. . . Ferrucio de Bortoli, Direktor des «Corriere della Sera», Italien.
1. Woher kommt der Widerstand gegen die Osterweiterung in Ihrem Land?
Als Spanien und Portugal der Gemeinschaft beitraten, erhielt Italien Konkurrenz von zwei Mittelmeeranrainern, die sich als wesentlich geschickter erwiesen als wir, Mittel zu nutzen, die Brüssel zur Entwicklung zurückgebliebener Regionen wie unseres Mezzogiorno ausschüttet. Es besteht die Befürchtung, dass sich Ähnliches wiederholen könnte, wenn Länder im Osten zur EU stossen.
2. Wie sieht die EU im Jahr 2010 aus?
Mit der Erweiterung stellt sich die Frage nach dem Konzept Europas - geographisch und politisch. Es muss möglich sein, den Ausbau Europas in unterschiedlichen Tempi an die Hand zu nehmen. Staaten, die sich politisch rascher integrieren wollen, sollten dies tun können, ohne auf die Nachzügler warten zu müssen.
3. Auf welchen Gebieten erhofft sich Italien Hilfe seitens der EU bei der Durchführung institutioneller und struktureller Reformen zu Hause?
Wir müssen die Privatisierung, die Liberalisierung und die Öffnung unserer Wirtschaft beschleunigen, damit wir endlich dieselbe Stufe erreichen wie unsere wichtigsten Partner in Europa. Öffentliche Verwaltung und Justiz müssen sich radikal erneuern. Die Verfahrensdauer etwa ist viel zu lange, das ist ein Bremsklotz für die Wirtschaft. Unsere politischen Reformen sind auf halbem Weg steckengeblieben, wir brauchen zum Beispiel ein neues Wahlgesetz.
4. Was sind die Gründe für die ausgeprägte Europafreundlichkeit in Italien?
Das hängt mit der Weitsichtigkeit der Politiker der Nachkriegsjahre zusammen. Sie wollten wegen der Niederlage des Landes im Krieg tatkräftig beim Aufbau eines neuen Europa mithelfen. Wir glauben, dass wir hervorragende Europäer sein können, gleichzeitig aber auch gute Italiener und Bürger unserer regionalen Heimat.
Die Fragen stellte Peter Sidler, NZZ-Korrespondent in Rom.