WER VOM ZUNEHMENDEN ALTER auch zunehmende Weisheit erwartet, wird oft genug enttäuscht. Ähnlich ist es mit den modernen Zeiten, in denen wir leben. Aus einer gewissen Ratlosigkeit heraus hat man der Moderne, kaum dass sie eingeläutet wurde, gleich die Postmoderne nachgeschickt, die alles nur noch ungeordneter und ungenauer erscheinen lässt. Das moderne Ich, eine imposante, zumeist auch körpergestählte Figur, weiss enorm viel über sich, zumindest weit mehr als seine Vorgänger, und doch ist es in eine Ratlosigkeit abgesunken, die den Mut zu leben, dem früher noch ein ähnlicher Respekt wie der Weisheit widerfuhr, immer schwerer macht.
In der neuen Unübersichtlichkeit kommt am besten zurecht, wer die Gabe besitzt, locker zu bleiben und den Durchblick zu bewahren. Eine solche Gabe kann sogar als Begabung begriffen werden; der Erfolg, der ihr beschieden sein mag, wird sich, möglicherweise, als imposante Funktionstüchtigkeit erweisen, die Karrieresprünge erlaubt.
Mit den grossen Gedanken, die der Gabe als eindrucksvoller Geste einst beratend und deutend zur Seite standen, scheint es erstmal vorbei zu sein. Heute ist die Gabe vom Ruch des Besonderen, vom Rang gar einer göttlichen Mitgift, weitgehend befreit. Nicht mal die erwähnte Begabung, die dazu verhelfen kann, aus dem Massenaufgebot lebenserfahrener Laiendarsteller auszubrechen, rechnet sich noch. Denn es gibt keine Garantien mehr, schon gar nicht für Anmassungen, die sich zurückführen liessen auf das altehrwürdige Ideal einer Persönlichkeitsentfaltung, in welcher der einzelne sich selbst als Gabe des Himmels, als Geschenk gar für den Eigenbedarf missverstehen darf.
Was Geben und Nehmen angeht, so ist dies zu einem Prozess geworden, der in den Bahnen des Selbstverständlichen verläuft. Es wird viel gegeben, und es wird noch mehr genommen. Davon Aufhebens zu machen lohnt sich nur dann, wenn ein paar der Beteiligten etwas zuviel Fahrt aufgenommen haben: So ist es sehr wohl der Rede wert, wenn ein Wohltäter heutzutage masslos wird beim Verteilen von guten Gaben. Man bestaunt entweder seinen ganz unzeitgemäss anmutenden Altruismus oder geht bereitwillig den Verlautbarungen nach, die er selbst in die Welt gesetzt hat - tue Gutes und rede darüber. Der Grundsatz mutet modern an, kann sich aber schon auf biblische Schützenhilfe berufen: «Also lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen» (Matthäus 5,16).
Der Rede wert ist auch die Masslosigkeit, die sich auf die Seite des Nehmens bezieht: Man beklagt den Verfall der dem Eigentum gewidmeten Sitten, die sich in einer Waren-Überproduktion anscheinend nicht mehr recht durchhalten lassen. Wo die Gaben inmitten der Produkteströme immer unkenntlicher werden oder selbst nur noch als Waren auftreten können, gilt die Entwendung verfügbarer Güter bestenfalls als Delikt, von dem sich, bitte schön, nur noch der unmittelbar Geschädigte in Aufregung versetzen lassen soll.
Die Achtlosigkeit, mit der Geben und Nehmen aufeinander bezogen werden, zeigt sich denn auch im Mass des Gleichgültigen, das prägend geworden ist für den Vorgang der Hinnahme, den wir, ob wir nun Beschenkte sein mögen oder Bestrafte, an die Stelle der eigenen freien Reaktion gesetzt haben. Die Redewendung «Geschenkt!», die man gern mit einer wegwerfenden Handbewegung begleitet, macht deutlich, welcher Stellenwert der Gabe mittlerweile zugemessen wird: Sie fällt nicht mehr auf, muss in der Regel weder besprochen, bedacht, ja nicht einmal registriert werden.
Auffällig bleibt die Gabe nur dann noch, wenn man sie, gemäss ihrer ursprünglichen Bestimmung, mit ungewöhnlichem Beiwerk versieht. Das muss kein exquisites Geschenkpapier sein, sondern kann, in aller Schlichtheit, auf eine persönliche Zuwendung verweisen, in der sich die emotionale Bindung zu erkennen gibt - eine Ahnung von Liebe vielleicht oder das Zeichen einer Hingabe, die so nicht erwartet worden sind.
Während Geben und Nehmen mittlerweile gänzlich unaufwendig in die Mechanismen des Gesellschaftsbetriebs integriert sind, kann die Gabe, bei Gelegenheit, noch immer zum Mittelpunkt eines Festtages werden. Es sind ausgesuchte Momente, in denen dies geschieht, Momente auch einer dezenten Ruhigstellung der Zeit, der Besinnung, in der man sich, spielerisch und unabsichtlich zugleich, von der Vergänglichkeit entfernt. Solche Momente haben mit dem Glück zu tun - nicht mit der Dame Fortuna, sondern mit dem menschenmöglichen Glück, das sich auf das einfach Gegebene beschränkt, dem eine stille Freude abgetrotzt wird, die sich sonst rar gemacht hat in unserem Leben. Fortuna hingegen, von deren Freigebigkeit man sich stets eine Überfülle von Gaben erhoffte, bleibt eine launische Gestalt. Sie lässt sich nicht zwingen, schon gar nicht in die Individualbezirke des Daseins, um dort jenes kleine und private Glück anzurichten, über das sie selbst, als geschichtsträchtige Figur, erhaben ist.
Die Sehnsüchte der Menschen hat dies nicht angefochten; sie glaubten oft genug, auch dem grossen, dem übergeordneten Glück Beine machen zu können, auf dass es die Gaben herniederregnen lasse, die jeder einzelne, würde er denn nur gefragt, längst verdient zu haben glaubt. Machiavelli hielt es für richtig, dem Glück zu zeigen, dass es doch nur ein Weib ist - und damit zugänglich für die Eigenheiten des männlichen Charmes: «Es ist allemal besser, mutig draufloszugehen als bedächtig, denn das Glück ist ein Weib, und wer es unter sich bringen will, muss es schlagen und stossen.»
Mit dem einen grossen Glück, das eine flüchtige Schönheit ist, hat auch die eine grosse Gabe zu tun, die allen anderen Gaben vorausgeht: das Leben selbst, das wir empfangen, ohne dass wir recht wissen, wie uns geschieht. Wir sind deswegen nicht sonderlich dankbar, gehen mit dem Leben genauso achtlos oder noch achtloser um als mit anderen Gaben.
Dabei hätten wir, noch immer, allen Grund, dankbar zu sein. Das Leben nämlich ermöglicht uns alles, auch wenn es uns wenig gibt und eine Distanz zum Glück hält, die wir als ungerecht interpretieren. Zum Leben, der einen grossen Gabe, die wir in unserer Existenz anzunehmen und zu überdenken haben, gibt es keine rechte Alternative, es sei denn, man nähme den Tod als eine solche, was aber wahrlich nichts Verführerisches an sich hat.
Das Leben, mag man es als von Gott gegeben betrachten, einem gleichgültigen anonymen Spender zuordnen oder ohne Nachfrage in der Natur beginnen lassen, ist ein Geschenk, das in sich keine wesentlichen Steigerungsmöglichkeiten mehr erlaubt. In seinem Traktat «Von den Wohltaten» hat der Philosoph Seneca die dazugehörige Überlegung angestellt: «Ist es denn eine zu kleine Gabe, die die Natur uns schenkt, wenn sie sich selbst uns schenkt? Gibt es denn die Wohltaten Gottes gar nicht? Woher stammt denn das, was du besitzest, was du gibst, was du verweigerst, was du behältst und was du dir nimmst? Woher stammen die zahllosen Wunder, die deinen Blicken, deinem Ohr und deinen Gedanken schmeicheln?»
Das Leben also - als Wunder, als Gottes Geschenk, wobei man keineswegs an Gott glauben muss, um sich beschenkt zu fühlen und das Wunder, trotz aller zeitgenössischen Übellaunigkeit, zumindest zeitweilig wunderbar sein zu lassen. Wer sich diese Einsicht zu eigen macht, hat es, so darf vermutet werden, ein wenig einfacher: Es fällt ihm leichter zu geben, es fällt ihm leichter auch, etwas entgegenzunehmen, was nicht (mehr) selbstverständlich ist.
Auf einem Bild des Amerikaners George H. Seeley, betitelt «Die Opfergabe», wird auf wundersame Weise festgehalten, wie die Gabe, demütig angesetzt, mehr über sich verrät, als sie verraten kann, und schliesslich zur Übergabe wird: Unter einem lichtdurchfluteten Baum steht eine junge und schöne Frau, den Blick zum Himmel gewandt. In den Händen hält sie eine Opferschale, über deren Inhalt der Betrachter ebensowenig weiss wie über den Adressaten der Gabe, den die Frau mit den Augen und mit dem Herzen sucht. Ob sie ihn findet, dort oben im hellen Himmel, ist zweifelhaft; desgleichen, ob er geneigt ist, die ihm entgegengebrachte Gabe mit Wohlwollen zu vergelten.
Diese Fragen, die auf erfreuliche Weise unbeantwortbar bleiben, tun auch nichts zur Sache, denn die Frau wird den Blick zurückwenden zur Erde, auf der sie steht, und sie wird das finden, was sie schon hat: sich selbst nämlich, ihr eigenes Leben, das sich der einen, der grundlegenden Gabe verdankt, deren Wert mit den handelsüblichen Gewinneinheiten nie und nimmer zu bemessen ist.
Bevor es jedoch zu besinnlich wird, sollten wir zurückkehren in die Gegenwart, die von allzuviel Besinnlichkeit bekanntlich nichts hält. Mag die Gabe selbst auch uninteressant geworden sein, so verlangt doch alle Welt nach Zugaben. Man scheint den Hals nicht vollzukriegen; von allem, was der Spass- und Zerstreuungskultur dient, kann gar nicht genug herbeigebracht werden - erlaubt ist, was gefällt oder noch zu Gefallen sein könnte. Dabei verbittet man sich, innerhalb des globalen Vergnügungsbetriebs, alle Zumutungen und Eingaben, hinter denen die gründlich in Verruf geratenen Menschenbeglücker lauern könnten. Von ihnen will man nichts mehr wissen, so wie man auch von all den Elendsboten und Berichterstattern des gewöhnlichen Grauens nichts mehr wissen will; auf ihre Gaben, heisst es, kann man inzwischen gut und gerne verzichten.
Verstärkt wird dieser Trend durch die Inflation der Hilferufe: Wer sich tagtäglich um Spenden angegangen wähnt, von denen er glaubt, dass sie ohnehin nur als Tropfen auf dem heissen Stein dienen, mag sich eine gewisse Hartherzigkeit zugestehen - zumal es ja genügend Schuldige gibt, auf die jederzeit verwiesen werden kann.
Machte man aus all dem ein Standbild, so würde es weitaus weniger andächtig wirken als das Bild von Seeley: In einem Szenario der neuen und alten Unübersichtlichkeit sind, auf diesem Bild, nur noch zwei Zeitgenossen einigermassen deutlich zu erkennen. Der eine von ihnen, eine massige Gestalt, die sich an die inzwischen allseits anerkannte Devise «Nehmen ist seliger denn geben» hält, freut sich ersichtlich seines Lebens. Der andere, ein vergleichsweise verhuschtes, unangenehm intellektuell wirkendes Männchen, kauert im Hintergrund, mit einem Blick, der entsprechend hintergründig ist - so, als müsste das Männchen immer noch herauszufinden versuchen, ob es sie denn gibt, die eine Gabe, die allen gilt und doch nur, ein Leben lang, von ihm selbst anzunehmen und zu bedenken wäre.
Otto A. Böhmer, Schriftsteller, lebt in Wöllstadt (D).