WER ANGESTRENGT nachdenkt, dem raucht der Kopf. Dieser Redensart, in der das Verb «rauchen» die Bedeutung von «dampfen» behalten hat, steht die Überzeugung gegenüber, dass Pfeifenraucher als gemütliche Menschen eher einen kühlen Kopf bewahren. Kein Wunder! Sie lassen in einer Art von symbolischer Kompensation andere Köpfe rauchen: Pfeifenköpfe. Es gab eine Zeit, in der dies noch evident war, da viele Pfeifen menschliche Züge trugen. Im 18. Jahrhundert kam die Mode der anthropomorphen Pfeifenköpfe auf und wurde im 19. Jahrhundert geradezu zur Manie. Mit Tabak zu füllende Menschenköpfe wurden in verschiedenen Materialien hergestellt: Meerschaum, Holz, Bruyère, Ton, Porzellan, Elfenbein, Silber. Künstlerische Höhepunkte sind die menschlich geformten Meissner Porzellanpfeifen oder die fein ziselierten Meerschaumköpfe aus Wien.
Mit dem Kopf vor dem Kopf demonstrierten die Rauchenden gern ihre Gesinnung. In Frankreich rauchte man Voltaire, Robespierre, Napoleon oder Victor Hugo, in Deutschland mit Vorliebe Bismarck. In Italien hielt man sich an Garibaldi, Victor Emmanuel II. oder Pius IX.; Engländer wiederum bevorzugten Shakespeare, und die Schweizer konnten sich den Qualm durch General Dufours Haupt ziehen. Wenn heute jemand nicht berühmt wird, weil sein Gesicht nicht im Fernsehen erscheint, so waren im 19. Jahrhundert all jene ein Niemand, deren Physiognomie nicht als Pfeife auf den Strassen herumgetragen wurde. Es gab Fabriken, die sich speziell auf die «têtes de pipes» verstanden.
Die bekannteste in Frankreich war Gambier in Givet, die Tonpfeifen produzierte und in ihren besten Jahren um 1870 über 600 Angestellte beschäftigte. Von Homer über Luther, Katharina von Medici, Rubens und Rembrandt bis hin zu lokalen Politgrössen konnte man hier jede Zelebrität in Kleinformat erwerben - selbst Luzifer und Christus. Letzterer dürfte die seltenste Fasson darstellen, denn die Produktion wurde wegen mangelnden Erfolges wieder eingestellt. Der Zielgruppe der Gläubigen hat es wohl widerstrebt, den Sohn des Höchsten in effigie zu verbrennen. Tatsächlich entbehrt die Vorstellung, einen menschlichen Kopf mit Tabak vollzustopfen und anzuzünden, nicht einer makabren Seite. Der Gedanke an Analogiezauber könnte aufkommen.
Ein wohliges Kribbeln dürften jene Engländer verspürt haben, die aus einer Tischpfeife mit den Zügen von George III qualmten - subtile Rache für dessen hohen Tabaksteuern. Bei den Pfeifenköpfen gibt es die ausgefallensten Dinge, zum Beispiel eine italienische Tonpfeife, die gleich zwei Gesichter zeigt: Garibaldi und Christus. Bis heute ein Erfolg ist das Pfeifenpaar mit Sherlock Holmes und Dr. Watson. Übrigens: Viele der Kopfpfeifen von Gambier haben stechende Medusenaugen; vielleicht ein probates Mittel gegen den bösen Blick der Nichtraucher.