IM VERGLEICH mit dem, was man heute über die russische Mafia oder die chinesischen Triaden zu lesen bekommt, nimmt sich die gute alte Cosa Nostra schon beinahe wie ein folkloristischer Verein mit etwas eigenwilligen Sitten aus. Zum Beitritt genügen noch ein paar Tropfen Blut auf ein Votivbild der heiligen Rosalia, Schutzpatronin Palermos. Bei den Chinesen dagegen darf es bereits schon mal ein Fingerglied sein, und von den Russen wollen wir lieber schweigen. Geradezu sympathisch sind uns Al Capone und seine famiglia aber wegen ihrer hedonistischen Seite: Wer wünschte sich nicht, einmal an einem dieser grossen Gelage teilzunehmen, wie sie Coppola unvergleichlich in seinem Film «The Godfather» auf die Leinwand gebannt hat?
Manche der Millionen Italiener, die im vorigen und in diesem Jahrhundert über den grossen Teich auswanderten, gebärden sich tagsüber wie aufrechte Amerikaner, verschlingen Hamburger und Hot Dogs und schlürfen Coke in einer Temperatur knapp über dem Gefrierpunkt. Sobald sie jedoch abends nach Hause kommen, regredieren sie flugs um zwei, drei Generationen, indem sie zärtlich die mamma umhalsen und ihr im Dialekt eines Kaffs aus dem Hinterland von Trapani von den Fährnissen des Tages berichten. Dafür werden sie mit einer cena belohnt, die vielleicht die eine oder andere Konzession an god's own country erahnen lässt, aber ihrem Wesen nach so sizilianisch ist, wie es die Nippes auf dem Fernseher sind.
Wer nicht über einen solchen guten Hausgeist verfügt, der wird in Joe Cipollas «Mafia Kochbuch» alles Wissenswerte über die italo-amerikanische Küche finden, oder akkurater, über die siculo-amerikanische, denn eine Fleischsauce «Santa Rosalia» mit viel Knoblauch und Kräutern wird kaum padanischen Töpfen entstammen.
Damit er dem Klischee vom schiesswütigen Mafioso gerecht wird, ist der kleine Band mit einem rotumrahmten Durchschuss geziert, der auf jeder Seite in einem dekorativen Blutspritzer seine Entsprechung findet. Gerade richtig für die kurzen Pausen, die man beim Kochen sonst nur allzu gerne mit der Degustation der zum Essen vorgesehenen Weine überbrückt, würzt Cipolla seine Rezepte mit Anekdoten über die Mafia und bricht somit zum höheren Lob der heimischen Küche für einmal die Omertà, das Gesetz des Schweigens. Um dem Namen «Mafia-Kochbuch» gerecht zu werden, tragen manche Gerichte auch einschlägige Bezeichnungen, so die «Cannoli Capofamiglia», «Al's Caponata» oder das Täubchen «Lupara», das in seinem Namen auf jene abgesägten Schrotflinten hinweist, die zu den Lieblingsspielzeugen jedes Mafioso gehören.
Dass die Norditaliener die Sizilianer als Afrikaner, als Araber, wenn nicht gleich als Affen bezeichnen, hat kulinarisch eine gewisse Berechtigung. Denn wie die Araber schätzen die Sizilianer Rosinen auch in salzigen Gerichten, und das süss-saure Kaninchen gehört zu den unvergesslichen Delikatessen. Bei solcher Kost verwundert es wenig, dass die Paten der Cosa Nostra langsam träge und unvorsichtig wurden und, falls sie nicht schon abrupt das Zeitliche gesegnet hatten, in Unterkünfte umsiedeln mussten, wo die Verpflegung wohl nicht ganz dem familiären Standard entsprach.
Joe Cipolla: Das Mafia-Kochbuch, Verlag W. Hölker, Fr. 12.80.