UND GERI WEIBEL bleibt verschwunden. Weder im SOFORT! noch im Club81 taucht er auf, im Grappino wurde er nicht gesehen, und auch im Alten Fass, wo Robi Meili öfter anzutreffen ist, kreuzt er nicht mehr auf.
Carl Schnell, der Psychologe, vermutet ihn an den früheren Schauplätzen. Er macht eine Runde durch die SchampBar, das Fisch&Vogel, sogar im Mucho Gusto schaut er kurz rein. Nichts. Geri ist wie vom Erdboden verschluckt.
Am Telefon meldet er sich nicht, und der Delegation, bestehend aus Robi Meili und Freddy Gut, die auf Drängen von Susi Schläfli an zwei Abenden an seiner Wohnungstür klingelt, öffnet er nicht. Er beantwortet keine E-Mails, die Nummer seines Handys ist nicht mehr in Betrieb. Und als Freddy Gut sich schliesslich zum äussersten Tabubruch im Codex der Clique entschliesst und Geri im Büro anruft, heisst es dort jedes Mal: «Kann er Sie zurückrufen?»
Am Anfang reagiert die Szene mit einer Mischung aus schlechtem Gewissen und Besorgnis auf Geris Verschwinden. Erst als Alfred Huber berichtet, dass er ihn vom Tram aus mit zwei Tragtaschen ein türkisches Lebensmittelgeschäft verlassen sehen hat, einigt man sich darauf, dass Geri es übertreibt. Die Szene wendet sich gelangweilt und leicht beleidigt wichtigeren Dingen zu.
Und Geri? An jenem Abend, als er die Clique im Alten Fass hatte stehen lassen, war er auf dem kürzesten Weg nach Hause gegangen und hatte sofort begonnen, seine Möbel herumzuschieben. Den Tisch dorthin, wo das Bett stand, das Bett dorthin, wo der Sessel war, den Sessel an die Stelle der Anlage, die Anlage an die Stelle des Fernsehers. Danach hatte er die Wände leer geräumt. Das Warhol-Poster, das ihn seit seiner ersten Wohnung begleitet, die acht Fotos von Havanna, das Helmut-Newton-Poster, das Ikat, alles weg. Schneeweisse Wände, die Nagellöcher mit Zahnpasta retuschiert.
In der Nacht hatte er sich die kleine Zehe gestaucht, als er im Dunkeln auf dem Weg zur Toilette die Orientierung verlor und in den Kühlschrank lief. Und am nächsten Morgen beim Erwachen hatte er einen Moment gebraucht, um sich zurechtzufinden.
Er hatte sich Tee statt Kaffee gemacht und einen anderen Radiosender gesucht mit anderer Musik und anderen Moderatoren. Bis er ins Bad ging, hatte er sich als neuer Mensch gefühlt. Aber als er sich dann vor den Badezimmerspiegel stellte, stand er ihm wieder gegenüber: dem alten Geri Weibel in Lebensgrösse. Mit dieser Locke, die ihm in die Stirn fiel wie ein überdeutlicher Hinweis auf eine Brille, die aussah, als sei ihr einziger Zweck die Betonung seiner Augenbrauen und die Sehhilfe nur ein vernachlässigbarer Nebeneffekt.
Sieht so der Geri Weibel aus, der über die Coolness verfügt, einen Robi Meili, eine Susi Schläfli, einen Carl Schnell, einen Freddy Gut, einen Alfred Huber wie begossene Pudel im Alten Fass stehen zu lassen? Kommt so der Kerl daher, der die Nonchalance besitzt, sich von einer Sekunde auf die andere der Leute zu entledigen, die bisher den Mittelpunkt seines Denkens und Handelns darstellten?
Noch nie in seinem an Zweifeln so reichen Leben war sich Geri einer Sache so sicher gewesen wie der Antwort auf diese Frage. Der Geri Weibel, der er ist, ist nicht mehr der, den er hier sieht. Nur: wie sieht der aus, der er ist?
Er beginnt mit der Brille. Nur Leute ohne Selbstbewusstsein haben es nötig, ihre Brille als modisches Accessoire zu tarnen. (Ich sehe zwar noch gut, aber ich fand diese Brille einfach so witzig.) Der Geri nach der Wende trägt eine Brille, weil er einfach nicht so gut sieht, klar? Schlechte Augen, na und? Da kauft man sich eben ein solides Brillengestell, welches von Fachleuten geschliffene Qualitätsgläser bequem und rutschfest im richtigen Winkel vor den Augen fixiert.
Als Nächstes nimmt er sich die Frisur vor. Nur Männer, die Grund haben, die Konturen ihrer Persönlichkeit zu verwischen, brauchen Haare. Einer wie der neue Geri kann es sich leisten, seine Personality auf ihre Essenz runterzurasieren.
Und die Kleider? Auch so ein Ablenkungsmanöver. Auch hier gilt das Motto: runterfahren auf die klare Linie (Rollkragenpullover) und die Funktion (Pelzkragen im Winter).
Mit der Anpassung des äusseren Geri an den verwandelten inneren wächst sein Selbstbewusstsein so weit, dass er eines Abends wieder im Club81 auftaucht.
Der heisst jetzt Steel und ist auf das Wesentliche reduziert. Modisch dominieren bei den Gästen die klaren Linien. Robi Meili, Carl Schnell, Freddy Gut und Alfred Huber haben ihre Personalities auf ihre Essenz runterrasiert.