Dennis C. Turner, Dr. sc. nat., 1948 in den USA geboren, ist Lehrbeauftragter für Heimtier-Ethologie an der Universität und der ETH Zürich sowie Direktor des Instituts für angewandte Ethologie und Tierpsychologie in Hirzel ZH, von wo aus er mit seinen Mitarbeitern weltweit tätig ist. «Auf die Katze» kam Turner, als er 1982 ein neues Forschungsthema suchte - er hatte soeben ein Projekt in der Wildforschung abgeschlossen - und in einem Moment des Überlegens seine Katze unter dem Küchentisch hervorkam und miaute. Da machte es bei ihm, dessen Präferenzen als Verhaltensforscher bei den Raubtieren lagen, «klick!», und er wusste: das war sein Löwe. Denn trotz der ausgezeichneten Arbeit des Deutschen Paul Leyhausen schien es ihm an der Katze noch viel Unergründetes zu geben. Neben der Mitwirkung in Fachgremien hat Turner zwei Bücher geschrieben, das wissenschaftliche Standardwerk «Die domestizierte Katze» und das anwendungsorientierte Buch «Das sind Katzen». Seit Oktober gibt er ferner einen Newsletter über die Mensch-Heimtier-Beziehung heraus. (Alles bei I.E.T., Postfach, 8816 Hirzel.)
Sind Katzen, Herr Turner, intelligent?
Das kommt auf die Begriffsdefinition an: die Katze muss blitzschnelle Entscheidungen treffen, zum Beispiel, ob sie ein Beutetier packen oder ob sie es überspringen und auf ein besseres warten soll. Das erfordert schon eine gewisse kognitive Leistung.
Intelligenz wird bei Menschen auch mit Lernfähigkeit gleichgesetzt. Hunde kann man dressieren, während Katzen nicht sonderlich lernwillig wirken.
Die Katze ist sogar sehr lernfähig, ist sie doch einer der besten Beobachter, die es überhaupt gibt. Katzen müssen nur ein einziges Mal einen Artgenossen dabei beobachten, wie er die Türfalle drückt, und sie können es auch. Das Problem ist, die Katze zum Lernen zu motivieren. Mit Strafen geht da überhaupt nichts, nur mit Belohnung. Und sie sind zu nichts zu bewegen, was für sie unnatürlich ist.
Wie kann man denn aber eine Katze wenigstens notdürftig erziehen?
Mit einem scharfen Nein kann man ihr schon das eine oder andere abgewöhnen. Gerade bei Katzen ist man aber gern inkonsequent, was den Eindruck entstehen lässt, dass sie nicht lernfähig sind. Das Problem mit der Strafe ist, dass das Tier sie mit der bestrafenden Person und nicht mit dem Fehlverhalten assoziiert.
Sind Katzen nachtragend?
Sie haben ein ausgezeichnetes Gedächtnis! Sicher ist, dass das Tier, nachdem es beleidigt worden ist, ein Weilchen verstreichen lässt, ehe es wieder mitmacht.
Katzen können sehr unterschiedlich sein: anhänglich, offensiv oder abwartend und defensiv. Hat das stets mit schlechten Erfahrungen zu tun?
Entscheidend für das Verhalten sowohl Artgenossen als auch Menschen gegenüber sind die ersten sieben Lebenswochen, ist die Phase der Sozialisation. Wenn eine Jungkatze während dieser Zeit viel Kontakt zu Menschen hat, wird sie später anhänglich sein; wenn nicht, dann wird sie den Menschen gegenüber wohl scheu und misstrauisch bleiben. Sie kann zwar umgestimmt werden, aber es braucht viel Geduld. Eine Katze, die früh im Leben viel und guten Kontakt zu Menschen hatte, verkraftet hingegen später einiges an negativen Erfahrungen.
Wie kommt es, dass zwei Geschwister manchmal völlig unterschiedlich sind?
Die wechselseitige Beziehung zwischen Katze und Mensch ist sehr individuell: Die Katze passt sich dem jeweiligen Menschen an und umgekehrt, und beide belohnen einander für dieses Verhalten. Die Bereitschaft jedes der beiden Partner, die Interaktionswünsche des andern zu erfüllen, lässt sich übrigens messen. Wir haben über 200 Mensch-Katze-Beziehungen verglichen und festgestellt, dass diese Bereitschaft bei Mensch und Katze ungefähr gleich hoch ist. Und je häufiger der Mensch die Interaktionswünsche der Katze erfüllt, desto eher erfüllt die Katze zu anderen Zeitpunkten jene des Menschen. Das ist ein Geben und Nehmen, eine wirklich partnerschaftliche Beziehung.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Fellfarbe und Wesen der Katze? Sind schwarze Katzen anders als rote?
Wir haben darüber soeben eine grossangelegte Studie in Zusammenarbeit mit einer Tierzeitschrift gemacht, und es haben sich keine Anhaltspunkte dafür ergeben. Das hat mich erstaunt: ich war überzeugt, rote Kater seien extrovertierter als andere, und zwar aus eigener Erfahrung mit mehreren Katzen.
Woher kommt überhaupt die grosse Farb- und Mustervarietät?
Das ist eine Frage der Genkombination. Die rund 20 Gene, die Farbe, Muster und Haarbeschaffenheit bestimmen, lassen eine Vielzahl an Kombinationen zu, wobei einige Farbkombinationen geschlechtsbedingt sind, rote Katzen sind meist männlich, dreifärbige fast ausnahmslos weiblich. Man hat Katzen seit ihrer Domestikation vor etwa 3500 Jahren stets auch nach Vorlieben gezüchtet, in Farben und Mustern, die man als schön, als interessant empfand. Zum Glück haben Farbzüchtungen keine Konsequenzen auf die Überlebensfähigkeit - im Gegensatz zu modischen Züchtungen wie etwa der Faltohrkatze, die anfällig auf Ohreninfektionen ist, oder jenen armen Persern, die mit ihren eingedrückten Näschen kaum mehr Luft bekommen. Die Züchterverbände sollten hier Richtlinien erlassen, die das Tier vor Deformationen schützen und auch seine Würde wahren.
Die Katze hat sich trotz allen menschlichen Eingriffen viel Wildes bewahrt: könnte sich eine Hauskatze noch mit einer Wildkatze paaren?
Ja, und es kommt vor, wenn auch ganz selten, weil die europäische Wildkatze sehr rar und sehr scheu ist. Und es gibt sogar fortpflanzungsfähige Jungtiere aus dieser Kreuzung.
Haben Hauskatzen und Löwen die gleichen Vorfahren?
Ja, aber das liegt sehr weit zurück. Die Gross- und die Kleinkatzen haben sich früh, vor mindestens 45 Millionen Jahren, voneinander abgespalten.
Ist die Hauskatze älter als der vom Wolf abstammende Haushund?
Der Hund wurde viel früher domestiziert als die Katze, vor etwa 11 000 Jahren. Darum gibt es unter den Hunden eine so grosse Formenvielfalt. Der Mensch hat ihn für die verschiedensten Zwecke domestiziert: zur Jagd, zum Apportieren, als Hüter usw., während die Katze lange Zeit praktisch ausschliesslich als Mäuse- und Rattenvertilgerin gehalten wurde.
Die Ägypter haben sie aber doch auch schon verehrt?
Die Ägypter waren ziemlich grausam zur Katze! Sie haben sie in ihren Tempeln als Opfertiere gezüchtet und sie einen gewaltsamen Opfertod sterben lassen. Wir sind zu Katzen heute sicher netter als die Ägypter. Klar, sie hatten die Katzengöttin, aber sie hatten noch eine Menge anderer Götter.
Katzen gelten als von Frauen bevorzugte Schosstiere. Wie erklärt man das?
Die Katze selber hat an sich keine bevorzugten Partner, sie behandelt Männer, Frauen, Knaben und Mädchen gleich. Doch reden Frauen mehr mit Katzen, und so reden Katzen auch mehr mit Frauen. Frauen und Mädchen gehen im Kontakt mit Katzen zum Beispiel auch viel öfter in die Knie, also mit dem Gesicht auf die Höhe des Tieres, während Männer und Knaben eher steifbeinig die Hand nach ihm ausstrecken. Ich glaube, das ist eine Angelegenheit der Gefühle. Zum Glück lernen allmählich auch die Männer, Gefühle zu zeigen und anzunehmen. Nicht zutreffend ist, dass Heimtiere Kinderersatz sind, wie es oft heisst. Die Statistiken zeigen, dass der weitaus grösste Teil der Heimtiere in Familien mit Kindern lebt.
Was unterscheidet den Katzenfreund vom Hundefreund?
Die Vorliebe für gewisse Eigenschaften. Ich zum Beispiel habe aber beide, Hund und Katze, sehr gern. Fest steht, dass der Hund eher kommunikativ, rational, durchschaubar, gehorsam und treu ist und die Katze als irrational, erotisch, eigenwillig, unabhängig und ursprünglich gilt. Doch gibt es auch Katzen unter den Hunden und umgekehrt. Die Siamkatze etwa ist der Hund unter den Katzen.
Wie ist es mit der klassischen Feindschaft Hund - Katze?
Man kann Hunde und Katzen bestens aneinander gewöhnen; es gibt da sehr freundschaftliche, ja zärtliche Beziehungen. Sie müssen einander einfach verstehen lernen, weil sie unterschiedliche Körpersprachen haben: Schwanzwedeln beim Hund etwa bedeutet Freude, während eine Katze, die mit dem Schwanz schlägt, damit ihren Missmut mitteilt.
Oft hat man den Eindruck, Katzen könnten Gedanken erraten. Verfügen sie über einen siebten Sinn?
Die Sinne der Katze sind wohl einfach viel schärfer. Zum Beispiel hört sie sehr viel besser als wir und ist darüber hinaus sehr empfindsam für alles, was um sie herum vorgeht, und so ist es kein Wunder, wenn sie vor uns merkt, wenn sich jemand der Haustüre nähert, oder auch ein Erdbeben spürt. Die Chinesen setzen Katzen sogar für die Erdbebenfrühwarnung ein.
Täusche ich mich, wenn ich den Eindruck habe, die Katze miaue und schnurre fast nur im Kontakt mit ihren Jungen oder mit Menschen, kaum aber mit anderen erwachsenen Katzen?
Genau das scheint die Untersuchung eines Linguisten und eines Verhaltensforschers, die zurzeit läuft, zu bestätigen. Es ist aber angelerntes Verhalten: wir reagieren, wenn die Katze miaut oder schnurrt. Sie mag das und versteht es daher als Belohnung.
Gibt es nicht auch in der Psychotherapie Experimente mit Katzen?
Ja, es gibt da sehr schöne Erfolge. Tiere - es kann auch ein Hund sein - können in der psychotherapeutischen Praxis zweierlei Aufgaben wahrnehmen: als «Eisbrecher», man kann über das Tier reden, oder als «Dritter», den man in die Therapie mit einbezieht.
Es heisst, eine Katze zu streicheln sei gesund. Gibt es da Untersuchungen?
Tatsächlich können Heimtiere zum Beispiel die Cholesterinwerte und den Blutdruck signifikant senken oder auch die Anfälligkeit für Kopfweh mindern, allerdings nur, wenn eine Beziehung zum Tier besteht. Übrigens würden wir - auf etwas anderer Ebene - gerne untersuchen, ob ein Tier nicht auch die Sozialdynamik in einer Familie ändern kann. Ich teile nämlich die Ansicht nicht, der Umgang mit Tieren sei ein Ersatz für zwischenmenschliche Beziehungen, sondern glaube, dass sich über den Kontakt zum Tier die zwischenmenschlichen Beziehungen mehren und bessern lassen.
Übernehmen die Katzen denn nicht einfach die Neurosen der Menschen?
Nein. Sie merken zwar, was in uns vorgeht, und reagieren darauf; wenn einer schlaflos durch die Wohnung tigert, ist die Katze sicher auch unruhiger als sonst. Das heisst aber nicht, dass sie Neurosen übernimmt.
Was wüssten Sie gerne über die Katze, was Sie nicht wissen?
Vieles! Zum Beispiel den Zweck der Zusammenkünfte von Katzen vor allem bei Vollmond, wenn sie in einem grossen Kreis mit Sichtkontakt beieinandersitzen und genauso mysteriös zwei, drei Stunden später auseinandergehen. Wir verstehen es nicht. Um Paarung geht es nicht, vielleicht ist es zur Kontrolle, wer alles im Quartier lebt. Aber es ist auch schön, dass wir nicht alles über die Katze wissen.