NZZ Folio 03/00 - Thema: Mode   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Franceso Illys Haus am See

© Christian Känzig
Francesco Illy, Spross der Triester Kaffeehändlerfamilie und Inhaber von Amici-Kaffee, lebt mit Frau, zwei Kindern und dem Hund Pizza in Meggen direkt am Vierwaldstättersee. Linktext
Von Lilli Binzegger

«BIS 1994 HABEN WIR auf der anderen Seite, in Küssnacht, gewohnt, 15 Jahre lang, zur Miete. Dann warfen sie uns hinaus. Wir waren schon lange auf der Suche nach etwas Eigenem gewesen, aber es ist sehr schwierig, hier am See etwas zu finden, und meistens war das Geld zu kurz. 1993 fanden wir glücklicherweise dieses Haus. Es war das Ferienhaus einer Familie mit fünf Kindern, ein richtiges Chuchichäschtli-Haus mit einer Menge Zimmer. Als wir es übernahmen, haben wir es renoviert und sechs oder sieben Räume entfernt. Bei so grossen Eingriffen braucht man schon ein gutes Vorstellungsvermögen, um zu wissen, was man überhaupt machen muss. Da wurden Mauern heruntergerissen, neue Böden gelegt, Türen versetzt.

Wir haben alles so gross wie nur möglich gemacht. Jetzt hat es hier unten einen Salon, das Esszimmer, die Küche und einen kleinen Fernsehraum, oben vier Schlafzimmer und zwei Bäder und ganz oben noch ein Gästezimmer. Im Untergeschoss sind mein Arbeitsraum und ein Fitnessraum, den wir jeweils nach dem Dampfbad benützen. Aussen haben wir das unansehnliche Hellbraun des Verputzes durch ein schönes Gelb ersetzt. Das Haus wurde 1953 gebaut. Es ist genau gleich alt wie ich.

Der Garten endet direkt am See. Im Sommer leben wir fast nur im Freien. Wir essen meistens draussen, im Garten steht auch ein Pizzaofen, und am Wasser haben wir unsere <Flotte>: das Motorboot, bis vorigen Sommer war da auch ein Segelboot, dann das Schlauchboot unseres Sohnes, sein Surfbrett und so fort. Wir haben zwei Kinder, Ernesto, er ist 17, und Vittoria, die nächstens 14 wird. Sie gehen beide in Immensee ins Gymnasium.

Ich habe viele Plätze in der Welt gesehen, aber es war keiner dabei, den ich so schön fand wie den hier. Als Naturfotograf habe ich da eine besondere Sensibilität. Die Lage dieses Hauses ist ganz besonders, schon zwei-, dreihundert Meter weiter ist die Harmonie nicht mehr so perfekt, dann ist vielleicht der Bürgenstock schon zu schwer oder der Rigi zu weit. Nachts, wenn es still ist, hört man alle Wasserfälle von drüben. Und einmal haben wir bei Vollmond etwas ganz Unglaubliches beobachtet. Der beschien zuerst nur das Haus und den Garten, dann erfasste er allmählich den See, auf dem viele Taucherli schliefen. Sobald das Mondlicht sie erreichte, begannen sie zu schreien. Man hörte, wie zuerst nur die nahen und dann die entfernteren und am Schluss bis zur anderen Seeseite alle schrien, so wie sie im Licht des Mondes waren. Ganz mystisch war das.

Dieses Bild ist von Sandro Chia, einem Florentiner, der in New York und in Montalcino lebt. Er ist einer der Repräsentanten der Transavantguardia Italiana. Er ist ein Freund von mir, und ich wollte schon lange ein Bild von ihm haben. Es heisst Il mistero della Rosa. Ich liebe es, obwohl ich es bis heute nicht verstehe. Ich weiss zum Beispiel nicht, ob das ein Macintosh sein soll, in den diese Figur hineinschaut, oder was.

Dass die Möbel so gut zum Bild passen, ist Zufall. Es sind alles Möbel, die meine Frau irgendwo gefunden hat und neu polstern liess. Einrichten ist ihre Leidenschaft. Sie würde das gern zum Beruf machen, aber vorderhand sind noch die Kinder im Haus, und zudem arbeitet sie viel bei mir in der Firma. Sie hat auch unsere Ferienwohnung in Silvaplana eingerichtet. Ferien machen wir sonst meistens mit dem Schiff auf dem Mittelmeer, ich besitze den B-Schein im Segeln.

Ich bin in Triest aufgewachsen. Der Stammsitz der Firma und meine Familie sind immer noch dort, mein Bruder ist Bürgermeister der Stadt. Ich habe in Triest ein Literaturstudium abgebrochen und später in der Schweiz den Marketingleiter gemacht. Mit 26 kam ich definitiv in die Schweiz, meine Frau ist aus Walenstadt. Ich bin Schweizer Bürger, die italienische Staatsbürgerschaft habe ich aufgegeben. Ich fühle mich schon noch auch als Italiener, aber nicht als Triester. An Triest liegt mir nichts mehr. Nur noch reiche alte Leute. Keine Vitalität.

Ich bin sehr viel unterwegs, ich mache mit dem Auto sicher 80 000 Kilometer im Jahr. Neuerdings haben wir noch einen Bauernhof in der Toscana. 54 Hektaren Land plus ein verkommenes Haus. Wir wollen dort Wein und Olivenöl produzieren. Dieses Jahr werden wir die ersten Reben anpflanzen, Sangiovese Grosso, die Trauben, aus denen man Brunello macht, den typischen Montalcino-Wein. Auf Hügeln, die weniger nach Süden ausgerichtet sind, wollen wir es dann mit Pinot noir und mit Merlot versuchen. Wenn das Haus einmal fertig ist, werden wir schon manchmal dort sein. Im Moment könnte nur ein Hund drin wohnen. Es ist nicht so einfach, so eine Sache zum Funktionieren zu bringen, in Italien schon gar nicht. Natürlich würde ich gerne selber Hand anlegen, mit dem Traktor herumfahren, das wäre schon schön. Oder auf meinem schönen grossen Caterpillar, mit dem wir das Gelände planieren, ein Bulldozer, ein 16-Tonnen-Ding! Wunderbar, das habe ich mir schon als Kind erträumt. So was besitze ich, ja! In Sachen Weinbau wird uns Chia beraten, der nicht nur Maler, sondern auch einer der besten Weinmacher der Welt ist. Sein 94er Brunello wird sehr gerühmt.

Wenn ich gezwungen wäre, in einem Zelt zu leben, dann könnte ich auch ein Zelt dazu bringen, dass ich mich gut darin fühle. Aber natürlich sind die wirklich idealen Räume gross. Ich bin praktisch jede Woche im <Four Seasons> in Mailand, und die haben ein Zimmer, die Nr. 115, das ist einfach fabelhaft. 52 Quadratmeter, plus Eingang, plus Bad, plus Garderobe! Und hoch, die richtige Höhe. Da ist der Ausblick schlussendlich fast egal.»


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