NZZ Folio 11/94 - Thema: China   Inhaltsverzeichnis

Eine Liebe zu Harbin

Betrachtungen über die Lebensart im Norden.

Von Zhang Kangkang

VOR EINEM JAHR kam meine Schwester dienstlich für ein paar Tage vom südchinesischen Hangzhou, unserer Heimatstadt, nach Harbin im nordöstlichsten Zipfel Chinas. Sie blieb ein paar Tage, und kurz vor ihrer Abreise fragte ich sie, was für einen Eindruck sie habe, insgeheim hoffend, sie werde in staunende Bewunderung ausbrechen. Doch sie verzog bloss verächtlich den Mund: «Es ist mir wirklich ein Rätsel, wie du über so viele Jahre an einem solchen Ort leben konntest», lautete ihr Urteil, und bei diesem Satz liess sie es bewenden. Ich erinnerte mich dann an die Zeit von vor über zehn Jahren, als ich selber noch ganz neu in Harbin gewesen war. Damals hatte ich zu den Südchinesen, die vor uns hierhergekommen waren, dasselbe gesagt.

Und nun wohne ich, mit einigen Unterbrechungen allerdings, schon seit vierzehn Jahren in Harbin. Wenn ich auch nicht behaupten kann, ich wüsste inzwischen alles über diesen Ort, so will ich ihm dennoch diese Zeilen widmen - zuhanden all derer, die sich dafür interessieren, seien sie nun schon einmal in Harbin gewesen oder nicht.

ÜBER DIE KLEIDUNG. Immer heisst es, die Frauen aus Harbin seien so schön; bei einer Südchinesin kann so etwas schon ein wenig heimlichen Neid erwecken. Ihr Ruf kommt nicht von ungefähr. Es mag vielleicht am besonders edlen Wasser des Songhua-Flusses liegen, jedenfalls sind die jungen Frauen von Harbin so grossgewachsen und weisshäutig, dass sie die Blicke auf sich ziehen. Die jungen Männer allerdings sind noch «cooler», so richtig nordchinesische Mannsbilder, die anscheinend schon bei der Geburt dem Metermass entwachsen wollen.

Ich weiss noch, wie ich während meines ersten Sommers in Harbin einmal zum Ufer des Songhua ging und wie vor meinen Augen plötzlich alles zu flimmern begann. Schon damals, zu Anfang der achtziger Jahre, schillerten da die jungen Mädchen, die mit ihren Vergnügungsbooten an den Flussdeichen und Sandstränden anlegten, in allen Farben des Regenbogens. Danach breitete sich die Welle von Jahr zu Jahr schneller aus: was auch immer in Hongkong und Kanton gerade als neuste Mode und letzter Schrei galt, wurde jeweils schnurstracks per Flugzeug nach Harbin eingeflogen. Vom längsten bis zum kürzesten Rock, vom perlenbesetzten Pullover bis hin zu Bluejeans und T-Shirts fand alles reissenden Absatz; da gab es keinen Moment des Zögerns, ganz egal wie stolz der Preis war. Will man also in China den allerneusten Modetrend kennen, braucht man nur einen Bummel durch Harbins Hauptstrassen zu machen. Einen kleinen Schönheitsfehler hat das Ganze: Dadurch, dass sich die jungen Leute stets am Zeitgeschmack orientieren, ist kein spezifischer Kleidungsstil mehr auszumachen. Will man von den Kleidern her etwas über die Kultur und Geschichte Harbins erfahren, so muss man sich bei den Menschen mittleren Alters und darüber umsehen.

Harbins ältere Frauen tragen mit Vorliebe den Qipao. Die Gegend gilt als Heimat dieses enganliegenden, seitlich geschlitzten Kleides mit Stehkragen, und ob es nun aus Seide, Wollstoff oder Kattun gewoben ist, ob in der langärmligen Variante mit niedrigem Schlitz oder ärmellos mit hohem Schlitz, am Körper einer Harbinerin wird es ganz natürlich und wie angegossen sitzen, korrekt und gleichzeitig glamourös. Der Qipao gehört geradezu zu Harbin. Seit mir dies bewusst wurde, muss mir auch in einer anderen Stadt nur ein bunt schimmernder Qipao um die Ecke entgegenkommen, und schon fühle ich mich nach Harbin versetzt.

Der Stolz der Männer dagegen manifestiert sich in erster Linie auf ihrem Haupt: Ihre Hüte sind wohl weltweit einzigartig. Wenn man schon in so kalten Breitengraden lebt, darf die Kopfbedeckung schliesslich auch etwas aufwendiger ausfallen. In den letzten paar Jahren war eine Art Baskenmütze besonders populär, entweder aus Wolle gestrickt oder aus verschiedenstem Material zusammengeschneidert - die Frauen haben sich da für den Kopfputz ihrer Männer ganz schön etwas einfallen lassen. Wird eine Tagung abgehalten, wogt unter der Rednerbühne ein Meer von Rot, Orange, Gelb, Grün, Anthrazit, Blau und Violett, und von der reichen Auswahl an ausgefallenen Modellen her zu urteilen, wähnt man sich an einer Modeschau. Die Männer hüten ihre Kopfbedeckung denn auch wie ihren Augapfel. Den ganzen Winter über würden sie sich ohne triftigen Grund nie davon trennen, dafür sei es viel zu kalt, sagen sie immer, und so trägt man seinen Hut bis in den Frühling hinein. Im Sommer muss man es wohl oder übel ohne aushalten, doch beim ersten Herbststurm sitzen die Hüte sofort wieder auf den Köpfen.

Da schöne Kleidung den Harbinern so am Herzen liegt, ist die lokale Textilindustrie entsprechend entwickelt. Was es in Kanton gibt, das gibt es auch in Harbin, und was in Kanton nicht aufzutreiben ist, das findet sich hier. Nördlich von Harbin verläuft nicht nur die Grenze zu den GUS-Staaten, im Osten liegen Korea und Japan, und schliesslich wird dem Ort noch durch Völker wie die Mandschuren, Mongolen und das Volk der Hezhu ein spezielles Gepräge verliehen, so dass dieser Schmelztiegel, in dem sich verschiedenste Kulturen kreuzen, andere Städte weit in den Schatten stellt.

ÜBER DAS ESSEN. Normalerweise fällt das Urteil von Südchinesen über ihre Landsleute aus dem Norden am wenigsten schmeichelhaft aus, wenn es um die Essgewohnheiten geht. Die einfache und etwas derbe Alltagskost des Nordens, die ohne viel Schnickschnack zubereitet und auf den Tisch gebracht wird, bietet den Südchinesen oft Anlass zum Lästern.

Hat man aber erst einmal lange genug in Harbin gelebt, wird man feststellen, dass der Geschmackssinn sich ganz allmählich umzustellen beginnt. Die Veränderung geht sehr subtil vor sich: Plötzlich findet man zum Beispiel, das Gericht dufte gar nicht so richtig, wenn man beim Anbraten keine Zwiebeln verwendet hat; Jiaozi, die ravioliähnlichen Fleischtaschen, sind ohne gestampften Knoblauch einfach keine richtigen Jiaozi mehr; und sowohl Wein wie auch Schnaps schmecken nach gar nichts, wenn sie nicht mit einem Salat serviert werden. Eines schönen Tages wird man aufwachen und entdecken, dass sich, was den Gaumen betrifft, Nord und Süd schon längst vermischt haben, und man wird allen Ernstes Südchinesen gegenüber verkünden, die nordchinesische Küche habe eigentlich auch ihre Vorzüge, sie schmecke lediglich anders . . .

ÜBER DAS WOHNEN. Als ich noch in Harbin studierte, streifte ich jeweils sonntags oder an den Feiertagen ganz allein durch die grossen und kleinen Strassen der Quartiere. Ob im Winter oder im Sommer, die Gebäude mit den ockerfarbenen, runden Zwiebeldächern, die christlich-orthodoxen Kirchen, die blanken, kieselsteinbesetzten Gehsteige am Zhongyang-Boulevard und die Villen auf der Taiyang-Insel, die in ihren fremdartigen Formen an Spielzeughäuser gemahnten, all dies übte eine ungemeine Faszination auf mich aus. Am meisten aber zogen mich die gewöhnlichen Wohnhäuser im russischen Stil in den Bann, die eins neben dem andern am Strassenrand standen: die Holzzäune grün gestrichen, jeweils ein kleiner Fliederbusch oder Kirschbaum davor, Schnitzereien, die unter dem hölzernen Dachvorsprung hervorschauten, die Vordächer über den Türen und die Balkone hübsch lackiert . . . Die eine Ecke jedes Hauses war für eine Art Wintergarten reserviert, ein ganz mit Glas verkleidetes, geräumiges Zimmer, in das die Sonne von drei Seiten gleichzeitig hineinschien und in das man die Zierpflanzen zum Überwintern stellte.

Diese schmucken kleinen Häuser haben in den vergangenen Jahren gewiss ein ums andere Mal den Besitzer gewechselt, und der Grossteil der Harbiner Bevölkerung ist denn auch längst in moderne Wohnüberbauungen gezogen. Diesen heutigen Etagenwohnungen würde man es von ihrem Äusseren her zwar nie geben, doch der Einfluss der russischen Kultur ist in ihrem Innern, das heisst beim Wandverputz und bei der Einrichtung, erhalten geblieben.

Als ich vor einigen Jahren in eine Wohnung einzog, die mir vom Schriftstellerverband zugeteilt worden war, waren sämtliche Wände mit hellblauer, blassgrüner und silberner Tapete bezogen, eine Farbe pro Zimmer, wie es in Harbin Brauch ist. Der Streifen zwischen Tapetenrand und Zimmerdecke ist in jedem Raum mit einem anderen Muster bedruckt. Da können Wellen dargestellt sein, Blätter oder auch Blumenmalereien, Eleganz und Ruhe ausstrahlend. So wähnt man sich inmitten eines kleinen Palastes, denn man braucht bloss den Blick zu heben, um sich an den Reizen der Kunst zu erfreuen. Ich habe bei einer Reihe von Familien darauf geachtet, und tatsächlich waren die Malereien in keinem Haus dieselben wie im nächsten. Was in den südchinesischen Städten als ganz neue Modeerscheinung gilt, stellt also in Harbin eine alte Tradition dar, die selbst die Kulturrevolution unbeschadet überstanden hat.

Auch die Möblierung der Häuser ist in Harbin eine ganz andere als im Süden des Landes. Das Trinken ist ein so wichtiger Teil des Lebens der Leute hier, dass der robuste Weinschrank einen Ehrenplatz in der Wohnung einnimmt. Was zudem in absolut keinem Haus fehlen darf, ist ein Ausziehtisch - oval, von schwarzer oder rauchgrauer Farbe, mit sechs massiven Beinen, steht er im Zentrum eines jeden Gastmahls und Familientreffens. Ob dabei nun die Harbiner Variante des Mongolentopfs oder Jiaozi serviert wird oder ob man einfach einen Schnaps kippt, es geht in jedem Fall hoch zu und her. Braucht man den Tisch im Alltag nicht, deckt man ihn mit einer blumenbestickten oder gehäkelten Decke zu, und so kauert er bis zum nächsten Mal in der Ecke wie ein Elefant.

VON UNTERWEGS. Im Frühjahr fegt der Wind jeweils so heftig durch Harbins Strassen, dass man nur seitwärts gehen kann, will man nicht mit jedem Atemzug einen Mund voll eisiger Bise in den Hals kriegen und beinahe daran ersticken.

Den Sommer über weht dafür stets ein angenehmes, frisches Lüftchen, das den Schritt automatisch beschwingter und den Spaziergang am Flussufer oder in den Strassen der Innenstadt zur Lust werden lässt.

Um so hastiger, als ginge es auf eine grosse Reise, eilen die Menschen von Harbin dann im Herbst an einem vorbei, denn da sind sie vollauf mit den Vorbereitungen fürs Überwintern beschäftigt.

Im Winter schliesslich, wenn alles schneebedeckt ist und die Fussstapfen der Passanten zu solidem Eis gefrieren, bewegen sich die Einwohner Harbins wegen der Glätte nur noch mit äusserster Behutsamkeit fort. Ganz Harbin gleicht einer einzigen riesigen Eisbahn, da bedarf es bloss der kleinsten Unachtsamkeit, und schon landest du womöglich auf deinem Allerwertesten. Nur die Kinder suchen sich auf ihrem Schulweg absichtlich die eisigen Stellen aus, um unter grossem Gelächter erst mit dem einen Fuss abzustossen, dann auf beiden Füssen zu landen und auf der Eisfläche draufloszurutschen. Dabei entwickeln sie ein solches Tempo, dass sie die Fussgänger bei weitem überholen, und auf dem ganzen Gehsteig bleibt eine kleine graue Schleifspur neben der anderen zurück.

Das bevorzugte Gesprächsthema der Harbiner Bevölkerung lautet im Winter «kalte Füsse». Aus der Tatsache, ob man auf dem Weg zur Arbeit Frostbeulen an den Füssen eingefangen hat oder nicht, lässt sich jeden Tag die Temperatur ablesen. Früher trug man noch wattierte oder mit Stroh gefütterte Lederstiefel mit zentimeterdicken Filzsohlen, die zwar plump und unförmig, dafür schön warm waren. Heutzutage ist man dagegen allseits so auf Ästhetik bedacht, dass in den Städten kein Mensch mehr solche Stiefel trägt, dafür Lederschuhe mit hauchdünnem Futter, das nichts wert ist. Man nimmt lieber gefrorene Zehen in Kauf, beim Gehen wird einem ja von allein warm - wenn man nur schnell genug geht, kommt man schliesslich auch bei zwanzig oder dreissig Grad unter Null noch ins Schwitzen . . .

Kalte Füsse fängt man sich vor allem beim Warten an der Bushaltestelle ein. Zur Winterszeit kriechen die öffentlichen Busse geradezu im Schneckentempo durch die Strassen, und auch die Autofahrer sind ständig auf der Hut vor Glatteis. Die Omnibusse scheinen genau wie die Menschen vor Kälte zu zittern, so dass die Türen beim Anhalten jeweils nur einen Spalt weit geöffnet werden und die Fahrgäste, die aussteigen wollen, einer nach dem andern wie Kartoffelsäcke herauspurzeln. Zum Glück sind sie alle lauter kundige Experten mit langer Erfahrung, deren dick vermummte Körper zwar etwas schwerfällig, deren Hände und Füsse jedoch um so agiler sind, was bei der gegenseitigen Schieberei und Drückerei sehr von Nutzen ist. Dabei kommt man sich so nahe, als wolle man einander schön warm geben. Und alles läuft ohne Murren und Klagen ab. Im Gedränge erweisen sich die Schaffner als die robustesten Kerle: Mit der Unerschrockenheit junger Tiger gelingt es ihnen, sich auch bei noch so grossem Getümmel durch das Wageninnere zu zwängen. Hier ein bisschen gedrängelt, dort einen Passagier zur Seite geschoben - manchmal klopft er dir auch wie ein alter Bekannter auf die Schultern oder stupst dich in den Rücken, und schon hat er dir einen Fahrschein verkauft. Ihm ausweichen zu wollen ist ein hoffnungsloses Unterfangen.

Die Busfenster sind so dick mit Eis beschlagen, dass bei einem Blick nach draussen alles in düsterem Grau verschwimmt; völlig unmöglich zu erahnen, bei welcher Haltestelle man auf der Reise in dieser luftdicht verschlossenen Büchse inzwischen angekommen ist. Ab und zu entdeckt man auch Schriftzeichen, die jemand in die Eisschicht auf den Fensterscheiben geritzt hat, im Stile von: «Nur Mut, nur Mut.»

Angesichts all der Schwierigkeiten beim Fortkommen auf Harbins Strassen floriert das Taxigewerbe. Ob im Winter oder im Sommer, ständig ist die Stadt voll von kleinen, keuchenden Taxis. Starrend vor Dreck und altersschwach, die meisten in privater Hand, und doch werden keine Wucherpreise verlangt. Fragt man einen der Chauffeure, was die Fahrt denn wohl koste, so wird er sich kaum von seinem Schlager im Autoradio ablenken lassen, sondern herzlich desinteressiert erwidern, man solle halt soviel geben, wie man für richtig halte.

Einmal, ich wollte gerade die Fahrt von Peking nach Harbin antreten, schlug mir gleich beim Einsteigen aus dem Zugsabteil ein Gewirr von Stimmen mit nordostchinesischem Dialekt entgegen. Sämtliche Mitreisenden fielen durch ihre gute Kleidung auf, und mir gegenüber sass ein junges Ehepaar, das auf eigene Kosten nach Peking gereist war und sich nun auf dem Rückweg nach Harbin befand. «Wir Leute aus Harbin», verkündete die Frau während der Fahrt selbstsicher, «wir horten unser Geld nicht. Wenn wir welches haben, geben wir's aus, so etwas nennt sich zu leben verstehen.»

HARBIN HAT etwas ganz Besonderes an sich und ist, davon bin ich überzeugt, eine der charaktervollsten Städte Chinas. Und ich selbst werde, davon bin ich ebenfalls überzeugt, längst nicht mehr zu Recht als Hangzhouerin bezeichnet - inzwischen bin ich eine halbe Harbinerin geworden.

Zhang Kangkang, Schriftstellerin, 1950 im südchinesischen Hangzhou geboren, lebt seit 14 Jahren in Harbin.


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