NZZ Folio 02/93 - Thema: Techno-Food   Inhaltsverzeichnis

Portfolio -- Die Farbmischer von Caran d'Ache

Von Silvia Hofmann

BEKAM MAN ZUM GEBURTSTAG eine 18er, träumte man von einer 30er. An die noch üppigere 40er wagte man gar nicht zu denken, mit ihren Karmin, diversen Zitronen- und Dottergelb, zarten Abstufungen von Preussischblau bis Ultramarin . . . Stunden verbrachten wir Kinder damit, die bunten Stifte schön zu spitzen (verbotenerweise mit der silberfarbenen Metallspitzmaschine auf Vaters Schreibtisch) und die Farben der Reihe nach in die blaue Blechschachtel einzuordnen. Ungeduldig versuchten uns die Eltern von den weihnachtlichen Auslagen wegzulocken, wo die Farbherrlichkeiten hinter der Schaufensterscheibe prangten. Der Geruch von Zedernholz und Farbe - noch heute werden die präzise gespeicherten Erinnerungen, die kindlichen Träume und Sehnsüchte in jeder Papeterie wachgerufen.

Nun, in der Caran-d'Ache-Fabrik in Genf-Thônex zerplatzt solche Duftillusion wie eine Seifenblase. Es riecht nach Linoleumböden, nach Lacken und nach Lösungsmitteln. Die leuchtenden Farbpulver, die aus allen Kindern Künstler machen, lagern auch nicht in malerischen Haufen wie auf einem indischen Markt, sondern praktischerweise und sicherheitshalber in Kunststofffässern, mit Aufschriften von Chemiemultis.

Zwischen diesem Farbenlager und der Produktion befindet sich die «mise en place»: Die Zutaten werden aufs Gramm exakt abgewogen und in Schüsseln und auf Paletten bereitgestellt. Für die Buntstifte sind das Kaolin, ein beiges, unscheinbares Pulver, ein Bindemittel und natürlich die Farbpigmente. Aus den Fässern holt man sie mit grossen Kohleschaufeln, die jetzt, am Ende der Produktionswoche, in Reih und Glied in einem Wandschrank stehen. Die Schaufelblätter leuchten in purem Gelb, Grün und Blau - der einzige Hauch Poesie in der lärmigen Fabrikhalle. In grossen Kesseln mit gekühltem Rührwerk wird der Farbteig geknetet, bis er schön homogen ist, dann über ein Dreiwalzenwerk geschickt und gewalkt, damit auch das kleinste Teilchen zu noch winzigeren Teilchen zermahlen wird. Schliesslich wird die Masse durch eine Lochscheibe gepresst, aus der sie in Form von, beispielsweise malachitgrünen, Spaghetti quillt. Das sind Minen am Stück.

Beim Bleistift, der fälschlicherweise so und nicht Graphitstift heisst, ist das Verfahren noch komplizierter. Dort muss reiner Graphit, vermischt mit mehrfach von Quarzteilchen gereinigter Tonerde, zu quadratischen Kuchen gebacken, wieder verflüssigt, geknetet und gewalzt werden. Die Minen werden bei einer Höllenglut von 1000 Grad Celsius zwölf Stunden lang gehärtet, gewachst und zu Bleistiften von 17 verschiedenen Härtegraden verarbeitet. Und nun warten bereits die sechseckigen Holzkartuschen mit dem exakt gebohrten Loch in der Mitte auf die Minen? Ganz falsch.

Die Leute von Caran d'Ache führen ihre naiven Besucher mit der Frage «Wie kommt die Mine in den Bleistift?» gerne erst einmal in die Irre. Denn die Antwort ist verblüffend simpel. Also: Neun Minen werden in vorgefräste, mit Leim bestrichene Rillen - fachmännisch: Nuten - eines gut vier Millimeter dicken Zedernholzplättchens gelegt, darauf wird ein gleiches gepresst, und fertig ist das Sandwich. Nun muss es noch in neun handgerechte Stücke gesägt, in fünf Farbbäder getaucht, gelackt, mit der Caran-d'Ache-Aufschrift und der Fabrikationsnummer, einer weissen Schutzkapsel am einen und einer Spitze am anderen Ende versehen werden. Zum Schluss werden die Stifte von scharfen Männeraugen auf Qualität geprüft und von flinken Frauenhänden fertig verpackt. Früher beschäftigte man allein für den letzten Handgriff sechzig Frauen, heute sind es einige wenige und eine Maschine. Die Maschinen, die zwei Fabriksäle füllen und eigens für diese Produktion angefertigt worden sind, sind technische Wunderwerke. Dennoch dauert es zusammengezählt ein ganzes Jahr, um beispielsweise 120er Pablo-Farbschachteln zu fertigen: Denn das bedeutet 120mal, Farbe um Farbe, denselben vollständigen Produktionsablauf. Dies wiederum erfordert eine ausgeklügelte Logistik, um Maschinen und Menschen auszulasten.

Perfekte Qualität - Caran d'Ache hat sie in über fünfzig Jahren erreicht. Gar nicht so selbstverständlich, denn 1924, als der wagemutige Börsenmakler und Firmengründer Arnold Schweitzer die Genfer Bleistiftfabrik erwarb, soll er das in völliger Unkenntnis der komplexen Materie getan haben. Seine Ambitionen im vom deutschen Unternehmen Faber-Castell dominierten Markt dokumentierte er mit der Wahl des Firmennamens: Caran d'Ache. So hatte sich der Künstler Emile Poiré (1859?1909) genannt, der neben Daumier als bedeutendster Zeichner der Epoche galt. Poiré verklärte so seine russische Herkunft, denn «karandasch» heisst Bleistift.

Schweitzer hatte Programm und Image der französischen Form sofort begriffen, klingt Caran d'Ache doch eher wie ein vornehmes, alteingesessenes Geschlecht. Wie praktisch auch für die aktuellen Bemühungen des Familienunternehmens (das absolut keine Zahlen publiziert), sich im Luxusbereich zu etablieren mit chinalackgeschmückten Feuerzeugen (samt patentiertem Pumpsystem), versilberten Kugelschreibern und rechteckigen Edeluhren.

So wird einem auch im Fabrikrundgang nahegelegt, die optisch so gewinnende Farbstiftproduktion als «amuse bouche» zu betrachten, das Appetit machen soll auf den Hauptgang: die Produktion von Schreibgeräten mit den Plasticspritzgussmaschinen für Kugelschreiber, die Maschine für die Herstellung der Kugelschreiberspitzen mit 26 verschiedenen Funktionen, die Galvanisation und die computergestützte Gravurmaschine. Mit diesem Gerät lässt sich beinahe jeder Kundenwunsch erfüllen: nach einem persönlichen Schreibgerät genauso wie nach dem mit Firmenemblem gezeichneten Werbegeschenk in 5000er Auflage.

Hier und im Auslandgeschäft liegen die gewinnträchtigsten Märkte des Unternehmens. Von Mai bis Dezember wird ausschliesslich fürs Ausland produziert: 65 Prozent der Gesamtproduktion gehen in 64 verschiedene Länder der Welt. Besonders die Japaner schätzen die edlen Luxusdinge mit der europäisch-Swiss-made-geprägten «C d'A»-Marke.

Dem Zeitgeist folgend, hat die Firma rund eine Million Franken in Umweltschutztechnik investiert: 60 Prozent der Energie werden zurückgewonnen, im Kellergeschoss wird das schmutzige Wasser aufwendig wiederaufbereitet, die Farb- und Lösungsmitteldämpfe werden an Ort und Stelle abgesaugt. Und nach «Schweizerhalle» hat man die Lagerbestände um die Hälfte reduziert.

Um die Zukunft der Firma braucht man sich so lange keine Gedanken zu machen, als Computertasten nicht den völligen Sieg über das allmähliche Formulieren von Gedanken beim Schreiben mit dem Bleistift HB davontragen.


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