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NZZ Folio 08/05 - Thema: Männer   Inhaltsverzeichnis

Du berührst mein Herz

Eine Liebeserklärung.

Von Liliane Lerch

Es ist drei Uhr morgens. Ich sitze im Bett neben dir, der Bildschirm meines Laptops scheint auf dein zerzaustes Haar. Die eine Faust liegt neben deinem Kopf auf dem Kissen, die andere kommt mir in die Quere. Trotzdem – Waffenstillstand. Dein leises Schnarchen konkurriert mit den Tastengeräuschen meines Computers. Beide unsere Geräusche kommen ab und an ins Stocken – Luft holen.

Du weisst und ich weiss, warum es gestern Abend zum Eclat gekommen ist. Gezielte Tiefenwirkung auf Knopfdruck ist eine der zweifelhaften Errungenschaften unserer Zweisamkeit.

Ich weiss, wo ich lächerlich war und mir selbst nicht geglaubt hab. Dass du es auch nicht getan hast, verdient lobenswerte Erwähnung, auch wenn ich es dir gegenüber nie zugeben würde. Du machst mich wütend, wenn du meine Wut nicht ernst nimmst. Würdest du dich ihr immer beugen, verlörst du meine Achtung.

Ich will gewinnen. Aber ich will auch, dass du gewinnst. Ich will, dass ich recht hab, und ich will, dass du mir das Gegenteil beweist. Ich mag deine Überraschungen; die Bockigkeit, wenn ich ein einfaches Spiel erwarte, deine Scheu, wenn andere breitbeinig die Hände in die Hüften stemmen würden, deinen kampfeslustigen Witz, wenn die Welt gegen dich ist, deine Traurigkeit über Dinge, die ich nicht mal bemerkt hätte, deine Loyalität, wenn ich mir selbst nicht so sicher bin.

Überhaupt gefällt mir noch vieles an dir. Mehr sogar als am Anfang unserer Liebe, als du mich immerzu gefragt hast, in welche deiner Teile ich mich denn genau verliebt hätte. Damals wusste ich ausser Süssigkeiten nicht viel zu sagen. Ich küsste deine Fragen weg, und die Antwort war dir genug. Heute würde mir dazu mehr einfallen. Aber du fragst nicht mehr. Du weisst, dass ich weiss, dass du weisst. Die Momente, in denen ich dich überfallsartig liebe, decken sich eh nicht mit den Momenten, in denen du dich liebenswert und unbezwingbar fühlst. Ich liebe dich, wenn du nicht darauf gefasst bist und nicht mal ahnst, dass du gefallen könntest. Deine Unwissenheit rührt mich. Manchmal weisst du, dass du schön bist. Es ist eine unangestrengte Schönheit, und du arbeitest nicht mit ihr, obwohl du könntest. Du füllst deine Körperlichkeit genussvoll aus und bewegst dich auf sicherem Terrain. So fühlst du dich gut an, fasst dich gut an, riechst gut, machst Lust auf mehr. Du lässt dich erobern und erwiderst. Du eroberst und lässt dich erreichen.

Der Computer wärmt meine Oberschenkel, wenn ich dich’s schon nicht tun lasse. Obwohl – nun fällt es mir schon bedeutend schwerer, mich zu erinnern, warum eigentlich nicht.

Ich liebe, dass du ganz dir gehörst, wenn du nicht ganz mir gehörst. Dass dein Geist sein eigenes Universum ist und nicht ein Planet auf Umlaufbahn. Dass keiner dich auf Dauer unterkriegen kann, nicht mal ich. Dass du die kleinen Dinge wichtig nimmst und den grossen mit Nonchalance gegenübertrittst. Und dass du kämpfst, solange du glaubst, und scheinbar problemlos lockerlässt, wenn die Zeit reif ist.

Du pflegst deine Schwächen mit Nachsicht, und du verbarrikadierst deine Narben nicht mit schusssicherer Weste. Und du hast den Anstand, nicht mit Kleinkrämertum zu langweilen.

Ich mag, dass unsere Gespräche grenzenlos sein können. Ich mag noch mehr, dass sie es nicht immer sein müssen. Ich will nicht alles sagen müssen. Ich will nicht alles wissen müssen. Ich will auch nicht alles verstehen müssen. Dafür nehm ich es gern mit deiner Egozentrik auf, sie macht, dass wir uns nicht miteinander verwechseln.

Du drehst dich nun von mir weg, ziehst die Decke mit grosser Selbstverständlichkeit mit dir und rollst dich genüsslich ein. Mir bleibt ein schräger, kleiner Rest für die Füsse. Damit kommst du heute Nacht nur durch, weil ich nicht will, dass du jetzt aufwachst.

Ich will nicht, dass du mich verstehst; ich will, dass du mich liebst. Ich will nicht, dass du dich in jeder Tiefe und Untiefe meiner Seele blindlings auskennst. Dass du nicht immer zeigst, dass du es trotzdem tust, rechne ich dir hoch an. Ich will und weiss, dass du mich im Kern erkennst. Und hab zugleich Angst davor. Aber das ist meine Angst, und die hat nichts mit dir zu tun. Du nutzt deine Kenntnis nur zum Spass für leichten Terraingewinn.

Du machst, dass ich mich sicher fühle. So sicher, dass ich besserkönnen darf als du. Dass ich dich nehmen und lieben kann. Dass ich mich dir überlassen kann. Dass ich dich nicht immer brauchen muss. Dass ich mit dir so sein kann, wie wenn du nicht da wärst. Dass ich wohlig besserwisserisch, schlampig und ungerecht sein kann. Dass ich einschlafen kann, wenn du mir deinen Lieblingsfilm erzählst. So sicher, dass ich weiss, du bist da.

Ich mag unser alltägliches Geplapper, und ich mag unser Schweigen. Ich brauche unsere Symbiose und unsere Losgelöstheit. Ich liebe unsere Kämpfe und unseren Seelenfrieden. Ich mag, dass unsere Geschichte unsere Geschichte ist. Ich weiss, dass ich gegen uns nie eine Chance gehabt habe. Du berührst mein Herz.

Mich fröstelt, und ich ziehe sorgfältig an der Decke. Nach ungelenkem Suchen streckst du dich nach ihr und drehst dich mir zu. Du blinzelst verschlafen auf den Bildschirm. Was schreibst du denn da, mitten in der Nacht, fragst du mit rauher Stimme. Ach nichts, sage ich und lasse das Dokument mit Doppelklick elegant in sich kollabieren.

Liliane Lerch ist freie Autorin; sie lebt in Twentynine Palms, USA.


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