«ICH SOLL diesen Raum beschreiben? Ich würde ihn einen hellen Keller nennen. Er liegt im Untergeschoss eines Gewerbehauses aus den sechziger Jahren. Seine hauptsächlichen Farben sind Hellgrün und Weiss. Der Boden ist zurzeit etwas dreckig, er ist sonst grüner. Es ist ein merkwürdiger Raum mit dem Fensterband oben, durch das man den Leuten auf der Strasse unter die Röcke sähe, wenn die Fenster nicht aus Milchglas wären.
Man hört alles, was auf der Strasse vor sich geht: wenn die Kinder draussen vorbeilaufen, wenn sie einander nachrufen. Aber sehen tut man nichts. Darum könnte sich der Raum überall auf der Welt befinden, in Neuseeland oder in Paris oder in Nigeria. Er könnte statt in diesem Zürcher Gewerbeviertel im Kreis 4 auch am Meer stehen. Ich stelle mir das gern vor: dass vor dem Haus etwas ganz anderes ist. Damit kann man Sehnsüchte stillen. Ein bisschen ist der Raum wie ein Terrarium.
Was sonst noch in diesem Haus ist? Über mir sind Bürogemeinschaften aus dem linksalternativen Dienstleistungsbereich. Unter mir ist ein riesiger Keller, dort bringe ich meine Projektoren unter und all die anderen Dinge, die ich für die Videoinstallationen brauche. Hinter der Trennwand in meinem Rücken arbeiten zwei Architektinnen, die hören jetzt alles, was wir hier reden.
Welche Funktion der Raum für mich hat? Ich habe keinen anderen! Ich arbeite und lebe hier. Ich teile zwar an einem anderen Ort im Kreis 4 noch eine Küche und ein Bad mit einem Freund, der früher mein Schatz war. Das Schlafzimmer dort ist aber so vollgestopft mit Kleidern, dass ich gar nicht mehr hinein kann. Schlafen tue ich hier, manchmal schlafe ich auch bei meinem neuen Schatz. Aber ausser den Kleidern und den Videokassetten, die am Schnittplatz sind, habe ich alles, was ich besitze, hier: alle meine Bücher, alle meine Sammlungen. Zum Beispiel sammle ich Verpackungen, unbedruckte Zellophanverpak-kungen etwa von Strümpfen. Ich mag auch Strümpfe, ich gehe gern in Strumpfläden, ich staune gerne über die Frauenkultur. Postkarten sammle ich auch. Ich sammle überhaupt viel.
Stadtgeographisch ist die Gegend etwas bieder. Dafür haben wir den Friedhof in der Nähe mit dem Krematorium und einen botanischen Garten mit einer tollen Architektur, die Stadtgärtnerei. Ich bin an beiden Orten sehr gern.
Ich höre immer den Autolift, es hat zwei Tiefgaragen im Haus. Und ich höre alle Leute, die hier unten tagsüber arbeiten. Mich stört es nicht, wenn die anderen reden, ich habe einen autistischen Zug. Wenn ich lese, können mich die anderen zehnmal etwas fragen, ich merke es nicht. Und in der Nacht, da ist es hier ganz still.
In diesem Raum sieht es immer wieder anders aus. Einmal mache ich eine wahnsinnige Unordnung, und dann räume ich wieder auf. Die Möbel habe ich zum Teil gebraucht gekauft, andere stammen vom Abfall, die Gestelle bekam ich von einer Firma, die Bankrott gemacht hat. Den Glastisch hat der Filmer Samir gemacht. Die Stühle haben zehn Franken gekostet. Der Sessel ist aus dem Brockenhaus.
Die roten Schuhe dort an der Wand gehören meiner Mutter, es hat mir immer so gut gefallen, wenn sie sie angehabt hat. Jetzt sind sie für mich Fetische.
Ich bin vom Land. Ich bin ein Stadtmensch, dem man anmerkt, dass er vom Land kommt. Die vom Land sind die einzigen richtigen Stadtmenschen, weil sie freiwillig hergekommen sind.
Der Puppe, die hinter mir auf der Trennwand sitzt, fehlt der Kopf, weil ich ihn für ein Videoobjekt präpariert habe. Ich habe ein Lämpchen hineinmontiert, damit die Augen leuchten. Der Kopf ist zurzeit in Berlin. 59 weiterer solcher Puppen sind im Keller.
Es ist ein guter Raum, im Winter ist er schön warm und im Sommer schön kühl.
Ich trage nur noch Uniformen. Jene, die am Schrank hängt, habe ich mir in Hamburg gekauft, es ist eine Offiziersuniform der Handelsmarine. Aus Ägypten habe ich eine Polizeiuniform bekommen, von einer Stewardess eine alte Swissair-Uniform. Was ich jetzt trage, zähle ich auch zu den Uniformen, ich habe bloss die Jacke gerade nicht an. Ich besitze sieben Uniformen, für jeden Tag eine, damit ich mir nicht mehr gross überlegen muss, was ich anziehen soll.
Den Schraubenzieher und die Zange auf dem Tisch habe ich gestern zum Installieren benützt. Ich mag Werkzeuge, ich bin von der Handwerkermännerwelt fasziniert. Das Foto von John Lennon, das an der Frauenstatue lehnt, ist ein Original-Sammelbildchen. Ich bin ein klassischer John-Lennon-Yoko-Ono-Fan. Die Statue habe ich in Basel auf dem Abfall gefunden. Sie ruht in sich selbst, ich finde sie extrem schön. Die Gummihandschuhe hängen an der Wand, weil sie orange sind. Orange ist eine so schöne Farbe und gilt als so billig, ich mag sie, auch wenn sie sozial geächtet ist. Aber sie ist auch frisch. Darum sind die Schriftzüge von Supermärkten orange, sie sagen: Wir sind billig und frisch.
Neben den Gummihandschuhen hängt die Todesanzeige eines Freundes. Die beiden Dinge haben ihren festen Platz nebeneinander, so wie manche Dinge in diesem Raum einfach zusammengehören. Man hat mit sich selber so seine Geschichten, man hat seine eigenen Alltagsmythen.
Ich mag diesen Raum. Er ist eine Mischung zwischen dem, was sein muss, dem, was mir gefällt, und dem, was halt gerade so kommt.»