NZZ Folio 05/95 - Thema: Nach Kriegen   Inhaltsverzeichnis

Krieger ohne Krieg

Wiedereingliederung von Kämpfern in El Salvador.

Von Peter Gaupp

TOTE UND VERSCHWUNDENE: rund 75 000, in der Mehrzahl Zivilisten; Kriegsversehrte: rund 40 000; Vertriebene im Inland: mindestens eine halbe Million; Flüchtlinge und Auswanderer im Ausland: etwa eine Million - das ist die statistische Bilanz von über zehn Jahren Bürgerkrieg im Sechsmillionenland El Salvador. Einen militärischen Sieger gab es nicht in diesem Kleinkrieg, der mit dem Ende des grossen kalten Krieges seine Existenzberechtigung als Stellvertreterkrieg verloren hatte. Dank einem Friedensabkommen zwischen Regierung und Guerilla kam es aber doch zu weitreichenden Reformen unter Uno-Aufsicht. In den letzten drei Jahren wurden die Guerilla demobilisiert, die Armee um zwei Drittel reduziert und die militärisch geführten Polizeitruppen aufgelöst und durch eine Zivilpolizei ersetzt. Es wurden saubere Wahlen durchgeführt, Justizbehörden erneuert, der Wiederaufbau begonnen und die Wirtschaft wieder in Schwung gebracht. Ende April ist das Mandat der Uno-Mission abgelaufen; das Land ist wieder, mit etlicher Auslandhilfe, sich selbst überlassen. Sind aus den meist jugendlichen Kämpfern nun zivile Berufsleute geworden, aus Feinden Mitbürger?

Das Dorf Guajila in der Nordprovinz Chalatenango, einer Hochburg des Frente Farabundo Martí Liberación Nacional, der FMLN-Guerilla, war während des Krieges verlassen worden, Kirche und Wohnhäuser wurden zerstört. Seit drei Jahren wird es von Ehemaligen und Anhängern der zur politischen Partei mutierten Guerilla wieder besiedelt. Der Aufbau wird dank dem baskischen Dorfpfarrer hauptsächlich von der spanischen Kirche finanziert. Mit Uno-Geldern haben FMLN-Organisationen Schule, Dorfklinik und ein kleines Rehabilitationszentrum für Kriegsversehrte eingerichtet, von denen es im Ort fast hundert und in der weiteren Umgebung etwa fünfhundert gibt.

Unser Führer ist Ricardo Ayala, ein 32jähriger Guerilla-Veteran, dessen rechtes Bein 1986 wegen Granatsplitterverletzungen amputiert werden musste. Ein Bruder Ayalas fiel im Krieg, ein weiterer wurde ebenfalls verletzt. Ayala hat drei Kinder; die Mutter des ersten kam im Krieg um, die zweite Gefährtin trennte sich von ihm, als er, vom IKRK als Kriegsverletzter evakuiert, bis 1990 in Kuba Zuflucht nahm.

Heute wirkt Ayala als Vorsitzender der Kriegsversehrtenvereinigung des FMLN im Departement Chalatenango im dichten Netz der Organisationen mit, das die ehemalige Guerilla zur politischen Interessenvertretung geknüpft hat. Zu diesem Netz gehören auch Produktionsbetriebe wie die Kooperative La Costa in der Provinz Usulután, wo auf einem abgelegenen Küstenstreifen, von dem sich die Guerilla nie vertreiben liess, auf besetztem früherem Grossgrundbesitz Meersalz gewonnen wird und Crevetten gezüchtet werden. Wenn es ihnen nicht gelungen ist, mit den Waffen die ganze Macht zu erobern, so wollen die ehemaligen Guerilla-Comandantes wenigstens für sich und ihre Leute eine wirtschaftliche Basis sichern, die ihnen anhaltenden politischen Einfluss gewährleistet. Die Gemässigteren unter ihnen haben sich zu Promotoren der Marktwirtschaft gemausert. «Der Markt ist nicht unser Feind», sagt Jorge Meléndez, «das Problem liegt darin, dass die einen Besitz haben und andere nicht. Wir brauchen mehr Besitzende, um die Wirtschaft zu demokratisieren.» Wie andere FMLN-Spitzen hat Meléndez ein mehrwöchiges Management-Seminar an einer zentralamerikanischen Kaderschmiede in Costa Rica absolviert.

Ganz in gleichem Sinn hat sich Radio Venceremos (RV) den neuen Zeiten angepasst. Von den Bergen in der Provinz Morazán ist der legendäre Guerillasender in ein gutes Quartier der Hauptstadt umgezogen und strahlt 19 Stunden pro Tag sein Programm auf einer legalen UKW-Frequenz vom Gipfel des Vulkans San Salvador aus. RV ist heute eine Aktiengesellschaft, die zum grössten Teil von Initianten und Angestellten kontrolliert wird. «Der Wandel vom Propaganda- und Agitationsinstrument zu einem Medium, das nicht mehr offizielles Sprachrohr einer Partei sein will, war schwierig und ist von Kollegen nicht verstanden worden: Manche wären am liebsten noch immer jeden Morgen beim Politkommissar des FMLN angetreten, um die Linienweisungen entgegenzunehmen», sagt Carlos Henríquez Gonsalvi, Direktionsmitglied und Leiter des Frühnachrichtenmagazins. «Heute überleben wir dank Werbung in einem Markt von nicht weniger als 130 Radiosendern.»

Nicht alle Exguerilleros haben sich in der veränderten Situation so gut zurechtgefunden. Ricardo Ayala gehört zu jenen, die seinerzeit gegen das Friedensabkommen waren, auch wenn er heute die Meinung der FMLN-Führung akzeptiert hat, dass der Krieg in der seit 1989 veränderten zentralamerikanischen und globalen Umwelt kein gangbarer Weg mehr war. «Wir wussten, weshalb wir kämpften: um die Situation zu verbessern, für ein würdiges Leben. Ich bereue es keinen Augenblick. Doch heute können wir wenig ändern, und die Regierung hält sich nicht an ihre Versprechungen von Pension, Wohnung und Wiedereingliederung.»

Solche Klage ist allenthalben zu hören. Auch die Uno-Mission ist besorgt darüber, dass noch nicht einmal die Hälfte der laut Friedensvereinbarung Begünstigten - Ehemalige beider Seiten - das Land zugesprochen erhalten haben, das ihnen zum Aufbau einer bäuerlichen Existenz zusteht. So haben plötzlich ehemalige Feinde jetzt gemeinsame Interessen: Ayalas Kriegsversehrtenvereinigung hat in Chalatenango mit der Organisation der aus den Streitkräften Entlassenen, Adefaes, gemeinsame Vorstösse unternommen.

Während die Exkombattanten des FMLN sich immerhin auf eine weitverzweigte Organisation stützen können, die ihnen in vielen Fällen Stipendien und Arbeit verschafft hat, fanden sich über 30 000 entlassene Soldaten und über 10 000 Polizisten buchstäblich auf der Strasse. Entsprechend radikal tönt es bei der Adefaes, die nach eigenem Bekunden über 20 000 Mitglieder hat. Ihr Gründer und Vorsitzender Marcelino Castillo, ein drahtig-nervöser 27jähriger aus der Provinz La Libertad, sah seinen Jugendtraum vom Medizinstudium platzen, als er mit kaum 15 Jahren zwangsrekrutiert wurde. Von der Armee kam er zur Nationalgarde, zur Polizeitruppe mit der übelsten Reputation, was die Menschenrechte betraf. Über seine damaligen Erlebnisse schweigt er, über seine heutigen Frustrationen lässt er sich aus: «Was soll man tun, wenn man nur gelernt hat, mit Waffen umzugehen? Erst sehr spät haben wir erkannt, dass wir nicht die Souveränität El Salvadors verteidigt haben, sondern den Reichtum von ein paar Leuten. Die Hauptleute und höheren Offiziere haben mit einer Stange Geld und Hochschulstipendien den Abschied genommen, wir stehen mit leeren Händen da. Das nationale Wiederaufbauprogramm hat den Fehler, dass es von Militärs geleitet wird. Die Landzuteilungen erfolgen zu überhöhten Preisen, die zugeteilten Landflächen sind deshalb oft zu klein; dahinter stecken betrügerische Absprachen zwischen Privatbesitzern und Militärs.»

In den letzten Monaten ist die Adefaes zu einem von der Regierung gefürchteten politischen Faktor geworden. Ende Januar gingen Tausende von Ehemaligen der Streitkräfte auf die Strasse. Sie errichteten Sperren im ganzen Land und besetzten in der Hauptstadt San Salvador das Parlament, das Finanzministerium und die Pensionskasse der Armee. Es gab einen Toten und mehrere Verletzte. Im Februar kam es erneut zu heftigen Demonstrationen, diesmal vor dem Präsidentenpalast, just als Präsident Armando Calderón Sol den spanischen Ministerpräsidenten Felipe González empfing. Calderón sah bei diesen Ereignissen unbekannte politische Hintermänner am Werk. Dabei wird schnell vergessen, dass die Adefaes echte Anliegen einer benachteiligten Gruppe vertritt. Da die offiziellen Wiedereingliederungsbemühungen schleppend verliefen, haben die Ehemaligen Kurse in eigener Regie organisiert. Im Büro des Vorsitzenden hängen Diplome eines Elektriker- und eines Sanitärinstallateurkurses sowie eines Seminars über Landwirtschaftsentwicklungspolitik - nach seinem Urteil allerdings Schnellbleichen ohne Folgebetreuung, die wenig Aussicht auf Beschäftigung eröffnen.

Die kalkulierten Provokationen haben der Adefaes immerhin eine neue Versicherung von seiten der Regierung eingebracht, sie werde ihre Verpflichtungen aus dem Friedensabkommen getreulich erfüllen. Ausserdem hat der Leiter der Uno-Mission, der Venezolaner Enrique Ter Horst, der als Vermittler auftrat, eine schriftliche Garantie gegeben, dass zusätzlich 5000 Ehemalige der ländlichen Zivilverteidigung, die der Armee Hilfsdienste im Guerillakrieg geleistet hatten und in den Friedensregelungen unberücksichtigt blieben, in die Wiedereingliederungsprogramme aufgenommen werden sollen. «Wenn er sein Wort nicht hält, werden wir Ende April seine Ausreise verhindern», sagt Castillo. Sein Lieblingsprojekt ist indessen die Schaffung eines Krankenhauses für Kriegsveteranen. «Der Krieg hat uns alle traumatisiert, um nicht zu sagen verrückt gemacht.»

Vielleicht das überzeugendste Projekt zur beruflichen Eingliederung von Exkombattanten wird von der deutschen Entwicklungshilfe (GTZ) verwirklicht. In den geräumigen Hallen einer privaten katholischen Berufsschule in Sonsonate, eine Autostunde westlich von San Salvador, sitzen etwa zwanzig junge Männer, mehrheitlich Armee-Entlassene, aber auch einige Exguerilleros, an Nähmaschinen. Eine resolute kleine Schneiderlehrerin lehrt sie, wie einfache Kleider zugeschnitten und genäht werden; zurzeit entstehen Jeansjupes, die willkommene Geschenke an Frauen und Freundinnen abgeben werden. In einem andern Saal schwitzen Malerlehrlinge über einer Theorieprüfung; etliche haben Mühe mit Schreiben, erhalten dabei aber Hilfe von den Lehrern.

Seit Ende 1993 hat der GTZ-Beauftragte Dieter Holtkamp mit neun Millionen Mark ein Programm auf die Beine gestellt, das 3000 Ehemaligen eine gute Grundausbildung in verschiedensten Berufen vermitteln soll; grössere Kontingente stellen beispielsweise Maurer, Schreiner, Mechaniker, Chauffeure und Computerfachleute. Die 3000 Plätze sind paritätisch auf Exsoldaten und Exguerilleros aufgeteilt, die 779 Frauen sind allerdings fast alle frühere FMLN-Kämpferinnen. Die Teilnehmer erhalten ein Monatsgeld von 500 Colones (etwa 75 Franken), der Mindestlohn nach salvadorianischem Gesetz beträgt 800 Colones. Dies soll ihnen erlauben, an drei Wochentagen die Kurse zu besuchen, die ein Jahr dauern.

Die Dauer und Qualität der Ausbildung hebt dieses Projekt von andern ab, vor allem aber auch der Umstand, dass das Angebot an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes orientiert ist, dass es mit einer Ausbildung zur Gründung eines Kleingewerbebetriebes ergänzt werden kann und dass für die Absolventen in der lokalen Industrie Stellen gesucht werden. Holtkamp ist dabei auf Misstrauen von Unternehmern gegenüber ehemaligen Guerilleros gestossen; er sucht es zu zerstreuen, indem er den Arbeitgebern klarmacht, dass sich diese meist durch ein besonders hohes Engagement auszeichnen. Selbständiges Denken und Handeln ist wohl in der Guerilla eher gefördert worden als im Armeekommiss. Probleme zwischen den einstigen Kriegsgegnern gibt es in den Berufskursen laut Holtkamp nicht.

Der Arbeitsmarkt, ergänzt von einer wachsenden ausländischen Fertigungsindustrie, die von Billiglöhnen und dem sprichwörtlichen salvadorianischen Fleiss profitiert, wird all die neuen, aus dem Kriegshandwerk umgestiegenen Arbeitskräfte nur bei anhaltendem Wachstum absorbieren können. Die Absolventen der «deutschen» Lehre haben sicher einen Startvorteil. «Auf jeden Fall sind sie», so gibt Holtkamp zu bedenken, «für ein Jahr weg von der Strasse und riskieren weniger, in die Kriminalität abzugleiten.»

Das gewöhnliche Verbrechen hat in El Salvador Kriegsgreuel und politischen Terror mehr als nur ersetzt. Der Grossteil der Bevölkerung fühlt sich heute im Alltag unsicherer als zur Guerillazeit. Die meisten Neukriminellen sind waffengeschulte arbeitslose Kriegshandwerker, Kriegsneurotiker und Friedensfrustrierte, die für eine ordentliche Wiedereingliederung ins Zivilleben wohl verloren sind. Für die Bekämpfung der wachsenden Kriminalität ist anstelle der diskreditierten und aufgelösten Polizeitruppen unter Militärkommando seit Januar die auf Grund der Friedensvereinbarungen neu geschaffene Nationale Zivilpolizei (PNC) zuständig. Dass sie dazu optimal gerüstet ist, möchte niemand behaupten. Zu kurz ist dafür die Ausbildungszeit von sechs Monaten, zu klein der Bestand von bisher gut 7000 Männern und Frauen. Geplant ist vorläufig ein Vollbestand von etwa 10 000, erwünscht wäre auf längere Sicht das Doppelte. Im März beschloss deshalb die Regierung, auch die Armee vorläufig wieder zur Wahrung der inneren Sicherheit beizuziehen.

Die Nationale Akademie für öffentliche Sicherheit, wie die neue Polizeischule auf einem ehemaligen Armeestützpunkt neben dem internationalen Flughafen in Comalapa offiziell heisst, ist seit drei Jahren das Schaustück des salvadorianischen Befriedungsprozesses: Für die internationale Zusammenarbeit stehen Polizeiinstruktoren aus den USA, Puerto Rico, Spanien, Schweden, Norwegen und Chile, für den Wiedereingliederungs- und Versöhnungsgedanken die vorgegebene Zusammensetzung aus je einem Fünftel unbescholtenen früheren Aktiven der Guerilla bzw. der Nationalgarde sowie drei Fünfteln Zivilisten und für den modernen Charakter der Truppe die Aufnahme von Frauen (gut sieben Prozent).

An dem Nachmittag, da wir die Akademie besichtigen, ist von eigentlicher Polizeiausbildung wenig zu sehen. Das Gros der Rekruten exerziert Gleichschritt und Ehrenformation für den Besuch des spanischen Regierungschefs. Ein kleiner Teil übt an verschiedenen Posten Fahrzeugkontrolle, Festnahme von Delinquenten und das Verhalten bei Massenunruhen. Unser Führer ist Wachtmeister Rafael Ramos, ein Veteran der kommunistischen FAL (Befreiungsarmee) innerhalb der FMLN-Guerillafront. Er bedauert, dass seine ehemaligen Genossen ihr Kontingent von 20 Prozent in der PNC längst nicht mehr ausschöpfen. In den letzten Klassen ist der Anteil der Exguerilleros auf 6 Prozent gesunken, während fast zwei Drittel der Rekruten offen oder verdeckt aus den ehemaligen Sicherheitskräften stammen sollen. Auf der Seite der Militärs und Regierung mag dies gezielte Politik oder bewusstes Wegschauen sein, auf der Seite der Guerilla ein Symptom der geringeren Wiedereingliederungsprobleme oder des Misstrauens gegenüber dem Staat, in dem man sich erst in der Rolle der wichtigsten Oppositionspartei und des Mitgaranten der Friedensvereinbarungen zurechtfinden muss.

Wer geglaubt hat, mit der Anreicherung einer Polizeiausbildung, die nicht mehr auf Kadavergehorsam, sondern auf Mitdenken beruhen soll, durch Seminare über Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte sei die Zivilisiertheit der Zivilpolizei garantiert, sieht sich bald enttäuscht. Zwar ist die Angst der Bevölkerung vor der Polizei oft geradezu Respektlosigkeit gewichen, während Übergriffe der neuen Truppe offenbar Seltenheitswert haben; anderseits aber laden die schlechten Löhne nach wie vor zur Korruption ein. Ein Teil der Rauschgiftabteilung der PNC, die im wesentlichen unverändert aus der Nationalgarde übernommen worden war, musste im Februar deswegen entlassen werden, was ihre Kollegen zu einem zehntägigen Solidaritätsstreik veranlasste.

Immerhin: Auch in der PNC zeigt sich, dass im Arbeits- und Alltagsleben die Gräben zwischen den früheren Kriegsgegnern rasch zugeschüttet werden können. Man erzählt den Besuchern der Akademie gerne von der Heirat zwischen einer Rekrutin, die als Guerillera in den Bergen kämpfte, und einem Kollegen, der in der alten Policía Nacional diente. Oder vom ersten PNC-Kommandanten im Departement Chalatenango, einem Guerillaveteranen, und seinem Stellvertreter, einem ehemaligen Militärpolizisten, die sehr wohl in früheren Jahren in den Hügeln der Region aufeinander geschossen haben könnten.

Peter Gaupp ist Lateinamerika-Korrespondent der NZZ.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.