Wo Meer und Himmel ineinander übergehen, schweben die Geister der toten Seefahrer über dem Wasser und erzählen sich Geschichten wie diese . . .
A: Es war auf der Fahrt durch den Malaiischen Archipel. Ich kommandierte seit zwei Wochen mein erstes Segelschiff; zum erstenmal spürte ich, wie ein Schiff unter meinen Füssen auf mein alleiniges Geheiss in Bewegung geriet. Was für ein Gefühl!
B: Mir brauchen Sie das nicht zu beschreiben. Ich bin schon fast hundert Jahre vor Ihnen als Kapitän der königlichen Kriegsflotte zur See gefahren.
A: Sie sind wohl ein Mann mit strengen Grundsätzen? Dann werden Sie an meiner Geschichte nicht viel Freude haben: Eines Nachts, als ich allein auf dem Achterdeck stand, erblickte ich einen nackten Schwimmer im Wasser und zog ihn an Bord; es war ein noch ganz junger Mann. Ich holte einen meiner Schlafanzüge für ihn, schmuggelte ihn in meine Kabine und fragte ihn aus. Er war Erster Steuermann auf einem in der Nähe ankernden Schiff aus Liverpool gewesen. Während eines heftigen Sturms hatte er in einem Wutanfall und um sein Schiff zu retten, einen Matrosen erwürgt. Sein Kapitän wollte ihn vor ein Gericht bringen, aber nach siebenwöchiger Gefangenschaft war er nun entkommen.
B: Ich nehme an, Sie haben als Kapitän dafür gesorgt, dass Recht und Gesetz ihren Lauf nehmen.
A: Im Gegenteil. Dieser Junge in meinem eigenen grau gestreiften Schlafanzug gefiel mir auf eine unerklärliche Weise. War das mein Doppelgänger? War er nicht ebenso fremd auf diesem Schiff wie ich? Tagelang versteckte ich ihn in meiner Kabine.
B: Der Steward wird ihn doch gewiss entdeckt haben!
A: Das wusste ich mit allerlei Tricks zu verhindern. Aber es war ein aufreibendes Versteckspiel; ich liess ihn darum bei einer Insel vor Kambodscha heimlich von Bord gehen.
B: Unglaublich! Sich so des Bruchs der Disziplin schuldig zu machen! Das kann man mir allerdings nicht vorwerfen. Als Kapitän der königlichen Marine habe ich nämlich einst für dasselbe Vergehen einen ebenso jungen Mann zum Tod am Galgen verurteilt. Erst einundzwanzig Jahre war er, ein Findelkind zwar, aber offensichtlich von nicht unedler Herkunft. Strahlend schön, kräftig und wohlgeraten, Apollo in Person. Aber ungebildet und vollkommen arglos in dieser Welt voller Fussangeln.
A: Wie kam er an den Galgen?
B: Zum Kriegsdienst war er zwar gepresst worden, doch gefiel ihm das Leben an Bord; er war der Liebling der Mannschaft, an dem sie alle wie die Wespen hingen. Alle bis auf einen. Der hatte eine tiefe Abneigung gegen den harmlosen Jungen und hat ihn bei mir als Meuterer angeschwärzt.
A: Und Sie haben dem Intriganten geglaubt?
B: Keinen Augenblick lang! Aber ich konfrontierte den Jungen mit seinem Widersacher und liess den die Anklage wiederholen. Da hat ihn der Junge in hilfloser Wut mit einem einzigen Hieb niedergestreckt. A: Und den liessen Sie aufknüpfen? Mein Gott!
B: Es waren schwierige Zeiten für alle Autorität zur See. Strenge war geboten. Und überdies: Das Herz ist der weibliche Teil im Manne und muss abgewiesen werden, so schwer es immer fallen mag.
A: Das sagen Sie. Ich sehe den anderen Jungen vor mir: Ein freier Mann, ein stolzer Schwimmer, auf dem Weg zu einem neuen Leben.
Auflösung Rätsel Folio Nr. 8: A ist der - namenlose - Erzähler aus Joseph Conrads «Das andere ich» (1910); B ist Kapitän Vere aus Herman Melvilles Novelle «Billy Budd» (1891).