NZZ Folio 04/05 - Thema: Beim Zahnarzt   Inhaltsverzeichnis

Am warmen Bauch

Wie ich mich eines Tages entschloss, meine Zahnarztangst zu beenden, und auf dem Schragen der schönsten Dentalhygienikerin gelandet bin.

Von Mikael Krogerus

Eigentlich sollte ich mal wieder zum Zahnarzt gehen. Seit zwei Jahren hatte ich mir das nun schon vorgenommen; die vorherrschenden Gefühle, die mich vom Besuch abhielten, waren Angst, auch Scham. Scham angesichts der Wahrheit und Angst vor den Konsequenzen. Wie oft hatte ich nicht schon meine ersten Worte geprobt, die ich an den Zahnarzt richten würde: «Ich weiss, ich muss jetzt tapfer sein, Sie aber auch.» Schliesslich ging ich einen Kompromiss mit mir ein und buchte eine Dentalhygiene, eine erste Annäherung sozusagen. Zahnärzte sind irgendwo einzuordnen zwischen Polizisten und Lehrern, sie prüfen, finden Fehler, korrigieren, strafen. Dentalhygienikerinnen hingegen sind gute Feen, sie streicheln einem die Zähne, reden ihnen gut zu, ihr Waffenarsenal ist vergleichsweise harmlos.

Das Summen des Türöffners klang wie ein hochtouriger Bohrer. Ich trat trotzdem ein. «Hallo, ich heisse Marianne.» Eine Frau in Weiss winkte mich herein. Ihre tiefblauen Augen leuchteten zwischen meterlangen Wimpern wie ein schwedischer See in einem Nadelwald; die Haare hatte sie hochgesteckt, den Kopf hielt sie leicht zur Seite geneigt, und bei jedem Lächeln blitzte auf ihrem linken Beisszahn ein Diamäntchen, eine kleine Sünde, die man ihr gern verzieh. Marianne, stellte sich heraus, war eine, echt wahr, schwedische Dentalhygienikerin. Schnell wurden wir handelseinig – 170 Franken. Sie stand auf und bedeutete mir, ihr zu folgen. Marianne trug einen superkurzen Kittel, registrierte ich zwanghaft. Ich rief mich zur Ordnung und trabte brav hinter ihr her in das Behandlungszimmer. «Dann wollen wir mal», sagte sie. Ich brauchte keine Aufforderung, mich hinzulegen. Sie setzte sich einen sperrigen Plastic-Helm auf und klappte das Visier herunter, als wolle sie nicht meinen Zahnstein schleifen, sondern eine Querverstrebung im Rohbau verschweissen.

Mein Kopf lag an ihrem warmen Bauch, ich blinzelte in das grelle OP-Licht. Mit weit aufgerissenem Mund versuchte ich zu lächeln und studierte die konzentrierten Züge meiner DH. Was verriet ihr Gesicht? Es war rein, unberührt wie das eines Kindes. Ihre Lippen bewegten sich kaum merkbar – betete sie? Wie melancholisch sie schaute! Ich wollte ihren Helm streicheln … «Sie benutzen Zahnseide?» Ihre Frage riss mich aus meinen Träumereien. «Ja, momoll», log ich. Drei Falten legten sich auf ihre Porzellanstirn. Ihr Blick sagte alles und ich erst mal nichts. Wie auch, mit dem Mund voller Schläuche.

«Oh!» Marianne schlug ihre zarte Hand vors Plexiglas, es war die Stunde der Wahrheit im Munde der Lügen: «Wir haben ein Loch im Weisheitszahn, wir ziehen den gleich.» Wir? Jetzt ging sie aber zu weit. Ich dachte an Knochensägen und Kostenvoranschläge und klammerte mich an die Armlehne. Nirgends ist man so hilflos wie auf diesem Stuhl. Die Beine höher als der Kopf, die Augen geblendet, der Mund ein Hort düsterer Erinnerungen. Gepresst sagte ich: «Wir haben aber gehört, dass man Weisheitszähne lieber drinlassen sollte.» «Neuerdings wird wieder gezogen», sagte sie. Ich sagte, man müsse ja nicht jeden Scheiss mitmachen. «Neuerdings wird wieder gezogen», wiederholte sie sich, als habe ihr Hirn einen Zugriffsfehler.

Ich muss ausgeschaut haben wie ein Fussballspieler in der Mauer in Erwartung eines Freistosses, denn plötzlich strich ihre Hand über die meine. Unsere Augen trafen sich, und für einen Augenblick schien es, dass sich hinter ihrem kühlen Androidenantlitz etwas Menschliches regte. Ich versuchte verzweifelt ihren Blick festzuhalten, drückte ihre Hand. Vielleicht würde sie einfach das Loch im Zahn vergessen und wir würden uns küssen.

Stattdessen fiel ihr Visier, sie sagte, der Arzt werde sich das Loch nachher mal ansehen und dann entscheiden. Ich verfiel in meine Duldungsstarre, und sie schliff, bis der Arzt kam. Er hiess Momkvist und war der dickliche Bruder von George Clooney, mit Kulleraugen und warmem Zahnarzthändedruck. Ihm gelang das Kunststück, mir fest in die Augen zu blicken und gleichzeitig Marianne zuzuzwinkern. Ich sagte ihm lapidar, Ziehen komme nicht in Frage. «Wie du willst», sagte Momkvist, der Arzt, und setzte mir zwei Spritzen ins Zahnfleisch. Geduzt und gespritzt, schrie ich stumm um. Während ich beunruhigt spürte, wie der ganze Unterkiefer bis zum Hals gefühllos wurde, obwohl doch oben gebohrt werden sollte, begann ein neckischer Dialog zwischen dem Zahnarzt und meiner DH.

«Hey, die Füllung hast du richtig gut angerührt – du kannst das ja.» «Tja … ich kann, wenn ich will.» «Aber willst du denn immer?» Sie kicherte. Ein weher Schmerz zog sich von der Zahnhöhle bis zu meiner innersten Herzkammer. Jetzt deckte mir Doktor Momkvist auch noch den Mund mit einer grünen Folie ab. Ich atmete schwer durch den bitteren Plastic. Lachte da jemand im Hintergrund? Ich wollte sterben. 30 Minuten später erhob ich mich schwerfällig vom Stuhl und wankte aus dem Zimmer wie ein angezählter Boxer. Merkwürdig, wie man seinen eigenen Tod überlebt. Später auf dem Parkplatz sah ich, wie Marianne in einen italienischen Sportwagen stieg, bestimmt zu Momkvist oder einem dahergelaufenen Patienten. Und ich nahm seltsam wohlgestimmt meine zweite Lebenshälfte unter die Füsse, jene, in der man den nächsten Zahnarztbesuch immer wieder hinausschiebt.

Mikael Krogerus ist NZZ-Folio-Redaktor.


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