Pflaumen, Himbeer, Cassis, Lakritz, Vanille, Apfelblüten, Ledersattel - ungezählt sind die Duftnoten, die feine Nasen im Wein entdecken. Nicht weniger häufig sind aber auch Gerüche, die kaum bezaubern: Ajax citron zum Beispiel, Handy oder Palmolive.
Gläser werden gespült, mit einem Lappen trockengerieben, bis sie funkeln wie frisch geschliffen. Doch der reine Schein trügt. Das Spülmittel bleibt zurück als unsichtbar dünner Belag; Fremdgerüche nisten sich ein im Kelch. Gläser stinken. Nach Spülmittel. Oder nach Holz, nach der Beize im Gläserschrank. Der optische Glanz wird mit Nebengerüchen erkauft, die den kräftigsten Wein zur Strecke bringen. Unverfälschter Weingenuss verlangt deshalb stets nach einem Avinieren des Glases.
Der Vorgang ist denkbar einfach und dennoch längst nicht Allgemeingut: Was nach der ersten Probe - sie bestimmt, ob der Wein in Ordnung oder fehlerhaft ist - im Degustationsglas übrig bleibt, wandert ins nächste Glas. Das Glas wird mit einer kreisenden Handbewegung kurz geschwenkt, so, dass der Wein die Wände des Glases benetzt, schwungvoll bis zum Rande hochsteigt. An der harmonischen Bewegung ist der Experte zu erkennen. Aber Hauptsache: das Glas wird noch einmal gespült - mit reinem Wein.
Nach geglückter Prozedur kommt das nächste Trinkgefäss an die Reihe. Und so fort, bis der Spülwein am Schluss im Abguss entsorgt werden muss. Soll der Wein dekantiert werden, wird selbstverständlich auf die gleiche Weise die Karaffe aviniert. Die hat's meistens besonders nötig.
Die Gläser sind bereit. Nicht mehr so schön, nicht mehr glasklar, sondern leicht trüb, benetzt vom Wein und damit bereit, dem kredenzten Tropfen unverfälscht zur Entfaltung seiner Gerüche und Aromen zu verhelfen.