezialität sind Computersimulationen. Was man noch nicht machen kann, versucht Merkle zu modellieren. Xerox PARC, die renommierte Forschungsstätte der Kopiergerätefirma in Palo Alto, bezahlt ihn dafür.
Überdies ist Merkle Direktor der Alcor Life Extension Foundation, jener 1972 gegründeten Firma in Phoenix, bei der man sich tiefgefrieren lassen kann in der Hoffnung, eines Tages, wenn die Medizin weiter sein wird, wieder zum Leben erweckt zu werden.
Und dieser Tag soll, dank Nanotechnologie, nicht mehr fern sein. Als man begann, Verstorbene tiefzugefrieren, wusste man noch nicht, wie die Frostschäden zu beheben wären. Hätte K. Eric Drexler die Lösung nicht aus dem Hut gezaubert, wäre Alcor wohl aus dem Verkehr gezogen worden. Die Geschichte machte Schlagzeilen: Saul Kent, Alcor-Gründungsmitglied, hatte seine 83jährige Mutter, als sie starb, enthaupten und ihren Kopf tiefgefrieren lassen. Nachdem der Staatsanwalt ermittelt hatte, dass der Arzt, ebenfalls Alcor-Mitglied, den Totenschein ausgestellt hatte, ohne die Leiche gesehen zu haben, ordnete er eine Autopsie des Rumpfes an und forderte Dora Kents Kopf. Man liess ihn verschwinden, worauf ein paar Alcor-Mitglieder im Gefängnis landeten und die Untersuchung aller eingelagerten Leichen anstand. Da trat Drexler auf den Plan. Er schrieb ein Gutachten, in dem er erklärte, Dora Kent - wie alle Alcor-Leichen - sei nicht tot, sondern in einem Zustand der «Biostasis». Oder, wie es dann Saul Kent formulierte, «potentiell am Leben». (Was heisst, dass man heute, von der Zukunft aus gesehen, vermeintlich Tote lebendig begräbt.) Molekulare Roboter würden dereinst Zelle für Zelle der «Patienten» wieder instand stellen. Also dürfe man diese nicht aus dem Gefrierfach nehmen. Alcor gewann.
Das eben zeichnet den Extropianer - der sich gegen die «Entropie» sperrt - aus: Er will die Grenzen der conditio humana nicht hinnehmen. Lässt sich das Leben nicht hier und jetzt verlängern, so bestimmt in der Zukunft. Ist die Kapazität des menschlichen Hirns begrenzt, kann man sie mittels Computern erweitern. Extropianer sind Zeitreisende, die für die Beschränktheiten der Gegenwart nur ein mildes Lächeln übrig haben. Was heute Science-fiction ist, sagen sie, wird morgen schon veraltet sein. Ihre Zeitschrift «Extropy» feiert den «Transhumanismus», die Überwindung des primitiven Daseins durch Symbiosen von Mensch und Maschine.
Vor allem im Silicon Valley ist die Bewegung verbreitet. Computerleute sind fortschrittsgläubig. Sie haben die stürmischen Fortschritte in der Branche miterlebt; Information abzuspeichern, zu kopieren und zu verschicken ist Alltag für sie. Weshalb soll all die Information, die man im Laufe eines Lebens im Hirn gespeichert hat, mit dem Tod verlorengehen, die Festplatte unwiderruflich abstürzen?
Merkles Vater Ted starb an Leberkrebs, als Ralph vierzehn war. Er war technischer Leiter des «Project Pluto» gewesen, der Konstruktion eines nuklearbetriebenen Atombombers mit Staustahltriebwerk, der permanent in der Luft hätte sein sollen, um im Kriegsfall über der Sowjetunion Bomben abzuwerfen. Sein qualvolles Sterben hatte den Jungen so mitgenommen, dass er bis heute Menschen nicht begreifen kann, die sagen, man müsse den Tod akzeptieren.
Auf die Frage, warum er so scharf auf das Leben nach dem Tod sei, hat Merkle eine simple Antwort: «Am Leben und gesund zu sein ist toll und bestimmt besser als das Gegenteil.» Systematiker, der er ist, gliedert er das Argument auf, als müsste er einem Schüler etwas beibringen. Was herauskommt, ist eine Paraphrase auf Pascals berühmte Wette für oder wider den Glauben: Wer glaubt, setzt Endliches - seine nichtige Existenz - ein, um Unendliches - seine ewige Seligkeit - zu gewinnen. Eine gute Sache also.
Nachteile einer verlängerten Lebenszeit kann Merkle nicht sehen. Im Gegenteil. Menschen, die lange leben wollen, meint er, sehen die Zukunft positiv, und je mehr das tun, desto mehr positiv denkende Menschen wird es geben und desto besser wird die Welt werden. Übervölkert ist die Erde, weil es zu viele Kinder gibt. Ralph C. Merkle, verheiratet, hat keine.
Ein Kettchen ums linke Handgelenk ist das Zeichen seiner Mitgliedschaft bei Alcor. Auf der Plakette steht, was mit ihm zu tun ist, sollte man ihn «nicht funktionstüchtig» finden: Alcor anrufen, herunterkühlen und mit Antikoaguliermittel vollpumpen, damit die Spezialisten dann die nötigen Massnahmen ergreifen können, bevor er in flüssigem Stickstoff bei einer Temperatur von minus 196 Grad in einem Tank gelagert wird. Wo Ralph C. Merkle und seine Gattin, der Auferstehung ihres Fleisches harrend, neben K. Eric Drexler und dessen Frau Chris Peterson ruhen werden. Alle vier haben sie mit Alcor eine Lebensversicherung abgeschlossen - die günstigere, nur 50 000 Dollar teure Variante, bei der lediglich der Kopf tiefgefroren wird: «Neuropräservation» heisst das.
Denn sie sind der festen Überzeugung, dass es, wenn man das Gehirn mit Nanomaschinen wieder auf Vordermann bringen kann, ein leichtes sein wird, den Rest des Körpers zu klonen. Und dies erst noch wunschgemäss. Merkle ohne Bauchansatz, Drexler ohne graue Haare und Chris Peterson so fleissig wie je. Perfekt eben, wie Extropianer sind.
Alcor hatte einst versucht, den Science-fiction-Autor Robert Heinlein - der wie vieles andere auch die Kryonik vorausgesehen hatte - als ersten «Patienten» zu gewinnen. Heinlein hatte 1942 die Erzählung «Waldo» publiziert, in der eine Art Nanoroboter vorkamen, die als Krücken für die schwächer werdenden Körperfunktionen des Helden amteten. Heinlein wollte nicht, liess sich kremieren und seine Asche ins Meer verstreuen.
Er schien einen Unterschied zu machen zwischen Phantasie und Wirklichkeit.