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Schlagschatten -- Oscar Wilde, Dandy im Zuchthaus
Von Wolf Schneider
Tief gestürzt sind viele – kaum einer aber so jäh und dabei so mutwillig wie Oscar Wilde: binnen eines halben Jahres von der Höhe eines bejubelten Komödienschreibers hinab in den Schmutz des Zuchthauses zu Reading.
Auf die Welt kam Oscar Wilde 1854 in Dublin. Auf dem protestantischen Trinity College seiner Heimatstadt brillierte er in Griechisch und Latein und bekam als Examensbester ein Stipendium in Oxford. Und schon dort erklomm er die erste Stufe des Ruhms: In Seide und Samt gekleidet, gefiel er sich darin, sich bald mit dem griechischen Gott Apoll, bald mit Don Quijote zu vergleichen, und von seinen Lippen troffen die Sprüche, die sein Markenzeichen wurden: «Man gebe mir Luxus – auf alles Notwendige kann ich verzichten» oder: «Es gibt nichts auf Erden wie die Hingabe einer verheirateten Frau – ein Umstand, von dem kein verheirateter Mann irgendeine Ahnung hat.»
Als Dandy und bunter Vogel fasste er mit 23 Jahren in der Londoner Gesellschaft Fuss, bald wartete man geradezu auf seine Sottisen: «Das einzige Bindeglied zwischen Kunst und Natur ist ein wirklich gut gemachtes Knopfloch», näselte er oder «Die Liebe zu sich selbst ist oft der Anfang einer lebenslangen Romanze». 1881 nahm das Komponisten-Duo Gilbert und Sullivan ihn zum Vorbild für die Hauptfigur eines Musicals und gewann ihn für eine Werbereise nach New York. Als Alleinunterhalter füllte Wilde die Säle, und das Publikum war hingerissen von seinen schlanken Aphorismen, in blasiertem Oxford-Englisch vorgetragen: «It’s always with the best intentions that the worst work is done.»
Mit 30 heiratete Wilde und bekam zwei Söhne, denen er zunächst ein fröhlicher Vater war. Mit 32 publizierte er seine ersten Märchen und Erzählungen; drei Jahre später, 1890, den phantastischen Roman «Das Bildnis des Dorian Gray»: Der ist ein 20-jähriger Schönling, der sich wünscht, statt seiner möge das Portrait von ihm altern, das ein befreundeter Künstler gemalt hat. Der Wunsch geht in Erfüllung: Die Jugend bleibt ihm, seinem ausschweifenden Leben zum Trotz, unbegreiflich erhalten – das Portrait wird zur Fratze. Da zerschneidet er es wütend, ermordet den Maler und ersticht sich selbst, und unter dem Gemälde eines strahlenden Jünglings liegt ein abstossender Greis. Schon ein Jahr später Wildes anderer Beitrag zur Weltliteratur: die schauerliche biblische Geschichte von Salome, die ihrer Mutter das Haupt Johannes’ des Täufers auf einer silbernen Schale serviert – zu einem Einakter verdichtet, der schwül ist von Gier und Grausamkeit.
Den Gipfel seines Ruhms errang Oscar Wilde mit den vier Gesellschaftskomödien, die er den Londonern zwischen 1892 und 1895 zu Füssen legte: von «Lady Windermeres Fächer» bis zu «The Importance of Being Earnest»; voll von den berühmten Sentenzen: «Ich möchte gar nicht wissen, was die Leute hinter meinem Rücken über mich reden – es würde mich nur eitel machen.» In der Society brüstete man sich, den Autor zu Gast zu haben, und lauschte verzückt den Märchen, die er um ein ihm zugerufenes Stichwort herum erfand, und hätte es «Manschettenknopf» geheissen.
In diesen Jahren des Triumphs hatte Wilde sich in den 16 Jahre jüngeren Lord Alfred Douglas verliebt. Er schrieb ihm schmachtende Briefe, stürzte sich in Schulden und folgte seinem Wunsch, dass sie öffentlich als Paar posierten. Als der Marquess of Queensberry, der Vater des Geliebten, ihn der «Unzucht» beschuldigte, hatte Wilde den Übermut, den Marquess wegen Verleumdung zu verklagen. Winkte da nicht die Chance, ein Mitglied des Hochadels mit unendlicher rhetorischer Überlegenheit öffentlich zu blamieren? Doch der Verteidiger des Marquess legte Briefe vor, in denen Wilde die Rosenlippen seines Liebhabers besang – und so wurde der Kläger zum Angeklagten. Der Richter überschlug sich vor Empörung und verurteilte Wilde wegen Homosexualität zu zwei Jahren Zuchthaus. Sein Besitz wurde versteigert, seine Bücher wurden beschlagnahmt, die Vaterrechte ihm entzogen.
Zuchthaus! «Müde, ganz oben zu sein, ging ich mit klarem Vorsatz in die Tiefe», behauptete Wilde in einem Brief an Douglas, und so sah es 1905 auch Hugo von Hofmannsthal: «Er reckte die Hände in die Luft, um den Blitz auf sich herabzuziehen.» Die Häftlinge litten unter chronischem Durchfall, und in der Zelle stank es so, dass mancher Wärter sich übergeben musste, wenn er aufschloss. Kein Tag der Strafe wurde Oscar Wilde erlassen.
Seine letzten drei Jahre verbrachte er in Frankreich – bettelnd, aufgedunsen und nicht imstande, einen Zahnarzt zu bezahlen. Nur einmal noch erwachte er zu alter Grösse: mit dem Versepos «Die Ballade aus dem Zuchthaus zu Reading». Da müsse einer, wenn er zwei Leben gehabt habe, auch zwei Tode sterben:
For he who lives more lives than one
More deaths than one must die.
Seinen zweiten Tod starb Oscar Wilde am 30. November 1900 in Paris. Als ihm ein Freund ein letztes Glas Champagner kredenzte, soll er gesagt haben: «Ich sterbe, wie ich gelebt habe – über meine Verhältnisse.»
Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).
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