VOR EIN PAAR MONATEN habe ich einige harte Worte über das jüngste Parfum von Guerlain und über den Umgang der neuen Besitzer LVMH mit dieser altehrwürdigen Firma verloren (NZZ-Folio 9/03). Ich sollte öfters gehässig sein. Seitdem erhalte ich nämlich jeden Monat ein bis zwei üppige Päckchen von der PR-Abteilung von Guerlain. Ich öffne sie jeweils mit spitzen Fingern, aber sie enthalten stets völlig harmloses Badeöl oder Gesichtspuder, den ich an meine Kinder weitergebe.
Nicht so beim letzten: Darin fand sich eine Pressemappe und eine Duftprobe zur Lancierung von Shalimar Light. Einen Augenblick lang hielt ich das Ganze für einen Aprilscherz. Hatte ich nicht um dieselbe Zeit vor einem Jahr anlässlich der Einführung desselben Dufts bereits überschwängliche Besprechungen verfasst? Markteinführungen sind nicht billig, weshalb also zwei davon? Ich war so neugierig geworden, dass ich die Pressemappe öffnete und sogar darin las.
In diesen Unterlagen wird einem erklärt, dass Mathilde Laurent «mit ihrer herrlichen und betörenden Variation des ursprünglichen Dufts (gemeint ist Shalimar) vergangenes Jahr für grosse Aufregung gesorgt» habe. Das ist richtig. Mathilde Laurent, die neue Parfumeurin des Hauses, besitzt eine treue Anhängerschaft und hat unter anderem das unwiderstehliche Pampelune sowie das umwerfende Guet-Apens (Weihnachten 1999) geschaffen, ein Parfum, das einen sofort ins Vertrauen zieht und für das ich barfuss über glühende Kohlen gehen würde.
Was also ist neu an dem neuen? Die Presseabteilung meint, dass uns «Jean-Paul Guerlain 2004 mit einer strahlenden und heiteren Neuinterpretation bezaubern wird». Das machte mich ganz verzagt, weil es bedeutete, dass man das Original aus dem Verkehr ziehen würde. Dann roch ich am Flacon, und fast alle meine Sorgen lösten sich in Luft auf wie der Alkohol auf dem Duftstreifen. Jean-Paul Guerlain hat seiner jüngeren Kollegin das grösstmögliche Kompliment gezollt, indem er ihr Werk nicht verhunzte.
Der neue Duft ist ein wenig heller im Kopf, ein wenig dünner im Herzen, aber im Grunde dasselbe Parfum, nur ein bisschen schlechter. Selbst der ver lässliche Gaschromatograph, der neben meinem Schreibtisch vor sich hinbrummt, spuckte dieselbe Antwort aus, als ich ihn mit den beiden Düften fütterte: sehr ähnlich.
Offensichtlich sollte hier niemand für dumm verkauft werden, schon gar nicht die armen Seelen, die den Pressetext zu schreiben hatten. Sie stellten dem Text eine Gedichtzeile von Verlaine voran: «Dasselbe und doch irgendwie anders.»
Was ging hier ab? Ich rief die PR-Abteilung von Guerlain an und fragte, warum Mathilde Laurent (die derzeit auf Mutterschaftsurlaub ist) aus dem Duft hinauskomplimentiert worden sei. Die Antwort lautete: Das Parfum sei durch Jean-Paul Guerlain «optimiert» worden.
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