Unter einem vom Feuer brennender Dörfer geröteten Winterhimmel treffen sich A und B. A, eine Frau in mittleren Jahren, klettert gerade aus ihrem Wagen. B ist ein junger Mann, fast noch ein Kind. Er trägt die häufig geflickte, härene Kutte eines Eremiten.
A: Der Krieg lässt sich nicht schlecht an. Bis alle Länder drin sind, kann er vier, fünf Jahre dauern wie nix.
B: Ach Gott! wie ist das menschliche Leben so voll Mühe und Widerwärtigkeit! Das Dorf dort hinten fand ich voller Flammen. Eben ist es ausgeplündert und angezündet worden. Viele Bauern wurden niedergemacht, viele verjagt und etliche gefangen, darunter der Pfarrer. Sie führten ihn an einem Strick daher und schrien: «Schiess den Schelmen nieder!», andere aber wollten Geld von ihm haben. Er hob die Hand auf und bat um Verschonung und christliche Barmherzigkeit, aber umsonst, denn einer ritt ihn übern Haufen und versetzte ihm zugleich eins an den Kopf, davon er alle viere von sich streckte und Gott seine Seele befahl. Und den gefangenen Bauern gings nicht besser.
A: Ja, die armen Leut brauchen Mut. Warum, sie sind verloren. Schon dass sie aufstehn in der Früh, dazu gehört was in ihrer Lag. Oder dass sie einen Acker umpflügen, und im Krieg! Schon dass sie Kinder in die Welt setzen, zeigt, dass sie Mut haben, denn sie haben keine Aussicht. Sie müssen einander den Henker machen und sich gegenseitig abschlachten. Dass sie einen Kaiser und einen Papst dulden, das beweist einen unheimlichen Mut, denn die kosten ihnen das Leben. (setzt sich nieder, zieht eine kleine Pfeife aus der Tasche und raucht) Sie könnten ein bissel Kleinholz machen.
B: Ich will lieber in meine Einsiedelei zurückgehen und für Euer Seelenheil beten.
A: Ich hab aber keine Seel. Dagegen brauch ich Brennholz.
B: Lasst mich in die Wildnis zurückkehren. Mir ist die Lust vergangen, die Welt zu beschauen. Eben haben fünf Bauern einen Soldaten greulich gedrillt, ihm Nase und Ohren abgeschnitten, zuvor aber gezwungen, dass er ihnen den Hintern lecken müsse. Hernach fingen die Soldaten zehn Bauern und beschlossen einhellig, dass ein jeder von den Bauern solches an zehn Soldaten wieder wettmachen sollte. Es ist entsetzlich.
A: Ach was. Ich lass mir den Krieg von niemand madig machen. Es heisst, er vertilgt die Schwachen, aber die sind auch hin im Frieden. Nur, der Krieg nährt seine Leut besser. Wenn man die Grosskopfigen reden hört, führen die Krieg nur aus Gottesfurcht. Aber wenn man genauer hinsieht, sinds nicht so blöd, sondern führn die Krieg für Gewinn. Und anders würden die kleinen Leut wie ich auch nicht mitmachen.
B: Ohnfehlbar sind zweierlei Menschen in der Welt: wilde und zahme, gerade wie bei den Tieren.
A: Je nun. Ein bissel Weitblick und keine Unvorsichtigkeit, und ich mach mitten im Krieg Gewinn und gute Geschäft.
B: Habt Ihr etwas zu essen? Mein ganzer Hausrat samt meinem armseligen Gartengewächs, das ich den Sommer hindurch gezogen und vom Maul erspart habe, ist fort.
A: Zahlen kannst du nicht? Kein Geld, kein Schnaps. Wir sind Geschäftsleut. Ich bin durch die ganze Welt gekommen mit meinem Wagen. Manchmal seh ich mich schon durch die Höll fahren und Pech verkaufen oder durchn Himmel, Wegzehrung ausbieten an irrende Seelen. A lässt B stehen, spannt sich vor den Wagen und zieht ihn weg.
Wer und wer? A ist die Titelheldin aus Bert Brechts «Mutter Courage und ihre Kinder» (1939); B ist der Titelheld aus Grimmelshausens «Der Abenteuerliche Simplicissimus» (1668)