NZZ Folio 03/08 - Thema: Volksvertreter   Inhaltsverzeichnis

Kapitel 7 – Heiser vor der Kamera

© Domagoj Lecher, Zürich
Daniel Jositsch: «Ein Politiker muss sichtbar sein. Linktext
Die Volksvertreter profilieren sich im Scheinwerferlicht der Medien, die politische Knochenarbeit findet hinter verschlossenen Türen statt.

Von Andrea Strässle, Andreas Heller und Daniel Weber

Daniel Jositsch, SP: Noch immer in der Testphase

VIP-Raum ist eine grosszügige Bezeichnung für das Zimmer, in dem die Gäste bei Tele Züri auf ihren Auftritt im «Sonntalk» warten. Ein paar crèmefarbene Lederstühle reihen sich den Wänden entlang wie im Wartezimmer eines Arztes, davor ein Glastisch auf dem dunklen Teppich, in der Ecke eine Kaffeemaschine, ein kleiner Kühlschrank mit kalten Getränken. Daniel Jositsch geht als erster in die Maske gleich nebenan. «¡Hola, buenas tardes!» begrüsst er die spanische Visagistin, die lachend ihre rotbraune Mähne schüttelt. Er ist Stammgast des Zürcher Lokalsenders, und während sie ihm flink mit Schwämmchen und Pinsel das Gesicht pudert, plaudert er in fliessendem Spanisch. «Tengo una voz como Richard Burton», sagt er entschuldigend, vor zwei Tagen war er so erkältet, dass er überhaupt keine Stimme mehr hatte, jetzt ist er noch leicht heiser.

«Vale», entlässt ihn die Visagistin, er kehrt zurück in den VIP-Raum zu seinen Kontrahenten. Heute sind das der Unternehmensberater Klaus J. Stöhlker und der SVP-Nationalrat Hans Fehr. «Machen wir’s uns schwer?» fragt er. «Nein», sagen die andern. Die drei treffen nicht das erste Mal aufeinander, sie unterhalten sich ungezwungen über dies und jenes. Stöhlker legt die Fingerspitzen gegeneinander und sagt: «Die höchste Form der Kommunikation ist das Schweigen.» – «Ich rede nur, wenn ich etwas zu sagen habe», antwortet Jositsch, «aber das ist relativ häufig der Fall.» Lachend erheben sie sich und werden von der Sendeleiterin ins Studio geführt. Jovial begrüsst der Moderator Markus Gilli seinen Gast Jositsch: «Und, Herr Nationalrat, geht’s dir gut?» «Ich bin immer noch in der Testphase.»

Nachdem Daniel Jositsch 2004 den Lehrstuhl für Strafrecht an der Uni Zürich bekommen hatte, wurde er schnell ein Medienstar. Der erste Anruf der Presse galt noch seinem Vorgänger, dessen Telefonnummer er übernommen hatte, aber die Journalisten merkten sofort, dass ihnen hier ein Experte geschenkt worden war, wie sie ihn sich nur wünschen konnten. Jositsch weiss: Bei den Medien muss man schnell reagieren und klar formulieren. Beides ist für ihn kein Problem. Ob Swissair- oder Skyguide- oder Pitbull­prozess: bei allen aufsehenerregenden Gerichtsfällen war er als Experte in den Medien präsent, von «Sonntalk» über «10 vor 10» und «Arena» bis «Club», er gab Interviews am Radio und in Zeitungen. «Ein Jositsch für alle Fälle» titelte die «Neue Zürcher Zeitung», als sie ihn porträtierte.

Diese Auftritte sind Teil seines Berufs: Die Universitätsleitung will, dass ihre Strafrechtler sich öffentlich zu juristischen Fragen äussern. Gleichzeitig hat die Medienpräsenz seiner politischen Karriere gewaltigen Schub verliehen. «Ein Politiker muss sichtbar sein. Und Bekanntheit erlangt man nur durch die Medien», sagt er. Aber man muss auch bereit sein, den Preis dafür zu bezahlen: Kritik und Anfeindungen. «Wenn du die Hitze nicht erträgst, gehörst du nicht in die Küche», zitiert er einen Lieblingsspruch des US-Präsidenten Truman. Heute Abend bei Tele Züri braucht er keine Angriffe zu befürchten. Der Umgangston der Diskussionsteilnehmer ist vor laufender Kamera zwar ruppiger als zuvor im VIP-Raum, und Markus Gillis Fragen sind wie gewohnt aufsässig, aber das gehört zum Spiel. Zum Medienspiel, in dem Politiker sich gern auf einen Schlagabtausch einlassen, um sich dabei zu profilieren.

Andrea Geissbühler, SVP: Der erste Kaktus

Als Andrea Geissbühler vom Dienst nach Hause kommt, liegt auf dem Esstisch ein Paket. «Das ist heute für dich gekommen», sagt ihre Mutter. Sie reisst die Verpackung auf. Zuoberst liegen ein Brief und eine Ausgabe der Westschweizer Zeitschrift «L’Illustré». Darunter kommt ein kleiner Kaktus zum Vorschein, grün mit hochrotem Kopf. Sie überfliegt den Brief, schlägt die Zeitschrift auf und liest auf Seite 6: «Un cactus pour Andrea Geissbühler.» Sie bekommt den Kaktus der Woche wegen eines Interviews, in dem sie die Meinung vertrat, statt die Kinder in die Krippe zu schicken, solle besser ein Elternteil zu Hause bleiben und die Erziehung übernehmen. «Die tun so, als hätte ich gesagt: Frauen zurück an den Herd.» Dabei sagte sie in dem Interview klar, dass es nicht zwingend die Frau sein müsse, die beruflich zurückstecke. Sie streicht den Artikel glatt und sagt: «Aber das wollen die von einer SVP-Frau natürlich nicht hören.» Aufregen mag sich Geissbühler trotzdem nicht. «Zu dem, was ich tatsächlich gesagt habe, stehe ich – und der kleine Kaktus ist doch ganz hübsch.»

Christian Wasserfallen, FDP: Neuer Stil

«Grüessech, Herr Nationalrat», wird Christian Wasserfallen begrüsst, als er den Coiffeursalon Friedhairich in Worb bei Bern betritt. Die formelle Anrede ist nicht ganz ernst gemeint, Sibylle Friederich und Christian Wasserfallen kennen sich von Kindsbeinen an. Sie ist die Tochter seiner Gotte, mehrmals hat sie ihm schon die Haare geschnitten. Diesmal will sie sich besonders Mühe geben. Schliesslich wird ihr Werk am Abend in der «Arena» zu sehen sein.

«Neue Köpfe – neuer Stil?» heisst der Titel der Sendung, und Christian Wasserfallen wird mit Daniel Jositsch, Tiana Angelina Moser und Bastien Girod vorn stehen. Er war schon mehrmals zu Gast in der Sendung. Als er noch im Berner Stadtparlament sass, meldete er sich freiwillig für die hinteren Ränge, die die Parteien mit ambitioniertem Fussvolk zu füllen pflegen. Ein paar Mal klappte es. Aber zu Wort kam er kaum. Heute ist das anders. Tageszeitungen, Sonntagszeitungen, Gratiszeitungen, Illustrierte, Fernsehen, Radio – alle haben über ihn berichtet. Für Fotografen und Kameraleute posierte er auf dem Bundesplatz, vor dem Bundeshaus, in seiner Wohnung, beim Eishockeyspielen. «Ich will mit den Medien politisieren, nicht gegen die Medien.» Am wichtigsten sei, dass man nicht totgeschwiegen werde. «Ich wurde nicht zuletzt deshalb gewählt, weil man meinen Namen kannte.»

Bei den ersten Fernsehauftritten war er noch ziemlich nervös, mittlerweile ist er routinierter. Auf der Zugfahrt von Bern nach Zürich ins Studio erledigt er Büroarbeiten und formuliert dann stichwortartig einige Gedanken, die er in der Sendung äussern will. Er wünscht sich für die FDP ein offensiveres Auftreten, die Abkehr von der politischen Über­korrektheit und hat auch das passende Schlagwort dazu: «Weg vom Kuschelfreisinn.»

Brigit Wyss, Grüne: Lieber im Hintergrund

Brigit Wyss sitzt zu Hause an ihrem Schreibtisch und ringt um eine Formulierung für ihre monatliche Kolumne im «Solothurner Tagblatt». «Eine phantastische Plattform», sagt sie. Seit eineinhalb Jahren greift sie mit Verve in die Tasten, plädiert für erneuerbare Energien und lobbyiert für die lokalen Museen ebenso wie für den Biber, der nur wenige hundert Meter von ihrem Haus entfernt am Aareufer haust. Sie weiss, wie wichtig Presse, Radio und TV für Politiker sind. Doch bisher bemühte sie sich nicht um Kontakt zu Medienleuten. Lieber arbeitet sie im Hintergrund, als sich zum Beispiel einen Platz in der «Arena» zu erkämpfen. «Dort will man nicht Lösungen finden, es geht bloss darum, den eigenen Standpunkt hinauszuposaunen und keinen Millimeter davon abzuweichen», sagt sie. «Das interessiert mich nicht.»

Daniel Jositsch, SP: Die erste Kommissionssitzung

Blendend gelaunt sitzt Daniel Jositsch in der morgens um halb zehn fast leeren Berner Quartierbeiz Marzili und trinkt mit seiner CVP-Kollegin Barbara Schmid-Federer Kaffee. Es ist der 17. Januar, in einer halben Stunde beginnt für die beiden ihre erste Sitzung in der nationalrätlichen Rechtskommission. Barbara Schmid-Federer läge lieber zu Hause im Bett, sie kämpft seit Tagen gegen eine Grippe. Dennoch hat sie den elf Zentimeter hohen Stapel von Unterlagen durchgeackert, den die Kommissionsmitglieder zugeschickt bekamen. Sie, die Romanistin, brauchte länger dafür als der Strafrechtler Jositsch, der in einem Tag durch war. Die Rechtskommission ist die naheliegendste für ihn; dort kann er Gesetze von ihrer Entstehung weg begleiten, was für ihn auch beruflich interessant ist. Darum hatte er die Rechtskommission als erste Priorität in seiner Fraktion eingegeben. Die aber teilte ihn zuerst in die Sicherheitskommission ein, die seine zweite Wahl gewesen war.

Doch Jositsch hatte Glück: Er fand einen ebenfalls neu gewählten Kollegen, der mit seiner Zuteilung in die Rechtskommission unglücklich war und nur zu gern mit ihm tauschte. Nun hat er also, was er wollte, und er strahlt – obwohl er genau weiss, dass er sich heute wieder unbeliebt machen wird. Denn in der ersten Sitzung werden eine Initiative und drei Vorstösse diskutiert, die schärfere Strafen gegen Sexualtäter, vor allem gegen Pädophile, fordern, und da wird er als Befürworter erneut von der Parteilinie abweichen. Wie empfindlich die Kollegen auf abweichende Meinungen reagieren können, hat er in der Session erlebt: Als er und zwei, drei weitere SP-Mitglieder mit der SVP für die Verwahrungsinitiative stimmten – auf der Abstimmungsanzeigetafel deutlich sichtbare andersfarbige Flecken im geschlossenen Lager der Linken –, stürmte Paul Rechsteiner nach vorn, baute sich vor Jositsch auf und herrschte ihn an: «Weisst du eigentlich, was du da abgestimmt hast?!» Worauf er entgegnete: «Ja, Paul, ich weiss genau, was ich da abgestimmt habe. Wahrscheinlich genauer als fast alle hier im Saal.»

Jositsch zahlt und bricht mit Barbara Schmid-Federer auf. Er pfeift vor sich hin, und als sie an einem Coiffeursalon vorbeikommen, deutet er auf seine Glatze und witzelt: «Wie wäre das, wenn ich jetzt da reinginge und sagen würde: Machen Sie mir mal einen Vorschlag!» Es sind nur ein paar Schritte zum Verwaltungsgebäude des Bundesamts für Justiz, in dem die Kommission tagt, einem hässlichen Zweckbau am Fuss des Marzilibähnchens, dem kurz vor 10 Uhr die Kommissionsmitglieder entsteigen und mit ihren Aktentaschen und Rollköfferchen zielstrebig den Bundesrain 20 ansteuern.

Andrea Geissbühler, SVP: Viel lesen

Andrea Geissbühler reibt sich müde die Augen. Es ist Freitagabend, der 18. Januar. Die ersten zwei Sitzungstage der Rechtskommission liegen hinter ihr. Sich als Nichtjuristin in die Geschäfte einzuarbeiten, ist Knochenarbeit. Hauptthema der Sitzungen waren die Volksinitiative «Für die Unverjährbarkeit pornographischer Straftaten an Kindern» sowie parlamentarische Initiativen zum Kinderschutz. Sie ist dankbar für solche Themen, zu denen sie einen gewissen Bezug herstellen kann, das macht die Arbeit leichter. Geht es hingegen um die Zivilprozessordnung oder Bereiche des Obligationenrechts, wird es für sie schwierig. Und es gibt nur eins: «Ich muss lesen, lesen, lesen.»



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