MIR SAGT MEINE MUTTER, während ich auf das Taxi warte: Der Herr Müller ist an einem Hirnschlag gestorben. Im Juni, sagt sie.
Ich schaue auf die hohen Sonnenblumen im gegenüberliegenden Garten. Es hat auf ihr Gesicht geregnet. Zwischen ihnen und der Glastür, erinnerst du dich, sage ich meiner Mutter, sind die Müllers im frühen Frühling gestanden, als suchten sie etwas, so habe ich sie ertappt, zögerlich vor unserem Haus auf und ab gehend, ja, zögerlich, die beiden Riesen. Denn Agathe und Wilhelm, unsere Nachbarn aus der Seminarstrasse in den fünfziger Jahren, waren so gross, als hätten sie sich durch eine Annonce kennengelernt, aus Furcht, allein zu bleiben mit dieser fast unakzeptablen Grösse.
Weisst du, sage ich der Mutter: Ich habe die Tür aufgerissen, und die beiden sind aufgeschreckt, ertappt bei ihrer Suche nach etwas für sie noch Unbestimmtem.
Uns wollten sie wiedersehen, nach vierzig Jahren.
Ich habe sie sofort erkannt, die Müllers. Wie zwei verlängerte Schatten, die aus dem Asphalt hochgeklappt wurden. Hier wohnen wir, habe ich gesagt, guten Tag.
Ihr Blut ist gleichzeitig in ihre Köpfe geschossen; so verlegen waren sie, weil ich sie sofort erkannt hatte. Sie hielten beide die Hände unter dem Bauch gefaltet, lange müde Hände, und die Jahre hatten wohl ihre Länge leicht gebogen.
Scheu sind sie wie Blinde in das Wohnzimmer getappt, und bei jedem Schritt haben sie gesagt: Entschuldigen Sie, wir sind auch bald weg.
Herr Dr. phil. Wilhelm Müller und seine Frau haben Platz genommen auf Stühlen, und jetzt sahen sie selber wie grosse Stühle aus, so grad, artig und unbequem, wie sie sassen.
Zu reden gab es wenig, und das Staunen über die vergangene Zeit ergab mehr Grunzen, Laute und Achs als wirkliche Sätze.
Agathe trug denselben Zopf wie vor vierzig Jahren. Er sah aus wie von sehr fester Konsistenz: Steinzopf, Marmorzopf, Eisenzopf. Die Backen: rot-violett. Unter der Röte die violetten Äderchen. Sie lächelt wie eine Heilige in einem Bild von Lukas Cranach. Scham und Alter.
Hast du mir erzählt, dass sie hin und wieder in die Klinik muss, weil sie manisch-depressiv ist?
Wir haben Tee getrunken. Nie haben sie sich zur Tasse gebückt. Die Tasse schwebte hinauf zu ihren Lippen in einem Bogen, wie die Sessel eines Riesenrads.
So, sagte Herr Müller. Ich weiss, dass dieses Wort eine Zeiteinteilung bedeutet.
Der Wille aufzubrechen blieb im langen Körper stecken.
Lange Zeit, sagte seine Agathe.
Wir sind älter, doch dieselben, dachte ich. Wenn ihr Sohn Georg jetzt da wäre, würde ich mit ihm spielen. Wir haben zwei Radios auseinandergenommen, um gegen die Kindheitslangeweile anzukämpfen. Er wuchs auch pappelhoch, der Georg; als wollte er mich nie mehr sehen.
Lange Zeit mit und ohne Freude, sagte noch Agathe.
Es wurde traurig zwischen uns.
Noch Tee? Mein Vater stand auf.
Herr Müller auch: mit einem Anfang von Aufstehen und einem Ende, wie er stand.
Wir müssen.
Ja, wir müssen.
Frau Müller sass noch, in der vergangenen Zeit versunken, sie suchend. Sie schien mit ihrem Kopf Halbkreise zu drehen, als hätte er sich vom Genick losgelöst.
Ihn sah ich in seiner eigenen Wohnung mit einer Hand die Flurdecke berühren.
Auch Frau Müller fing an, sich zu erheben. Wir haben sie nicht zurückgehalten, weil so lang vergangene Zeit ratlos stimmt.
Auf der Strasse vor unserem Haus standen sie vis-à-vis von den zwei Sonnenblumen. Zu viert hätten sie tanzen können.
Sich drehend, immer schneller, immer schneller die Strasse hinunter. Die Sonnenblumen hätten sie vor der Strassenbahn verabschiedet.
Adieu! Adieu!
Im Spätfrühling, sagst du mir, ist der Müller am Hirnschlag gestorben.