NZZ Folio 11/09 - Thema: Family Business   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Mao, gnadenloser Diktator

© Angelo Boog
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Nachdem er 1949 die Volksrepublik China ausgerufen hatte, herrschte Mao fast 30 Jahre lang als Grosser Vorsitzender – Dutzende von Millionen Chinesen bezahlten es mit ihrem Leben.

Von Wolf Schneider

Mindestens vierzig, wahrscheinlich an die siebzig Millionen Menschen hat Mao umgebracht, mehr als Stalin oder Hitler – und mindestens ahnen konnten sie das schon, die ihn, den «Gottkaiser» der Chinesen, 1976 bei seinem Begräbnis feierten als «Titanen unserer Zeit» (Henry Kissinger), als «Leuchtturm des Weltgeistes» (Staatspräsident Giscard D’Estaing), als «grössten Politiker des Jahrhunderts» («Der Spiegel»). Eine falschere Hymne ward nie gesungen.

Als Sohn eines wohlhabenden Bauern wurde Mao 1893 geboren, wollte Lehrer werden, wurde Bibliothekar an der Universität von Peking und 1921 Mitbegründer der Kommunistischen Partei Chinas. 1923 stieg er ins Politbüro auf. 1927 machte der gemässigte Reformer Tschiang Kai-schek Jagd auf alle Kommunisten. Mao floh in seine Heimatprovinz, rief dort, von sowjetischen Einpeitschern beraten, eine Räterepublik aus und wiegelte die Bauern auf gegen alle, die reicher waren als sie: «Misshandelt sie! Kennt keine Gnade!»

1934 rückten überlegene Regierungstruppen gegen die kommunistische Enklave vor – und 300 000 Parteimitglieder, Soldaten, Kleinbauern, Frauen und Kinder traten den «Langen Marsch» nach Norden an, ein Jahr lang im Zickzack durch das Riesenreich, 30 Kilometer oder mehr am Tag – von den Regierungstruppen attackiert, von Typhus, Ruhr, Hunger und Erschöpfung dezimiert. Nach einem Fluchtweg von 12 000 Kilometern gründeten die 30 000 Überlebenden im leeren Norden Chinas die nächste Sowjetrepublik, mit Mao als unbestrittenem Führer.

Nach dem japanischen Überfall auf China (1936) zunächst mit Tschiang Kai-schek verbündet, eröffnete Mao 1945 den Bürgerkrieg gegen ihn. 1949 hatte er gesiegt, am 1. Oktober rief er die «Volksrepublik China» aus. Und es begann die erste seiner drei Vernichtungsaktionen: Drei bis fünf Millionen Grossbauern, Kaufleute, Gelehrte, Priester, Beamte wurden erschlagen oder von Schnellgerichten als «Konterrevolutionäre» liquidiert.

1958 verkündete Mao den «Grossen Sprung nach vorn». China werde der Welt beweisen, dass es einen schnelleren Weg zum Wohlstand kenne als Kapitalismus und Sozialismus. Die Chinesen wurden in Tausendschaften organisiert, die gemeinsam arbeiteten, schliefen und mit Parteiparolen beschallt wurden. Mit Trommeln und Fahnen zogen Arbeitsbrigaden aus zum Strassenbau und auf die Felder. Eisen lässt sich auch in Hinterhöfen produzieren! hiess die Parole. Bauern warfen ihre Töpfe in die Schmelzöfen, um ihr Soll zu erfüllen, und was herauskam, war Schrott. Auf den Feldern verrottete die Ernte. Nach zwei Jahren war das chinesische Sozialprodukt um einen Drittel gesunken, an die dreissig Millionen Chinesen waren verhungert. (Die zehnjährige Recherche des britischen Historikers Jon Halliday hat das 2007 unbestritten ergeben.)

Permanenter Revolutionsterror

Zwei Jahre lang hatte Mao alle Hiobsbotschaften ignoriert – dann trat er als Staatschef zurück und siedelte nach Schanghai über, weg von der verhassten Pekinger Parteibürokratie. Sechs Jahre wartete er. Dann, 1966, holte er aus zu einem Geniestreich der Selbstvermarktung: Er liess sich, 72 Jahre alt, als Schwimmer im Jangtsekiang fotografieren und behauptete dazu, zwölf Kilometer weit sei er geschwommen – für Chinas des Schwimmens unkundige Bauern eine Sensation. Von einer Woge der Bewunderung getragen, zog Mao im Triumph wieder in Peking ein.

Und nun inszenierte er die «Grosse Proletarische Kulturrevolution», eine Terrorkampagne, die seine innerparteilichen Gegner ausschalten sollte und seine Allmacht auch im schieren Irrsinn demonstrierte. Studenten und Schüler von zwanzig bis hinab zu zehn Jahren ernannte er zu seinen «Roten Brigaden» und rief sie auf, «die stinkenden Intellektuellen» zu entmachten. Sie tobten durch die Strassen, rissen alte Männer an den Bärten, schoren alle Haare, die ihnen nicht gefielen, brachen in Wohnungen von Professoren und Funktionären ein, prügelten sie, folterten sie und zerschlugen die Klaviere.

1969 erklärte Mao die widerliche Posse für beendet. Bilanz: Zehntausende von Selbstmorden, mindestens sieben Millionen Erschlagene und zu Tode Gefolterte, Abermillionen von Gedemütigten. Und viele westliche Intellektuelle schlürften Mao die Sprüche vom Segen der «permanenten Revolution» von den Lippen. Noch sieben Jahre lang genoss Mao den Triumph, für das grösste Volk der Erde der Allmächtige zu sein. Die chinesische KP bestimmte 1981, er sei «zu 70 Prozent gut und zu 30 Prozent schlecht» gewesen. Sein Geburtshaus in der Provinz Hunan und sein Mausoleum in Peking sind Wallfahrtsorte. In vielen Taxis hängt ein Bild von Mao als Amulett.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).



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