NZZ Folio 10/99 - Thema: Panama   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Flaggenwechsel

Von Andreas Heller

Die achtzig Kilometer lange, im Jahre 1914 fertiggestellte Passage am Isthmus von Nord- und Südamerika, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet, ist noch immer eines der spektakulärsten Bauwerke dieses Jahrhunderts. Die Arbeiten am auch als «achtes Weltwunder» bestaunten Kanal zogen sich über zwei Jahrzehnte hin; 50 000 Menschen aus 97 Nationen buddelten in einem mörderischen Klima, unter ihnen auch der Maler Paul Gaugin. «Ich arbeite von 5 Uhr 30 früh bis sechs Uhr abends bei glühender Sonne und tropischem Regen, und nachts fressen mich die Moskitos auf», schrieb er nach Hause. 25 000 Arbeiter kehrten nicht mehr zurück.

Der Panamakanal hat Geschichte und Geschichten geschrieben. Er verursachte Regierungskrisen und Megapleiten. Und er sorgte für Reichtum. Ohne ihn gäbe es keinen Staat Panama, mit ihm begann der Aufstieg der Vereinigten Staaten zur Weltmacht.

Die USA waren die Bauherren des Kanals, und sie blieben mehr oder weniger auch die Herren im Land. Jetzt, 85 Jahre später, am 31. Dezember 1999, werden der Kanal sowie die Einrichtungen der US Army, wie vertraglich vereinbart, endgültig an Panama übergehen.

Der Flaggenwechsel ist für die Panameños ein historisches Ereignis, das naturgemäss hohe Erwartungen weckt. Die Bevölkerung hofft, dass die Kanaleinnahmen - 14 000 Schiffe passieren jährlich die Landenge, die den Seeweg um 8000 Seemeilen verkürzt - künftig gerechter verteilt werden; die grossangelegte Privatisierung der amerikanischen Hinterlassenschaften entlang dem Kanal weckt den Appetit der Investoren, die den strategischen Militärstützpunkt in ein Dienstleistungszentrum sowie in ein Ferien- und Freizeitparadies verwandeln wollen.

Wird Panama zum Singapur der Karibik? Oder wird der Kanal, wie andere befürchten, vergammeln und mit ihm das Land? Für das Land, das nicht mehr länger nur ein Kanal sein will, hat die Zukunft eben erst begonnen. Ein spannendes Experiment am Nadelöhr einer der wichtigsten Handelsrouten.




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