NZZ Folio 08/00 - Thema: Las Vegas   Inhaltsverzeichnis

Das erste Mal -- Warum lieben Sie Haare?

Von Ursula von Arx

CHARLES AELLEN, 1959 in Luzern geboren, ist der In-Coiffeur der Schweiz. Fernsehbeautys und andere Prominente, aber auch gewöhnlich Sterbliche schwören, dass nur er in der Lage ist, ihnen den ihrer Persönlichkeit entsprechenden Schnitt plus die für sie wirklich vorteilhafte Haarfarbe zu verpassen. In Lifestyle-Magazinen wie «In-Style» wurde er kürzlich als einer der wichtigsten europäischen Hairstylisten gefeiert, seither wird er immer wieder um Autogramme gebeten. «Ich bemühe mich, ein guter Mensch zu sein», sagt Aellen.

Charles Aellen, lassen Sie uns über Ihre Anfänge reden.

Als Bub musste ich meine Mutter ab und zu zum Coiffeur begleiten. Ich sah, wie die Frauen hereinkamen und wie völlig verwandelt sie wieder hinausgingen, und ich sah das Zwischenstadium: Lockenwickler.

Und das faszinierte Sie so sehr?

Ja, natürlich. Ein Coiffeur ist ein Magier. Eine neue Frisur, und ein neuer Mensch ist geboren. Ich bin ein absoluter Ästhet. Wenn ich auf der Strasse schlecht frisierte Menschen sehe, und in der Schweiz gibt es viele davon, leide ich manchmal fast physisch. Ich habe da natürlich eine Déformation professionnelle, ich überlege mir dann: Woran liegt es? Würden kürzere Nackenhaare sein Profil nicht vorteilhafter erscheinen lassen? Oder erschiene ihr Gesicht mit gestuften Haaren nicht weicher? Solche Fragen beschäftigen mich.

Dass aus Ihnen ein Coiffeur wird, war für Sie schon früh klar?

In der Schule mussten wir einmal eine Stadt zeichnen. In meiner Stadt gab es nur Coiffeurgeschäfte. Offensichtlich also war es für mich nie eine Frage, wie meine Zukunft aussieht. Aber ich bin das älteste von vier Kindern, mein Vater ist Unternehmer. Er war nicht allzu begeistert, als er von meinem Berufswunsch hörte. Er fand, ich solle zuerst etwas Solides lernen. Coiffeure haben ja in der Schweiz, ganz im Gegensatz zum Ausland, kein allzu gutes Image. So machte ich eine kaufmännische Lehre.

Und danach gingen Sie sofort zu einem Coiffeur in die Lehre?

Ja, aber der Alltag war dann viel nüchterner, als ich es mir in meinen Träumen vorgestellt hatte. Danach ging ich nach Paris.

Irgendwann hatten Sie Paris gesehen.

Und ging nach Australien, ja. Ich brauchte einen Break, um herauszufinden, ob der Coiffeurberuf wirklich das Richtige ist. Für mich stand immer schon fest, dass der Ort, wo ich arbeite, schön sein muss. Denn wer Schönes schaffen will, muss sich auch in einem schönen Umfeld bewegen können, davon bin ich überzeugt. Als ich dann zurückkam nach Zürich, traf ich Rudolf Haene. Da sprach plötzlich jemand die gleiche Sprache wie ich. Ich war wie ein Blümchen, dem man endlich Wasser gibt. Er hatte die gleiche Vision wie ich, und er hatte sie sogar schon verwirklicht. Ich sah, es ist möglich. 1995 gründete ich zusammen mit Lars Krauss die Charles Aellen Company for Hair.

Was war denn das für eine Vision?

Hairstyling in einem grösseren Zusammenhang zu sehen. Einen Ort der Ruhe und Entspannung zu schaffen. Grosszügigkeit, Licht, Schönheit. Das Bestreben, wirklich à jour zu sein in der Fashion-Welt. Ich besuche alle Prêt-à-porter-Schauen in Paris, New York, Mailand. Da schnuppere ich in der Luft von übermorgen und versuche zu spüren, was kommt.

Und, klappt es immer?

Diesen Frühling hatten wir erwartet, dass etwas Futuristisches kommt, von wegen Millenniumswechsel und so. Aber ich merkte, dazu bin ich gar nicht bereit. Paris ist es offensichtlich auch nicht. Da war ich ganz happy.

Und wenn es nicht mehr klappt?

Dass mich mein Sensorium im Stich lassen könnte, ist das Einzige, was ich wirklich fürchte. Dann höre ich auf.

Sie residieren in der ersten Etage des Weissen Schlosses in Zürich. Warum in der ersten Etage?

Bei Coco Chanel war es auch so. Das hat was Privates. Wir verändern die Räume saisonal, wir versuchen einen Kontrapunkt zu setzen zur Jahreszeit. Wenn ich jeweils vom Prêt-à-porter zurückkomme, bin ich so voller Ideen, dass ich finde, wir müssen das kommunizieren. Die Kunden sollen sehen, da ist etwas passiert.

Wie viel Miete zahlen Sie?

Sehr viel. Dafür sitzen wir hier auf Ikea-Stühlen, und die sind doch wunderbar, darauf bin ich ganz stolz. Die Blumenarrangements hingegen sind wieder sehr exklusiv, von Giardino Verde. Und der riesige Muranoglas-Leuchter ist vom Luzerner Lichtspezialisten Dieter Keller.

Jetzt müssen wir aber noch ein bisschen über Haare reden.

Der Haarstil soll die Persönlichkeit unterstreichen. Kopf- und Gesichtsform sind wichtig, aber auch Kleidung und Statur. Für die Haarfarbe schaue ich auf Hautton und Augenfarbe. Ich mag das Klare, das ohne Effekthascherei auskommt. Im Winter trägt man die Haare allgemein kürzer als im Sommer, wegen der Kragen.

Müssen Sie sozial sehr aktiv sein, um als In-Coiffeur zu überleben?

Ich bin ein sehr seltener Partygänger. Ich gebe lieber Interviews.


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