NZZ Folio 05/98 - Thema: Auto   Inhaltsverzeichnis

Entkorkt -- La Tâche - Labsal für Geist und Gaumen

Von Philipp Schwander

KAUM EIN ANDERES Weingut der Welt ist so von Ruhmesglanz und einer Aura umgeben wie die Domaine de la Romanée Conti. Seit Jahrhunderten bringen ihre Rebberge die besten und teuersten Weine des Burgunds hervor. Die beiden ersten Lagen der Domäne - Romanée Conti und La Tâche - sind für viele der Inbegriff von Raffinement und Eleganz. La Tâche, bestockt mit Reben, die im Durchschnitt fünfzig Jahre alt sind, und lediglich sechs Hektaren gross, ist dabei häufig etwas konzentrierter als Romanée Conti und besitzt vielleicht am ausgeprägtesten den für die Domäne charakteristischen, fast exotischen Geschmacksreichtum.

Kürzlich lud der Schweizer Sammler Manfred Wagner zu einer einmaligen Degustation von dreissig Jahrgängen La Tâche, von 1994 zurück bis 1942. Wie der bei der Verkostung anwesende Co-Direktor der Domäne, Aubert de Villaine, festhielt, bot sich so die seltene Gelegenheit, die Arbeit von drei Winzer-Generationen zu beurteilen. Auf Grund der durch und durch traditionellen Kelterung - die Trauben werden beispielsweise nicht entrappt - können die Weine zwar in der Jugend während kurzer Zeit sehr schmackhaft sein, müssen dann jedoch meistens ein Jahrzehnt lang gelagert werden, damit sich ihr betörendes Bouquet und ihre unnachahmliche Samtigkeit entwickeln können.

Der kürzlich auf den Markt gebrachte 94er gefiel mit einer überraschenden Konzentration und gut eingebundenen Gerbstoffen. Laut Villaine war 1994 der erste Jahrgang, der deutlich die Auswirkungen der 1986 wieder eingeführten naturnahen Bearbeitung des Bodens reflektierte. Nobel, aber noch viel zu jung, präsentierte sich der 93er. Erst am Anfang seiner Entwicklung steht ebenfalls der sehr delikate und unterschätzte 91er, und ein enormes Potential schlummert ganz offensichtlich im grossartigen 90er: ein noch immer jugendlicher, überaus distinguierter und dichter Wein.

Ziemlich verschlossen waren der 88er und der 89er, derweil der leichte 86er ein herrliches, fein abgestuftes Bouquet verströmte. Exzellent der zarte 81er sowie der langanhaltende, noch etwas von harten Tanninen geprägte 83er aus der Doppelmagnum. Und grandios der 80er, der mit seiner Frucht und Würze die Runde begeisterte - auch den eigens aus London angereisten Michael Broadbent. Er wies darauf hin, dass die Weine der Domäne in ihrer Jugend häufig vergleichsweise hellfarben sind, dann aber im Verlauf der Lagerung an Tiefe und Kraft gewinnen.

Die Erträge der Domaine de la Romanée Conti liegen auf Grund des extrem starken Rebschnitts und der aus dem 16. Jahrhundert stammenden Pinot-fin-Klone mittelalterlich tief. Im Durchschnitt werden lediglich etwa 25 Hektoliter pro Hektare erreicht, das heisst: für eine einzige Flasche wird der Ertrag dreier Rebstöcke benötigt. 1979 sorgte Hagel gar dafür, dass eine noch viele kleinere Miniaturernte von lediglich 12 Hektoliter pro Hektare erzielt wurde. Entsprechend beeindruckend und raffiniert war denn auch der Wein, der dem berühmteren 78er keineswegs nachstand. Gerade in schwierigen Jahren stellt sich oft die wahre Qualität einer Weinbergslage heraus. Ganz erstaunlich präsentierten sich so der immer noch recht fruchtige, nuancierte 84er und der aus einem desaströsen Jahr stammende 75er; selbst der 56er war einigermassen ansprechend.

Aubert de Villaine gab offen zu, dass er seine Weine des Zeitraums 1967 bis 1977 etwas zurückhaltend beurteilt. Höhepunkt dieser Epoche waren der ungemein kraftvolle, fast rosinenartige 71er und der reserviertere, ein wenig strengere 70er. Besonders gute Weine wurden auf der Domäne in den 50er und 60er Jahren bis etwa 1966 erzeugt. Delikat, von unglaublich duftiger, beinahe vergeistigter Art war der 61er; reichhaltig, «süss» und wohlschmeckend zeigte sich der 49er; der 42er schliesslich hatte sich überraschend gut gehalten.


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